Martenstein"Ich habe eine 'ziemlich'-Phobie entwickelt"

Harald Martenstein über ziemlich beste Überschriften.

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Wie ziemlich jeder habe ich mir den Film mit dem Titel Ziemlich beste Freunde angeschaut. Es ist ein ziemlich hübscher Film, der ziemlich viel für das deutsche Wort "ziemlich" getan hat.

Ein Leitartikel in der FAZ über den Staatsbesuch von Angela Merkel in China trägt den Titel: "Ziemlich beste Freundin". Ein Bericht der Otto Brenner Stiftung über die Wulff-Affäre kommt unter folgender Überschrift daher: "Bild und Wulff – ziemlich beste Partner". Der Bericht des Spiegels über das Kinoland Frankreich heißt natürlich "Ziemlich beste Komödien". Die Variante "ziemlich beste Feinde" aber ist so beliebt, dass man sie heutzutage fast überall antrifft – sowohl ein Spiegel-Text über Missgunst und Niedertracht in der Politik als auch ein vergleichender Autotest des Konkurrenten Focus über den Porsche 911 Cabrio und den Boxster tragen den Titel "Ziemlich beste Feinde".

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Das wird jetzt immer weiter variiert und verfeinert. Eine Filmkritik in der tageszeitung, zu dem Film Starbuck: "140 ziemlich beste Freunde". Eine andere Kritik, diesmal in TV Spielfilm, über eine französische Komödie mit Köchen darin: "Ziemlich beste Köche". Auf gut Glück habe ich einfach mal, nur weil der Hund gerade gebellt hat, die Formulierung "ziemlich beste Hundefreunde" gegoogelt. Texte zum Thema "ziemlich beste Hundefreunde" findet man unter anderem in den Blogs Hasenbrot und Schnoggel.

Ich bin sicher, dass man inzwischen auch was über "ziemlich beste Frauen", "ziemlich beste Reiseziele" und "ziemlich beste Nasen-OPs" findet. Das muss ich nicht googeln, das weiß ich auch so. Die Formulierung ist inzwischen so weit verbreitet, dass die ersten damit anfangen, sie zu überbieten. In den Potsdamer Neuesten Nachrichten beginnt eine Reportage folglich mit dem Satz: "Andreas und Jens sind mehr als ziemlich beste Freunde." Sie sind ziemlich allerbeste Freunde, vermute ich.

Inzwischen habe ich eine solche Phobie gegen Wortkombinationen mit "ziemlich" entwickelt, dass ich kaum noch das politische Tagesgeschehen verfolgen kann, ich habe Angst davor. Diese Kolumne schreibe ich auf ärztlichen Rat, um mich zu desensibilisieren.

Mit den Moden verhält es sich so, dass man sie immer erst mal neu findet, und zwar leider nur relativ kurz. Dann hat man sich daran gewöhnt. In dieser Zwischenphase fällt einem die Mode überhaupt nicht mehr auf. Sie wirkt weder positiv noch negativ. Im Stadium Nummer drei merkt man, dass eine Sache, die anfangs originell schien und dann nicht mehr ganz so originell, inzwischen überall gemacht wird und nervt. Wer jetzt noch auf den Zug aufspringt, erreicht genau das Gegenteil des Gewünschten. Statt auffällig originell wirkt diese Person auffällig unoriginell.

Ein ähnlicher Fall war die Schreibweise mit dem Großbuchstaben in der Mitte. Aus der ohnehin fragwürdigen "Bahncard" musste aus Originalitätsgründen eine "BahnCard" werden, die Tübinger Kulturnacht 2012 trägt den Titel "KrisenFest", und nahezu alle Galerien, die ich kenne, heißen neuerdings "EigenArt". Originell war dies leider nur zwischen dem 7.11., 15 Uhr, und dem 21.12. des Jahres 2005. Zur Risikovermeidung rate ich allen Kreativen, es einfach mal ohne Originalität zu probieren. Unoriginell zu sein ist heutzutage das Mutigste und Originellste überhaupt. "Bahnkarte" klingt hammergeil kultiviert, und wer einfach eiskalt "gute Freunde" schreibt, der gewinnt bei den Olympischen Spielen der Originalität die Goldmedaille.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
  1. Der Erste, der "Herz" auf "Schmerz" reimte, war ein Genie. Die zwanzig Millonen, die das nachmachten, eher nicht.
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    Ich hätte auch schreiben können: "Die gefühlten zwanzig Millionen". Dagegen habe ich aber eine Phobie.
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    "Dagegen habe ich aber eine Phobie" ist DER Modeausdruck des Jahres 2013, erfunden von Herrn M. Er wird den heute nur von jungen Frauen gebrauchten Ausdruck ablösen: "Ja, wie geil ist das denn?"

  2. "Im Stadium Nummer drei merkt man, dass eine Sache, die anfangs originell schien und dann nicht mehr ganz so originell, inzwischen überall gemacht wird und nervt."

    Auch in der ZEIT finde ich häufig ein Zitat,das im Stadium Nummer drei angekommen ist.Es steht ca. in jeder 3. Ausgabe:"Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen." Manchmal "darf" oder "kann" man es auch,oder der Autor versucht ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen mit dem vereinnahmenden "Wir müssen".Mein Vater hat mir u.a. die Sagen des Altertums als Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen, bevor ich selbst lesen konnte. Damals hat mich der arme Kerl stark beeindruckt, wie er seinen Stein immer wieder vergeblich hochrollte und nie ans Ziel kam. Ich war ein phantasiebegabtes Kind und sah die Szene plastisch vor meinem geistigen Auge. Als ich anfing die ZEIT zu lesen, bemerkte ich eine zunehmende Abneigung mir Sisyphos vorzustellen, weder als "Steinhochroller" und schon gar als "glücklichen Menschen".Die Abneigung wuchs sich zur völligen Verweigerung aus, wenn wieder einmal ein ZEIT-Autor von mir diese Vorstellung rigoros forderte. Vielleicht könnten Sie in der nächsten Redaktionskonferenz vorschlagen, dass dieses Zitat nicht mehr gedruckt wird. Stattdessen könnte man den Artikeln der sisyphosaffinen Autoren folgenden Satz voranstellen: "Dieser Autor ist mit den griechischen Mythen vertraut und hat Camus oder ein Zitatenlexikon gelesen, dennoch ist der folgende Artikel sisyphosfrei. Genießen Sie ihn.

    2 Leserempfehlungen
    • Corte
    • 15.09.2012 um 1:29 Uhr

    Wieso war diese Mode zwischen dem 7.11., 15 Uhr, und dem 21.12. des Jahres 2005 originell? Hat diese Einteilung einen bestimmten Grund oder ist das ein Gag?
    Übrigens schreibt Herr Martenstein eine der ziemlich besten Kolumnen überhaupt. :) ;)

  3. Und als nächstes bitte das Modewort jedes Fäuletonisten in Print & Kulturradio: "spannend". Alles ist heute angeblich spannend. Besonders - aber nicht nur - die drögen Vernissagen irgendwelcher Galerien.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Spannend" stammt aus dem Wortbaukasten der Psychologen und wird benutzt, wenn eine Sache beängstigend problematisch und ohne Stress nicht zu bewältigen ist.
    Bei der drögen Vernissage hätten Sie auch merken können, dass der Feuilletonist lange nach einem Wort gesucht hat, das nicht zu positiv klingt.

    "Spannend" stammt aus dem Wortbaukasten der Psychologen und wird benutzt, wenn eine Sache beängstigend problematisch und ohne Stress nicht zu bewältigen ist.
    Bei der drögen Vernissage hätten Sie auch merken können, dass der Feuilletonist lange nach einem Wort gesucht hat, das nicht zu positiv klingt.

    • Mari o
    • 15.09.2012 um 22:31 Uhr

    Eine wunderbare Arbeit des wunderbaren usw.
    in diesem wunderbaren Museum,in dieser wunderbaren Sammlung
    Nichts ist wunderbar.weil es keine Wunder gibt *schäum*

  4. ganz schön cool, diese Kolumne, dem Wörtchen 'ziemlich' sollte man tatsächlich den Garaus machen, denn es zu lesen, ist irgendwie nervend, auch wenn es oft so irgendwie locker daherkommt, ist es doch meist irgendwie nichtsagend, aber man braucht halt auch irgendwie Mut, es eiskalt wegzulassen, denn dann klingt alles irgendwie trocken und uncool und das möchte man dann doch irgendwie auch nicht.
    Auch ich habe im Hinblick auf die Verwendung mancher Wörter eine Phobie, aber die lebe ich irgendwie ganz gerne aus.

    • Kometa
    • 17.09.2012 um 21:33 Uhr

    Ja, ziemlich gut!
    Noch guter?
    "»Bahnkarte« klingt hammergeil kultiviert, und wer einfach eiskalt »gute Freunde« schreibt, der gewinnt bei den" ... Ziemlich olympischen Spielen der Ziemlich-Originalität die ziemlichste Goldmedaille aller Zeiten.

    • Behh
    • 19.09.2012 um 10:55 Uhr

    Oft genug beides. Glücklicherweise gibt es Moden, kollektive Originalität. Bei Sprachmoden verlieben sich alle für eine Saison in den Sound eines Wortes, Jugendliche mit besonderer Leichtigkeit.

    Die "ziemlich"-Mode, die mir bisher nicht aufgefallen ist, scheint vor allem von Leuten kultiviert zu werden, die eigentlich eher irgendwie unwirsch auf Füllselwörter reagieren müßten. Das spricht nicht für eine lange Lebenserwartung.

    Es könnte eine Filmtitelmode bleiben, wie "Die üblichen Verdächtigen" oder "Rosenkrieg". (Ob das Wort jemand, der es gebraucht, wirklich erklären kann?) Oder es könnte die Rolle des im Englischen omnipräsenten "quite" einnehmen. Das wäre "quite alright". Am Ende des Tages ist alles Mode. Nicht wirklich.

    Was den "Ziemlich"-Film selbst angeht: Europa rollatort auf eine absolute Pflegekatastrophe zu. Die Japaner investieren massiv in die Entwicklung von technischen Altenhelfern. Europäern wird erzahlt, daß Millionen von Afrikanern davon träumen, hinfällige Europäer zu versorgen. Wer darüber einen lustigen Kommentar schreiben könnte, der wäre definitiv gut.

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