Rainer DulgerVerkappter Champion

Rainer Dulger will Präsident des mächtigen Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall werden. Der badische Mittelständler sucht die ganz große Bühne. von 

Da engagiert man sich jahrelang für die Sache der Arbeitgeber und wird dann doch für einen von der anderen Seite gehalten. So erging es Rainer Dulger kürzlich. Bei einem festlichen Abendessen beäugten ihn seine Tischnachbarn misstrauisch. Sie glaubten, ein Funktionär von Südwestmetall müsse wohl ein Gewerkschafter sein. Das führte zu Irritationen, die erst beim Dessert offen ausgesprochen wurden: »Sagten Sie nicht, dass Sie Unternehmer wären?« – »Ja, sicher.« – »Aber dann können Sie doch nicht in der Gewerkschaft sein!« – »Bin ich ja auch nicht.« Dulger erklärte dann höflich, dass er als Vorsitzender von Südwestmetall die Arbeitgeber in Baden-Württemberg vertrete. Die andere Seite, das sei die IG Metall.

Solche Verwechslungen dürften Dulger in Zukunft seltener passieren. Denn der Heidelberger drängt ins Rampenlicht und könnte bald in der einen oder anderen Talkshow sitzen. Er will an die Bundesspitze der Metall-Arbeitgeber vorrücken, am Freitag dieser Woche sollen sie den 48-Jährigen zum Präsidenten von Gesamtmetall wählen.

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Dieser Verband repräsentiert wie kein anderer den industriellen Kern Deutschlands. Dulger vertritt dann die Interessen von Konzernen wie Daimler, Siemens, Bosch oder BMW sowie fast 7.000 mittelständischen Unternehmen der Metall- und Elektrobranche, er wird in Verhandlungen mit den Gewerkschaften die Löhne von 3,7 Millionen Menschen aushandeln und darüber mitentscheiden, ob sie 37 oder 40 Stunden in der Woche arbeiten. Von ihm wird mit abhängen, ob die größte Einzelgewerkschaft der Welt und eine der größten Arbeitgebervereinigungen partnerschaftlich zusammenarbeiten oder sich feindlich gegenüberstehen.

Wichtig ist es also, das Amt, das dieser weithin unbekannte Unternehmer anstrebt.

Mit großen Schritten eilt Dulger durch die Fabrikhalle, entschuldigt sich sogleich, »aber in dem Tempo gehe ich immer durchs Werk«. Er ist zwei Meter groß, schlank, trägt seine Haare glatt nach hinten gegelt, was an Karl-Theodor zu Guttenberg erinnert. Auch seine jugendliche Ausstrahlung und sein perfektes Auftreten tragen wohl zu dieser Assoziation bei. Allerdings wirft niemand dem promovierten Ingenieur ein Plagiat vor.

So schnell, wie Dulger geht, spricht er auch. Erläutert die Technik der Pumpen, die seine Firma herstellt. Vor einem großen, orangefarbenen Apparat bleibt er stehen. »Das sind eine große Pumpe und zwei kleine in einem, sie sind für den brasilianischen Ölkonzern Petrobras bestimmt.« Wenn auf dem Meeresgrund das Ölgemisch aus dem Boden trete, dehne es sich aus und würde normalerweise sofort gefrieren. Um das zu verhindern, schieße die Pumpe mit einem Gegendruck von 160 bis 360 bar Frostschutzmittel in den Rohölstrom, außerdem einen Korrosionsschutz für das Bohrgerät und ein Gleitmittel. Rund 30.000 Euro koste das Ding. Solche Dosierpumpen sind die Spezialität von Dulgers Firma ProMinent Dosiertechnik GmbH.

Er soll Tarifverträge vereinbaren, wendet sie aber selbst nicht immer an

Die meisten Pumpen, die seine Firma produziert, sind allerdings kaum größer als ein dickes Buch. Sie geben Desinfektionsmittel in Swimmingpools, helfen bei der Reinigung von Trinkwasser oder werden in Klimaanlagen eingesetzt. Das ist das Hauptgeschäft. Eine Schwesterfirma namens ProMaqua liefert komplette Anlagen zur Wasseraufbereitung. Die Firmengruppe beschäftigt in Deutschland 600 Mitarbeiter, weltweit sind es 2.300. Bei den Dosierpumpen seien sie der globale Technologie- und Marktführer – der pacemaker, wie Dulger mit einem auffallenden, amerikanisch klingenden Akzent sagt. Dulger, der schon als Schüler in Amerika war und auch heute viel dorthin reist, streut häufig englische Vokabeln ein.

Für die Spitze des Metallverbands gilt er als geradezu mustergültiger Kandidat. Er repräsentiert einen typischen »hidden champion«, einen jener kleinen Weltmarktführer aus Deutschland. Außerdem spürt er als Firmeninhaber – anders als irgendein Konzernmanager – die Kosten eines Tarifabschlusses im eigenen Portemonnaie und weiß, welche Tarifregeln ein Mittelständler ohne große Personalabteilung bewältigen kann. Dulger betont das selbst beim Werksrundgang: »Alles, was ich tarifpolitisch verhandle, muss ich am nächsten Morgen in meinem eigenen Betrieb anwenden und erdulden.« Das mache ihn »authentisch«.

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