Adolf Hitler um 1927 während eines Nazi-Treffens im Münchener Bürgerbräukeller © Keystone/Getty Images

München ist unstrittig der Geburtsort des Nationalsozialismus. Hier wurde die NSDAP im Februar 1920 gegründet. Von hier aus konnte Hitlers Partei in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren zur Massenbewegung anwachsen. Fast sieben Jahrzehnte nach dem Ende der Nazi-Barbarei will man in München nun ein NS-Dokumentationszentrum errichten, exakt an der Stelle, an der die Parteizentrale stand, das berüchtigte »Braune Haus«. Mittlerweile hat ein Historikergremium ein Ausstellungskonzept ausgearbeitet. Und alle fragen sich: Was da jetzt entstehen soll, wird es endlich erklären, warum sich diese Ideologie ausgerechnet hier, in der bayerischen Hauptstadt, ausbreiten konnte?

Warum München? Die Frage zu stellen und sie doch nicht recht zu beantworten ist vor allem unter Münchnern üblich. Lieber verweist man auf die damals hier wie im ganzen Reich so »fruchtbaren Böden«, auf denen die Saat aufgehen konnte. Die Schuld wird dann der allgemein schlechten Stimmung nach dem Ersten Weltkrieg zugeschoben, dem Vertrag von Versailles, der Not der Inflation und den diversen völkischen und anderen antidemokratisch-radikalen Strömungen nach 1918/19. Der »Boden« der Münchner Lebenskultur aber, mit dieser Stimmung, wie sie damals in den politischen Versammlungssälen der großen Brauhäuser herrschte, wird in München gern ausgespart, wenn es um Ursachenforschung geht.

Trotzdem kann den Münchnern, zuvörderst den politisch Verantwortlichen und den Ausstellungsmachern, die Frage nicht erspart bleiben: Gibt es nicht auch einen speziellen Münchner Faktor? Und wenn ja, wo liegt die Verbindung zwischen der Geburt der NS-Bewegung und der Münchner Kultur?

Eine leise Ahnung von jener aggressiven Mischung aus zur Schau getragenem lokalpatriotischem Selbstbewusstsein, Weltherrschaftsanspruch und Bierseligkeit bekommt der Auswärtige noch heute etwa beim Maibock-Anstich im Hofbräuhaus vermittelt. Wenn vom guten bayerischen Bier gerötete schwitzende Politiker über Wäldern von diesen unfassbar großen Tongefäßen kauern, ab und zu in gewaltigen Schlucken daraus trinken und dabei schenkelklopfend über derbe Späße lachen. Es war in der Tat dasselbe Biotop aus Bier, Gaudi und Enthemmung, das die ersten Nazi-Horden in Stimmung brachte und dann aus den Bierkellern hinaus zum Marsch auf die Feldherrnhalle trieb.

Der Landesgeschichtler und Mentalitätshistoriker Heinz Gollwitzer schrieb dazu 1955 in seinem Aufsatz Bayern 1918–1933 in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte: »Zum Verständnis der Zusammenhänge Bayern–Nationalsozialismus muß auch auf den sehr erheblichen Anteil von Bayern, gerade von Altbayern, an der ersten und zweiten Garnitur der nationalsozialistischen Prominenz hingewiesen werden [...]. Es gibt geradezu einen Typus des Münchner Altparteigenossen. Wenn man schon mit so problematischen Begriffen wie Volkscharakter und Stammeseigenart arbeiten und nicht soziologisch zuverlässigere termini technici in Anwendung bringen will, wäre immerhin auf die altbayrische Neigung zu Gefühls- und Temperamentspolitik, zur ›Gaudi‹ auch im Politischen hinzuweisen, der der Kampfstil der NSDAP sehr entgegenkam.«

Dazu passt, was der nationalsozialistische Pressefunktionär Adolf Dresler 1937 bemerkte: »Das Volksleben Münchens wird nicht vom Verstand, sondern vom Gemüt beherrscht, und so konnte München am besten den Nährboden für eine Bewegung abgeben, die sich in erster Linie an das Gemüt und an den Glauben wendet.« Urteilskraft dagegen, so spottete schon der Romancier Lion Feuchtwanger in seinem scharfsichtigen München-Roman Erfolg von 1930, war hier eine eher zurückgebliebene Tugend.