Dirigent Tugan Sokhiev"Ich will Talente suchen"

Der 35-jährige Tugan Sokhiev ist der neue Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. von Barbara Eckle

DIE ZEIT: Maestro Sokhiev, beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin folgen Sie in diesem Herbst einer langen Reihe illustrer Vorgänger: von Ferenc Fricsay über Lorin Maazel bis Kent Nagano und Ingo Metzmacher. Eine große Ehre!

Tugan Sokhiev: Ja! Aber ich muss sagen, diese Tradition inspiriert mich mehr, als dass sie mich einschüchtert. Das Musikleben hat sich ja enorm verändert. Meine Aufgabe wird es sein, zu verstehen, welche Rolle die klassische Musik heute spielen soll. Wie sprechen wir junge Leute an? Was führen wir Neues ein?

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ZEIT: Wie sehen Ihre Programme aus?

Skohiev: Keine Angst, ich werde nicht nur russisches Repertoire dirigieren! Beim Musikfest Berlin zum Beispiel haben wir Strawinsky mit amerikanischen Liedern und einer Rachmaninow-Symphonie kombiniert. Alle diese Werke sind mit Amerika verbunden – auch die Symphonie: Rachmaninow lebte in den USA und konnte nie in seine russische Heimat zurückkehren. Es liegt eine schmerzliche Nostalgie in dieser Musik, ein Weltensprung. Solche Dinge faszinieren mich.

ZEIT: Was ist mit lebenden Komponisten?

Skohiev: Ich bin ein großer Anwalt zeitgenössischer Musik, aber sie muss mich berühren. Es reicht nicht, zeitgenössische Musik zu spielen, um zeitgenössische Musik zu spielen. Ich will echte, neue Talente suchen.

ZEIT: Interessiert Sie die freie Szene?

Skohiev: Natürlich. Berlin wird ja permanent von einer Flut junger Künstler aus allen Bereichen überrollt. Das macht das Leben hier so unprätentiös, gastfreundlich, preiswert und kunstaffin – man kann sich keinen besseren Ort denken, wenn man jung ist. Andererseits stelle ich mir vor, wenn ich durch die Straßen gehe, wie diese Stadt durch ihre Historie entzweigerissen wurde. Dann habe ich ein ganz starkes Gefühl von Kompensation und von Glück. Berlin ist wirklich wie ein Phönix, der aus der Asche steigt.

ZEIT: Dirigenten sind Vagabunden, leben ständig in Hotels. Haben Sie manchmal Heimweh?

Skohiev: Oh ja, vor allem nach dem Essen meiner Mutter. Manchmal koche ich sogar selber, um mir ein kleines Heimatgefühl zu verschaffen. Ich liebe aber auch die deutsche Küche, sie hat Ähnlichkeiten mit der russischen. Es ist ein sehr reelles, ehrliches Essen.

ZEIT: Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Skohiev: Ich liebe St. Petersburg! Natürlich auch wegen des Mariinski-Theaters, wo für mich alles begann, dank Valery Gergiev, als ich noch sehr, sehr jung war. Selbst wenn ich nicht in St. Petersburg zu arbeiten habe, fahre ich oft dorthin, einfach so. Ich muss diese Luft atmen, ich brauche den Blick über die Newa, drei oder vier Tage lang, um nicht zu vergessen, wer ich bin und woher ich komme.

ZEIT: Geboren wurden Sie aber in Ossetien.

Skohiev: In Wladikaukas in Nordossetien, einem petersburgischen Satelliten. Verwaltung, Armee und die Intelligenzija wurden dorthin geschickt, um die südliche Grenze Russlands zu »festigen«. Auch mein Lehrer, Anatoli Briskin, kam aus St. Petersburg, er war Schüler von Ilja Musin. Briskin sagte: »Musin ist 90, geh zu ihm, aber beeile dich.«

ZEIT: Da waren Sie 16 Jahre alt.

Skohiev: Und es war hart! Am meisten habe ich die Berge vermisst, Wladikaukas liegt im Kaukasus, die Berge mit ihrer Energie, ihrem unvergleichlichen Licht. Und plötzlich fand ich mich in einer flachen, kalten, grauen Stadt wieder, wo der Winter sechs Monate dauert.

ZEIT: Konnte die Musik Sie trösten?

Skohiev: Ich hatte schon früh einen ausgeprägten Hunger auf die Farben des Orchesters, insofern: ja! Als Kind habe ich Langspielplatten aufgelegt und dazu mit den Armen gefuchtelt. Es fühlte sich großartig an! Eines Tages habe ich dann Anatoli Briskin angesprochen. In den ersten sechs Monaten habe ich bei ihm nur Grundlagen der Technik gelernt – eins, zwei, drei, vier. Russische Schule.

ZEIT: War es schwer, sich in so jungen Jahren vor ein ganzes Orchester zu stellen?

Skohiev: Am Petersburger Konservatorium hatten wir Dirigenten ein eigenes Orchester zu unserer Verfügung, jeden Tag von 10 bis 13 Uhr. Eine tolle Ausbildung! Mein Professor stand immer dabei und sagte: Das solltest du nicht tun und das besser auch nicht.

ZEIT: Was sollte ein Dirigent denn nicht tun?

Skohiev: Er darf das Orchester nicht stören. Wenn man auf der Autobahn fährt, muss man auch nur aufmerksam sein und hie und da ein wenig steuern. Man muss verstehen, wann das Orchester einen braucht und wann nicht. Denken Sie an einen Vogelschwarm im Flug – niemand kann sagen, wie er sich als Einheit durch die Luft bewegt. Ähnlich ist es in der Musik: Wenn die Musiker einmal in diesem Groove sind, wo sie als ein Körper miteinander atmen, ist es gut.

ZEIT: Ist die Sowjetunion für Sie zum richtigen Zeitpunkt zusammengebrochen?

Skohiev: Für mein Leben hätte der Zeitpunkt nicht glücklicher sein können. Ich durfte schon als Student die Welt kennenlernen, ich habe viel weniger gelitten als die älteren Generationen. Unser damaliges Bildungssystem halte ich trotzdem für das beste der Welt. Es war umsonst, und da die Lehrer nicht wegkonnten, gingen sie der Gesellschaft nicht verloren. Davon habe ich enorm profitiert. Ich hatte das Beste aus beiden Welten.

Die nächsten Konzerte

Am 11. und 16./17. November dirigiert Tugan Sokhiev seine nächsten Konzerte beim DSO. Auf dem Programm stehen Werke von Fauré, Weinberg, Balakirew und Rimski-Korsakow.

ZEIT: Werden Sie eigentlich in Berlin leben?

Skohiev: Momentan glaube ich nicht, dass ich umziehe. St. Petersburg bleibt meine Basis, ich werde viel pendeln. Außerdem müssen wir uns ja auch erst kennenlernen, Berlin und ich. Das ist wie in einer Beziehung. Du stehst nicht am ersten Tag mit Sack und Pack auf der Matte und sagst: Ich wohne jetzt bei dir. Man muss das langsam angehen, mal erst ein Buch mitbringen vielleicht, dann einen kleinen Koffer. Aber wer weiß, vielleicht packt mich eines Tages die große Gewissheit, und dann ziehe ich hier ein.

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Leserkommentare
  1. diesen Job von Russland aus zu bestreiten-hoffentlich zahlt der von Haushaltssperren gebeutelte Berliner nicht auch noch mit Subventionen für diesen Luxus.

    Ein solches Amt bestreitet sich besser vor der Haustür.

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  • Schlagworte Orchester | Symphonie | Berlin | Klassik | Musik | Dirigent
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