Das Buch ist vollkommen verrückt. Es ist sehr interessant. Wer je gedacht hatte, dass sich Martin Walsers Werk im Realistisch-Plausiblen und Alltäglichen erschöpfe, in der fallweise allerdings beachtlich filigranen Nachzeichnung des seelischen Alltagserlebens, der wird hier eines bizarr anderen belehrt. Der Briefroman Das dreizehnte Kapitel ist von vollendeter Exzentrizität. Auch wenn er mit einer Alltagssituation beginnt, mit dem Moment einer plötzlichen Verliebtheit, die den Großschriftsteller Basil Schlupp auf einem Festessen beim Bundespräsidenten überfällt, entfernt sich der Roman vom Plausiblen dieser Situation doch bald darauf mit rasender Geschwindigkeit.

Wonach es die Herzen der beiden Briefpartner verlangt, kann aus der Realität nicht bezogen werden, also besorgt es der Autor, indem er alles Nötige ohne Rücksicht auf Wahrscheinlichkeit erfindet. Schon dass sich das Liebeswerben des Schriftstellers in Briefen erschöpft, dass auch die schließlich entstehende Beziehung zu der begehrten Frau fernschriftlich und platonisch bleibt, wirkt etwas kurios. Dass der Dichter zudem Basil Schlupp heißt, also einen typisch skurrilen Walser-Namen trägt und auch in der enthemmt fließenden, bald larmoyanten, bald maliziösen Diktion Walsers formuliert, dass die Frau nicht nur hinreißend blond, sondern dazu hochgelehrte Theologin ist, macht das Setting vollends unwahrscheinlich. Und wozu braucht es überhaupt eine Theologin? Es braucht sie, um das Gespräch auf die Theologie Karl Barths zu lenken, die das Hauptthema des Buches bildet. Wie in den philosophischen Briefromanen des 18. Jahrhunderts ist alle Handlung nur Argument, alles Erzählte nur Material für die Theorie.

Aber das Unglaubwürdige, das künstlich Hergestellte der Konstellation ist nur der Anfang der Zumutungen. Das gänzlich Künstliche entfaltet sich erst in dem, was die verliebten Briefsteller, beide solide verheiratet, aus ihrem jeweiligen Eheleben berichten. Man liest es allerdings mit Genuss. Es sind schrille Dreiecks- und Vielecksverhältnisse, auch diese ohne sexuellen Vollzug, aber mit beträchtlichem Gift- und Zersetzungspotenzial. Wenn es ein verstecktes, obgleich beträchtlich lärmendes Nebenthema in diesem Roman gibt, dann diese Warnung vor platonischen Beziehungen: Sie können genauso obsessiv und zerstörerisch sein wie die ausgelebten, vielleicht gefährlicher noch wegen der Fantasien, die keiner Realitätskontrolle unterliegen.

Basil Schlupps, des enthemmt plappernden Dichters Ehefrau lebt zum Beispiel noch im Banne ihrer ersten Beziehung zu einem jähzornigen, aber offenbar erotisch begabten Architekten. Der »Herr der Liebe und des Zorns« sitzt inzwischen im Rollstuhl, hat aber noch die Macht, seine Exfreundin zu sich zu befehlen, die nach solchen Ausflügen in die Vergangenheit für Tage in brütendes Schweigen verfällt. Aber nicht nur dies breitet der Dichter vor seiner Briefpartnerin aus, sondern auch, dass seine Frau, im Brotberuf Fernsehserienschreiberin, im Geheimen einen hochehrgeizigen Roman verfasst. Die Indiskretion, von der Schlupp sehr wohl weiß, dass sie an Verrat grenzt, bereitet ihm tiefes Behagen; wie denn überhaupt der Verrat die Süßigkeit ist, die sich die Briefpartner als Ersatz für die ausbleibende sexuelle Begegnung gönnen.

Und sie wissen es. Sie entwerfen geradezu eine Poetik des Verrats, der eine Intimität herstellt, die sonst nicht zu haben wäre, und diese Intimität darüber hinaus mit dem Schauer der Grenzüberschreitung adelt. Die Theologin, zunächst deutlich spröder als der Dichter, dann aber geradezu verführt und angefixt von den Indiskretionen, erzählt ihrerseits von der homoerotisch grundierten Beziehung ihres Mannes zu einem Saft-und Kraft-Kerl von Unternehmer, der sich samt turniertanzender Frau in ihr Eheleben gebombt hat und nun bei ihnen sein Unwesen als alle übertrumpfender Saft- und Kraft-Kerl führt. Schließlich lässt der Macho die Theologin samt Mann noch in seiner Autobiografie vorkommen, als lächerliche Zwerge – eine letzte Überwältigungsgeste und selbstverständlich ebenfalls ein schwerer Fall von Verrat.