TheaterDie Blicke flirren, der Geist fliegt

Die genialen Theatertüftler Martin Zimmermann und Dimitri de Perrot sind überall berühmt – nur in Deutschland nicht. Das wird sich nun ändern! von Renate Klett

DJ Dimitri de Perrot und Martin Zimmermann (mit Kati Pikkarainen auf der Schulter) während einer Vorführung ihrer "Oper Opis" im Londoner Barbican Center.

DJ Dimitri de Perrot und Martin Zimmermann (mit Kati Pikkarainen auf der Schulter) während einer Vorführung ihrer "Oper Opis" im Londoner Barbican Center.   |  © AFP PHOTO/Leon Neal

Was sie machen, ist ganz wunderbar, aber was ist es eigentlich? Theater, Zirkus, Tanz, Varieté? Von allem etwas und jedenfalls mehr als die Summe davon. Wahrscheinlich ist Theater doch der beste Begriff, denn Theater kann ja heute alles sein, in diesem Fall eine verschwenderische Bühnenpoesie aus Alltag und Akrobatik, Slapstick und Seele, sehr fein, sehr zart und eigen und vor allem sehr schweizerisch. Martin Zimmermann kennt die Krux der Definition, ist natürlich schon oft danach gefragt worden und sagt schlicht: "Wir verstehen uns als Autorentheater." Aber Zimmermann und sein Partner Dimitri de Perrot arbeiten nicht an Stück-Texten, sondern an Stück-Erfindungen, meist ganz ohne Sprache und eher mit Körpern, Objekten, Situationen geschrieben. Die Stücke handeln von den Menschen, die auf der Bühne sind – das können die beiden sein oder ein Dutzend marokkanischer Akrobaten – , von der Tücke des Objekts, der Verlorenheit im Raum, der vertrackten Schwerkraft und davon, wie man sie überwindet. Und sie handeln vom Triumph des Selbsterhaltungstriebs, der alle Fragen und Fallen besiegt.

"Wir sind ja wie ein altes Couple", sagt de Perrot, "weil wir schon so lange zusammenarbeiten. Und wie das so ist bei alten Couples: Du fängst an, gleich zu reden, die gleichen Bewegungen zu machen und dir zu überlegen: Was ist eigentlich Angleichung, was ist Individualität?" Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind, und was hier dabei herauskommt, hat merkwürdige Titel wie Öper Öpis oder Hans was Heiri . Jedes Stück entsteht aus Gesprächen, Beobachtungen und einer Raumidee. Zimmermann, der vom Design kommt und "diplomierter Clown" ist – er hat sein Studium an der berühmten französischen Nouveau-Cirque-Schule C.N.A.C. mit Auszeichnung abgeschlossen –, entwirft das Bühnenbild und spielt oft selber mit. De Perrot, der DJ, komponiert die Klangstruktur und ist der Livemusiker mit seinen Geräten, Platten, Turntables und den rudernden Armen, die Scheiben und Welt zum Klingen bringen. Regie führen sie beide zusammen.

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Die Fragestellungen des Dialogs und des Raums führen zu ersten Ideen und Improvisationen, und daraus entwickeln sich die Themen des Stücks – aber: "Das Wort Thema mögen wir nicht", sagt de Perrot und korrigiert: "Da gehen Türen auf, und dahinter stehen wir und kochen." Zimmermann fügt an, dass er auch das Wort " Nouveau Cirque" nicht mag, und er ergänzt: "Wir beginnen alle Stücke mit der Frage: Wo stehen wir jetzt im Leben, Dimi als Mensch persönlich, ich als Mensch persönlich und wir beide als Duo? Wir wollen immer weiterkommen, uns besser erkennen, unsere Neugier auf die Welt und auf uns selbst einsetzen, und allein dadurch entstehen schon ganz viele Fragen und auch Zweifel."

Man muss sich die Stück-Erfinder als glückliche Menschen vorstellen, melancholisch, aber humorvoll, deren Sprache nicht aus Wörtern besteht, sondern aus Gefühlen und Intuitionen, die sie in Bewegung verwandeln. Diese ihre Sprache kommt ganz ohne Klischees aus und formt individuelle Zustände zu hintergründigen Vexierbildern, mit denen sich jedes Publikum der Welt identifizieren kann. "Auf unseren Tourneen sehen wir immer wieder, dass alle Menschen doch eigentlich gleich sind", sagt der eine, und der andere nickt. Sie müssen es wissen – schließlich haben sie auf allen fünf Kontinenten gespielt, und das mehrfach.

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    • Quelle DIE ZEIT, 13.9.2012 Nr. 38
    • Schlagworte Theater | Moderne Kunst | Tanzen
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