ZuwanderungHerr Padillo in Erdmannhausen

Er suchte Arbeit, Deutschland Ingenieure: Wie ein Spanier seinen Weg in die schwäbische Provinz fand. von Mounia Meiborg

Jeden Morgen um kurz vor acht läuft Imanol Padillo die Hauptstraße von Erdmannhausen entlang, vorbei an der Pension Rose, in der die Gästezimmer Fremdenzimmer heißen. Er schließt die Tür eines weißen Einfamilienhauses auf, geht nach hinten in die Werkhalle und ruft: »Guten Morgen!« Dann schaltet er den Roboter ein.

Padillo ist 26, er hat eine tief sitzende Jeans an und ein Piercing im Ohr. Er kommt aus Spanien und ist Ingenieur. Seit vier Monaten arbeitet er bei iTronic, einer Firma für Mess- und Prüftechnik. In Spanien hatte er zwar einen Job in einem großen Forschungszentrum, aber der war schlecht bezahlt. Mit den Kollegen redet er Englisch, sein Deutsch ist noch schlecht. Erdmannhausen, nordöstlich von Stuttgart, ist für ihn ein Abenteuer: 5000 Einwohner, kaum Migranten, ein Gartenbauverein.

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Sein Chef Ingmar Troniarsky trägt ein Hemd, auf dessen Kragen rot-blau iTronic gestickt ist. »Für die Corporate Identity«, sagt er und schwäbelt. Seit er die Firma vor 18 Jahren gegründet hat, ist sie ständig gewachsen. Sie wäre noch schneller gewachsen, hätte Troniarsky mehr qualifiziertes Personal gefunden. 35 Mitarbeiter sind es inzwischen. In der Werkhalle stellt sich der Chef hinter Padillo. Auf Deutsch sagt er, dass der seinen Job sehr gut macht. Padillo lacht – wie immer, wenn er etwas nicht versteht, aber nicht unhöflich wirken will.

Um einen Elektroingenieur wie Padillo zu finden, hat Troniarsky vieles versucht: im Internet inseriert, Zettel in Hochschulen aufgehängt, einen Stand auf einer Messe gemietet. Alles umsonst. 93000 Ingenieure fehlen im Land, sagt der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Für kleine Betriebe ist die Suche besonders schwer. »Alle wollen doch zu Porsche oder Bosch«, sagt Troniarsky.

So war die Lage vor eineinhalb Jahren. Dann brachen in Spanien Jobs weg, die Jugendarbeitslosigkeit stieg auf 53 Prozent. Angela Merkel rief die Ingenieure dort auf, nach Deutschland zu kommen. 14000 Spanier kamen im zweiten Halbjahr 2011. Die Krise im Süden Europas könnte zur Antwort auf den deutschen Fachkräftemangel werden.

Bei iTronic essen die Kollegen montags Leberkäse, dienstags Pizza, mittwochs Schnitzel und donnerstags Döner. Heute ist Freitag, Maultaschentag. Zu sechst sitzen sie im Pausenraum, alles junge Männer, einer serviert die Suppe. Nur der griechische Kollege isst lieber Brötchen. Sie reden über das Marbacher Hopfengassenfest, das Stuttgarter Mercedes-Museum und manchmal auch gar nicht. Padillo erzählt dann, dass er schon einen Tisch auf der Wasen reserviert hat, dem Stuttgarter Volksfest. »Sonst bekommt man ja keinen Platz mehr.«

Padillo betreibt seine Integration systematisch. Und seine Kollegen fangen an, sich für Spanien zu interessieren. Der eine hat gerade Urlaub in Sevilla gemacht – »toll, nur zu heiß« –, der andere grüßt ihn jeden Morgen mit »Buenos días«. Sie wissen, dass ihr Kollege Baske ist und man im Baskenland verprügelt wird, wenn man Spanien-Trikots trägt.

Padillo kam über die Arbeitsagentur Stuttgart nach Erdmannhausen. Die hatte letzten Herbst versucht, spanische Ingenieure in mittelständische Betriebe zu holen. Hundert Bewerber lud man zu Gesprächen ein, 33 kamen nach Deutschland. Viele Bewerbungen scheiterten, weil die Arbeitgeber Mitarbeiter suchten, die gut Deutsch sprechen und erfahren sind. Die Bewerber träumten von Berlin. Auch Padillo wäre gern in die Hauptstadt gezogen. Aber er beschloss, sich einzulassen auf dieses Dorf im Südwesten Deutschlands.

Seine Mutter war entsetzt. Was wolle er denn in Deutschland? Trotzdem kam Padillo. Nicht nur, weil er hier 400 Euro netto mehr im Monat verdient. Er findet auch, dass Troniarsky ihn besser behandelt als sein früherer Chef. Jedem Mitarbeiter schenkt er zum runden Geburtstag einen Präsentkorb. In seiner alten Firma hatte Imanol Padillo eine Nummer, um sich am Computer anzumelden: 107499. Hier in Erdmannhausen ist er der Herr Padillo.

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