ReederMit Söldnern gegen Seeräuber

Die Regierung will Bewaffnung auf deutschen Schiffen erlauben. Wie es vor der Küste Somalias zugeht, erzählt ein Ex-Soldat. von 

Das Video zeige die Realität, sagt Ben. Was darin zu sehen ist, habe er selbst vor der Küste von Somalia erlebt. Er sei dort als bewaffneter Wachmann auf Schiffen deutscher Reeder unterwegs gewesen. Ben heißt in Wirklichkeit anders, sein Name darf nicht genannt werden.

Auf dem Video, das Ben meint, fährt ein Frachtschiff mitten auf dem Indischen Ozean dahin, als plötzlich Hektik an Bord ausbricht. Es handelt sich um den amerikanischen Massengutfrachter Avocet. Nach Angaben des Nachrichtenagentur Bloomberg entstand das Video im März 2011.

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Durch die Fenster der Brücke ist in der Ferne ein kleines Boot auf dem blauen Meer zu sehen, das rasch näherkommt. »Ich gebe die Waffen frei«, sagt ein Mann in sein Funkgerät. »Los, Warnschuss!« Dann läuft er von der Brücke nach draußen. Dort feuert ein Wachmann vom Aufbau des Schiffs mit einem Sturmgewehr auf das Boot. Patronenhülsen fliegen, Salven knattern. Das beschossene Boot prallt gegen die Bordwand. »Ein zweites Schiff«, ruft ein dritter bewaffneter Wachmann. Erneut fallen Schüsse.

Die Männer mit den Gewehren sind private Sicherheitsleute, die den Frachter schützen sollen. Im Boot vermuten sie Piraten. Eine der Wachen hat die Schießerei gefilmt. Die Aufnahmen landen im Sommer 2012 im Internet auf Videoplattformen. Ob die Männer in den Booten tatsächlich Seeräuber waren oder doch nur Fischer, lässt sich nicht klären. Ein Manager des Sicherheitsunternehmens Trident Group, das die Männer gestellt haben soll, sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg, einige der Bootsinsassen seien vermutlich getötet oder verletzt worden. Die Sicherheitsleute an Bord der Avocet seien von den Booten aus beschossen worden. Auf dem Video ist das nicht zu sehen. Fragen der ZEIT wollte Trident nicht beantworten.

Ben arbeitet für ein deutsches Sicherheitsunternehmen, das seine Männer an Reedereien vermietet. In einem gediegenen Café in einer deutschen Großstadt berichtet er von seinen Einsätzen vor Ostafrika. Er zeigt Fotos auf seinem Handy, auf denen er mit Schutzweste, Funkgerät und Sturmgewehr an Bord von Schiffen zu sehen ist. Ben hat sein Handwerk bei der Bundeswehr gelernt – wie die meisten Deutschen, die sich als bewaffnete Wachen in Krisengebieten verdingen. Mehrmals hat er Frachter und Containerschiffe begleitet.

Die Sicherheitsleute operieren mit vier Mann starken Teams. Sie gehen in Häfen in Sri Lanka, Indonesien, Singapur oder Indien an Bord, wenn die zu schützenden Schiffe von Asien nach Europa wollen. Wenn die Frachter und Tanker die Fahrt in Europa beginnen, sind Ägypten oder Malta beliebte Startpunkte. Manchmal werden die Sicherheitsleute auch von einem Schnellboot zu den Schiffen gebracht. Waffen besorgen spezielle Agenturen, die in der Region ansässig sind und die Gewehre bei einheimischen Sicherheitskräften oder auf dem Schwarzmarkt kaufen. Die Waffen werden dann von Mittelsmännern auf hoher See an Bord gebracht. Nach der Passage schmissen die Wachleute die Gewehre ins Meer, um Scherereien mit Zollbehörden aus dem Weg zu gehen, sagt Ben. Er erzählt von einem österreichischen Kollegen, der bei der Einreise nach Ägypten mit einem Nachtsichtgerät, das zu einem Gewehr gehörte, beim Zoll auffiel und mehrere Wochen ins Gefängnis kam.

Maritime Sicherheitskräfte oder Vessel Protection Officers nennen sich die meisten Wachleute. Ben findet auch den Ausdruck Söldner in Ordnung, den Kritiker häufig verwenden. Schließlich seien viele der Kollegen, mit denen er an Bord zusammenarbeite, als Spezialisten für amerikanische und britische Firmen in Afghanistan oder im Irak gewesen. Für einen üppigen Sold hätten sie Aufgaben der Militärs übernommen. Vor Somalia lasse sich heute ebenfalls gutes Geld verdienen, sagt Ben. Und Schiffe zu beschützen sei weniger risikoreich, als Lastwagenkolonnen an den Taliban vorbei durch Afghanistan zu führen.

Leserkommentare
  1. ich arbeite fuer eine der groessten containerreedereien der welt und finde diesen bericht zwar die situation richtig beschreibend (was die gefahr angeht), aber kann nur sagen, dass es auf einem schiff mit bis zu 150000 teus nicht besonders sinnvoll ist einen konflikt dieser art mit waffen zu loesen. so ein schiff ist ein riesiges gefahrengutlager mit den unterschiedlichsten und gefaehrlichsten gefahrenguetern aller art an bord (teilweise auch explosivstoffe). stellen sie sich bitte vor so ein schiff faengt an zu bremen (durch beschuss) - das waere eine maritime katastrophe fuer mensch, seetiere, schiff und ware - ein desaster! was also tun?

    erstens: die flaggenlaender sind zustaendig und nicht die laender in denen die reedereien ihren hauptsitz haben!

    zweitens: das problem im somalia muss von land aus geloest werden - hier ist unsere weltgemeinschaft gefordert (uno) - das land braucht stabile verhaeltnisse und arbeit fuer die bevoelkerung! bis es soweit ist muss das seegebiet vor der kueste entseucht werden - dort lebt kein fisch im wasser. wegen fehlender staatlicher aufsicht hat die welt ihren dreck dort vor den kuesten versenkt!

    wenn die fischer wieder arbeit haben wird sich das problem minimieren - einen versuch ist es wert! so lange muss arbeit von der staatengemeinschaft aller laender geschaffen und finanziert werden.

    und die reeder betreffend: fahrten nur im konvoi, bezahlung der sicherung der konvois durch die ladung und nicht durch uns steuerzahler!

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    Neben der Entmüllung der Gewässer müsste man vor allem verhindern, dass große ausländische Fischereiflotten unerlaubt das somalische Gewässer leerfischen!

    Daüber hinaus bin ich auch der Ansicht, dass Deutschland sofort aus der Mission "Atalanta" - heisst die noch so? - aussteigen sollte. Deutsche Kriegsschiffe sichern unter fremder Flagge laufende Schiffe (Lehmann Timber bsw Gibraltar), weil dort weniger Steuern anfallen! Wenn es Steuern zu sparen gibt, gehen die deutschen Reeereien gerne ins Ausland. Wenn es Probleme gibt und Gibraltar keine ordentliche Marine hat, kommen sie wieder angekrochen. Das ist eine Sauerei!

    So lange einige wenige Piraten Millionen durch Entführungen erzielen können, wird niemand bei der Fischerei bleiben. In dem Land hauen sich die Bevölkerungsgruppen gegenseitig ide Köpfe ein, die Bevölkerungszahl explodiert und Dürren kommen immer wieder. Mit einem gekaperten Schiff kann man sich und seine Familie bereits in eine sehr anständige Rente schicken. Da wird niemand in absehbarer Zeit nur noch an der Fischerei interessiert sein, solange der Staat nicht in der Lage ist, gegen Piraterie vorzugehen.

    • ThorHa
    • 22. September 2012 18:58 Uhr

    Eine der absoluten Kernaufgaben von Staaten wird an Private verlagert - Sicherheit. Nur weil der Staat (berechtigte) Angst vor dem notwendigen robusten Einsatz hat, der diese Verlagerung überflüssig machen würde. Eine klare Mitschuld daran trägt eine Medienöffentlichkeit, die Verständnis vor Effizienz stellt - und ein aus dem Wasser geblasenes Piraten-Mutterschiff mit Sicherheit zu einer öffentlichen Vernichtung der zivilen und militärischen Befehlshaber machen würde. Nur wundern darf man sich bei Outsourcing des wichtigsten Staatsmonopols, der Gewalt, nicht, wenn Politik- wie Staatsvertrauen ständig weiter erodieren.

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    Lesen Sie bitte den Kommentar von hanseat54!
    Deutschland ist nicht zuständig wenn ein Schiff aus Hamburg auf den Bahamas oder in Panama registriert ist.

  2. zur Beatzung gehören sondern auch Umweltschützer bevor die Händler mit ihrem Billigscheiss aus Übersee nicht nur Arbeitsplätze vernichten sondern auch noch die heimische Fauna mit eingeschleppten Arten wie gerade im ZDF berichtet wurde (selbst wenn man Geld für die Zeit ausgeben würde würde man das bestimmt nicht erfahren, weil sie sich wahrscheinlich selbst durch diese Wirtschaft finanziert). Wenn die dritte Welt schon selbst nicht in der Lage ist uns vor Aggressivität jedweder Art aus ihren Gefilden zu schützen müssen wir das eben selber tun undzwar nicht nur, um die Profitgier einiger weniger in unserer Gesellschaft zu befriedigen.

  3. fraglich hätten die Söldner tatsächlich als erstes auf das Boot geschossen wäre die Rollen vertauscht nicht die Piraten wären Piraten sondern der Frachter wäre der Pirat und wäre dabei jemand getötet worden kommt Mord noch dazu.

  4. Lesen Sie bitte den Kommentar von hanseat54!
    Deutschland ist nicht zuständig wenn ein Schiff aus Hamburg auf den Bahamas oder in Panama registriert ist.

  5. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis neben bezahlten Soeldnern auch zahlende Kunden ihren Weg in die privaten 'Sicherheitsdienste' finden, wenn die Bundesregierung das Toeten von Menschen durch diese Dienste legalisiert. So wie sich im alten Rom sogar manch Kaiser nicht zu schade war, um in der Arena als Gladiator zu kaempfen, so gibt es sicher auch in Deutschland noch so manchen Grosswildjaeger, der nach dem zehnten Elefanten, dem zweiten Nashorn und dem 20igsten Leoparden sein Glueck ach mal als Schiffsreisender versuchen wuerde, gut bewacht von Soeldnerteams und natuerlich mit Schutzsicherer Weste. Vielleicht auch mit Bordhubschrauber, wenn tatsaechlich einmal wieder 30 Piratenboote am Horizont auftauchen sollten.

    Deutschland sollte zweimal nachdenken, bevor es solche Dinge legalisiert. zur Not sollte man doch lieber auf professionelle Militaers zurueckgreifen.

  6. Das sind ja wirlich gure Begruendungen und Verlangen der Reeder, und natuerlich, sofern man professionelle Soeldner anheuert, wird das sich auch bestens alles geregelt sein. Nur was sind das denn fuer Menschen, die professionellen Schuetzer? Solche, wie man Sie schon in Videos von wikileaks gesehen hat? In DE hat man doch hin und wieder nicht einmal die Polizei im Griff. Wichtig ist natuerlich auch, dass die Reeder, die zwar ausflaggen und kaum Steuern zahlen, juristisch abgesichert sind, sonst koennte man die ja noch fuer Fehlverhalten ihrer Garden verantwortlich machen und das darf nicht passieren, denn erster Hauptsatz unserer Zeit ist natuerlich, verantwortlich ist maximal ein Ausfuehrender, die grossen Profiteure muessen unbehelligt bleiben. Und Bewaffnung fuehrt natuerlich nie zur Aufruestung der Gegner. Mir ist es schon schleierhaft, wodurch der Einsatz der Bundeswehr in den Gebieten gerechtfertigt wird, denn wie schon erwaehnt, Steuern wollen die Geschuetzten moeglichst nicht entrichten und das meine Interessen dort verteidigt werden kann ich auch nicht recht erkennen. Aber das ist ja auch ein Mantra unserer Zeit, Risiken sozialisieren und Gewinne privatisieren.

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    • Xdenker
    • 23. September 2012 17:52 Uhr

    Den von Ihnen befürchteten Rüstungswettlauf können die Reeder locker gewinnen.

  7. Man muss wieder Konvois einführen und die "Schlumpfwinkel" mit UAVs/UCAVs überwachen.

    Wenn man Piraten die Treistoffvorräte für ihre Außenborder oder Ihre Mutterschiffe vernichtet, dann wäre schon viel gewonnen.

    In Somalia ein "Nationbuilding" betreien ist aussichtslos.
    Was dabei herauskommt durfte man während der "RESTORE HOPE" bewundern.

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  • Schlagworte Piraterie | Söldner | Schiff | Schifffahrt | Waffen
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