Stefan Raab : Schlag den Jauch

Stefan Raab macht eine Politik-Talkshow – sie könnte wirklich mal unterhalten.

Kürzlich hat der Entertainer Harald Schmidt in der ZEIT gesagt , er sehe im deutschen Fernsehen weder Spielraum noch Anlass für Innovationen. Es gebe eh nur drei Formate, und die würden auf alle Zeiten durchgespielt werden. Format 1: Fünf Leute sitzen an einem Tisch und streiten. Format 2: Vier Paare treten gegeneinander an, raten was, und der Beste gewinnt Geld. Format 3: Jemand wird gecastet – Deutschland sucht den Superstar.

Hat Schmidt da recht? Stefan Raab , lange Zeit Schmidts volkstümlicher Gegenspieler und sein einziger ernst zu nehmender Konkurrent in der Late-Night-Unterhaltung, widerspricht. Er kündigt etwas ganz Neues an: Er will vom 11. November an eine politische Talkshow auf ProSieben moderieren .

Die Medienkritiker horchen auf, denn Raabs Sendung wird am Sonntagabend laufen – sie ist also eine Attacke auf den zeitgleich laufenden Günther Jauch . Jauch ist der Branchenführer in der homogenen, grauen, von Weltsorge durchfurchten Talkshow-Landschaft, er lenkt seine Sendung im Geist der Skepsis und der Vorsicht – seine politischen Gäste blickt er so an, als fürchte er, in eine finstere Sache hineingezogen zu werden. Das Motto des populärsten deutschen Talkmasters könnte ein Satz von Martin Walser sein: »Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.« Ausgewogenheit ist seine Kunst. Wer eine typische Jauch-Sendung in einem Wort zusammenfassen will, kommt an einem herzhaften »Gell« nicht vorbei.

Und nun also Raab. Er will nicht Ausgleich, sondern Zuspitzung, nicht Konsens, sondern Kampf. Raab wird den politischen Schlagabtausch künftig so inszenieren, wie er alles inszeniert: als Wettbewerb, wie er diese Woche ausführlich dem Spiegel erläuterte. Das erfolgreiche Argument ist bei ihm bares Geld wert. Die Zuschauer seiner Sendung werden darüber abstimmen, welches Argument, welcher Politiker ihnen am besten gefallen hat; wer missfällt, fliegt raus, wer gefällt, erhält eine Prämie. Die Sendung heißt Absolute Mehrheit , noch schöner aber ist ihr Untertitel: Meinung muss sich wieder lohnen. Diskutiert wird über mehrere Runden, drei Politiker, ein Prominenter und ein Mensch aus dem Volk sitzen mit Raab am Tisch, nach jeder Runde scheidet einer aus – jeweils derjenige, der die wenigsten Stimmen bekommt. Sollte am Ende ein Teilnehmer mehr als 50 Prozent der Stimmen erringen, erhält er 100.000 Euro. Wenn kein Gast die absolute Mehrheit erhält, fließt das Geld in den Jackpot der nächsten Sendung.

Wenn man Raabs Showkonzept mit ein wenig Abstand betrachtet, muss man Harald Schmidt allerdings recht geben: Es gibt nichts Neues im Fernsehen. Raab hat lediglich die drei bekannten Unterhaltungsformate vermischt: Fünf Leute sitzen am Tisch (Modell 1), der Beste gewinnt Geld (2), das Publikum ermittelt einen Sieger (3).

Im politischen Alltag aber könnte es dank Raab doch etwas Neues geben: Künftig wird es unter Berliner Politikern nicht mehr heißen »Damit sprichst du dem Volk aus der Seele«, sondern: »Damit knackst du bei Raab den Jackpot!« Wer erfolgreiche Realpolitik machen will, wird in seiner Show die Technik üben können: Die 50-Prozent-Hürde ist die Hürde, die es zu nehmen gilt. Es gibt Leute, die Raab bereits jetzt die Verrohung der Diskussionssitten anlasten, und dahinter steckt das Misstrauen gegen Raabs Publikum, gegen das »Volk«: Wird es wirklich die Scharfmacher und die Populisten belohnen? Und wird es die nuancierten Redner gleich in der ersten Runde »in den See!« schicken, mit einem Gewicht an den Füßen, wie es in Asterix bei den Schweizern heißt?

Denkbar ist viel eher, dass in Raabs Sendung rasch der graue außerparlamentarische Alltag einkehrt und dass kein Redner, nicht mal Alexander Dobrindt , je die 50-Prozent-Hürde überspringt. Dem geborenen Kämpfer und Sieger Stefan Raab wird es womöglich egal sein. Er hat uns allen eine Art Hau-den-Lukas ins Fernsehzimmer gestellt, an dem nun die Kraftlackel der Republik ihre Kräfte messen können.

Schmidt, um noch einmal auf ihn zurückzukommen, kehrt derweil zu seinen Wurzeln zurück, aber leider auf anderem Wege, als er es sich gedacht hatte. Vor Jahren sagte er, sein ideales Publikum sei ein kleines Kabarettpublikum, ein paar Hundert Leute, mit denen er Augenkontakt halten könne. Seine neue Show im Bezahlsender Sky hat Publikumswerte, die ihn in Kleinkunstbereiche führen, ohne dass er dazu in den Kabarettkeller gestiegen wäre: Nur 5.000 Menschen sahen ihm am vergangenen Donnerstag noch zu. Schmidt und Raab, die beiden großen Männer der Late-Night-Unterhaltung, gehen endgültig getrennte Wege: Schmidt, der intellektuelle Zyniker, verschwindet aus der Öffentlichkeit, Raab hingegen, der fahrlässige Optimist, ist auf bestem Wege, in ihr Innerstes vorzudringen: als geheimer Chefcoach der deutschen Politik.

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Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Noch mal überdenken

Das muss doch jetzt nicht sein.
Herr Raab sollte sich so schnell wie möglich aus der Medienlandschaft verabschieden.
Herr Raab ist leider nur ein Schwätzer kein Talker.
Seine bis dato produzierten Sendungen sind unter jedem geistigen Niveau.
Bitte Herr Raab verschonen Sie den TV Konsumenten mit Ihren Auftritten.