USAUndank ist der Banken Lohn
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Die Wut vieler Bürger übertrug sich von den Banken auf die Regierung

Mit der Hilfe Rubins wurde Geithner zum Chef der New York Federal Reserve Bank. Das ist die Notenbank des Staates New York, sie soll die Wall Street überwachen. Geithner pflegte allerdings einen eher freundschaftlichen Umgang mit den Bankern, die er beaufsichtigen sollte. Er speiste mit Topmanagern von Citigroup, Goldman Sachs und Morgan Stanley im noblen Four Seasons oder in deren bankeigenen Speiseräumen. JPMorgan-Chase-Chef Jamie Dimon lud ihn schon mal zu sich nach Hause ein. Citigroups Vorstandsvorsitzender Sandy Weill lobte gegenüber der New York Times unter anderem Geithners »Bereitschaft zuzuhören«.

In der Finanzkrise wurde der Bankenfreund dann unersetzlich: Er war es, der bei der Rettung von Bear Stearns im Frühjahr 2008 die Fäden zog und die Übernahme der Pleitebank durch JPMorgan Chase in die Wege leitete. Sein einstiger Dinner-Gastgeber Jamie Dimon bestand dabei auf Ausfallgarantien der Zentralbank in Höhe von 29 Milliarden Dollar. Der subventionierte Notverkauf ist bis heute umstritten.

Geithner war auch einer der Protagonisten bei der Rettung des Versicherungsriesen AIG, die einen Staatskredit von 85 Milliarden Dollar nötig machte. Ein großer Teil wurde an Großbanken, darunter Goldman Sachs, die Société Générale und die Deutsche Bank, durchgereicht, die das Geld von AIG als Garantien für Derivate gefordert hatten.

Als Obama Anfang 2009 die Präsidentschaft übernahm, ernannte er Geithner zu seinem Finanzminister. Durch ihn erhoffte er sich Kontinuität in einer hochbrisanten Lage. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, Geithner wurde rasch zu Obamas Vertrautem.

Als Finanzminister setzte er sein Werk als Retter der Wall Street fort. Gleich mehrfach stützte er mit Milliardenspritzen sowohl die Citigroup – bis zu diesem Zeitpunkt auch Arbeitgeber seines Gönners Robert Rubin – als auch die Bank of America, ein Institut, das durch Hunderte ehrgeiziger Übernahmen zur Megabank angeschwollen war. Als Obama damals forderte, eine Verstaatlichung der Citigroup zu prüfen, habe Geithner die Anweisung schlicht ignoriert, berichtet Ron Suskind in seinem Insiderbuch Confidence Men. Geithner bestreitet eine absichtliche Verschleppung.

Am Ende folgte der Präsident seinem Finanzminister in dessen unbeirrbarem Glauben, die nahezu bedingungslose Stützung der Banken sei notwendig, um das Land wirtschaftlich wieder auf die Beine zu stellen. Als die Oberstaatsanwälte aller 50 US-Bundesstaaten ankündigten, die Flut von Zwangsversteigerungen zu untersuchen, die die Banken nach der Krise eingeleitet hatten, und den Instituten mit hohen Schadensersatzforderungen drohten, drängte Obamas Justizminister hinter den Kulissen auf einen raschen Vergleich.

Umso mehr irritierte Barack Obama, mit welcher Schärfe ihn die Banker bekämpften, als er schließlich auf eine Finanzreform drängte, die im Kern eine Beschneidung des Eigenhandels und strengere Kapitalauflagen vorsieht. Dass die Wall Street darüber nicht glücklich sein würde, überrascht kaum. Doch die Finanziers fühlten sich vor allem persönlich enttäuscht, schließlich war Obama ihr Kandidat gewesen. Der Harvard-Absolvent war so, wie sich die Geldelite selbst gerne sieht: selbstsicher, redegewandt, smart. Er schien die Verachtung für den Washingtoner Politikzirkus zu teilen.

Doch nach der Wahl kühlte das Verhältnis mit seinen einstigen Wahlkampfspendern rasch ab. »Viele waren beleidigt, weil sie von Obama keine Dankesschreiben bekommen hatten und er sie nicht zu intimen Dinners ins Weiße Haus einlud«, berichtet ein Hedgefonds-Manager. Das Fass zum Überlaufen brachte jedoch eine Rede, in der Obama die Banker öffentlich als »fette Kater« bezeichnete. »Wie kann er es wagen, die Leute, die ihn unterstützt haben, so zu verunglimpfen«, klagt ein Vermögensverwalter. Den Vorwurf des mangelnden Respekts erhebt auch Richard Bove, einer der prominentesten Bankenanalysten des Landes. Die Finanzbranche sei die erfolgreichste Branche Amerikas. Seit mehr als drei Jahren in Folge steigere sie ihre Gewinne. »J.P. Morgan verdient mehr als IBM, General Electric oder Wal-Mart, die als unsere besten Unternehmen gelten – wieso wird das nicht anerkannt?«, fragt Bove.

Offenbar hat die Wall Street längst vergessen, wie sehr sie von Obama profitierte – und welche Folgen die Krise für den Rest Amerikas hat. Nach dem Untergang der Investmentbank Lehman Brothers, der sich diese Woche zum vierten Mal jährt, verloren Millionen Amerikaner ihre Ersparnisse, ihre Arbeit und ihr Heim. Doch während die normalen Bürger um ihre Existenz rangen, pumpte Obamas Regierung riesige Summen in die Finanzindustrie – in ebenjene Institute, die für den Zusammenbruch verantwortlich waren. Um die kleinen Leute, so schien es vielen, kümmerte sich der Präsident dagegen kaum.

Bis heute gibt es kein wirksames Programm, um den Millionen Hausbesitzern zu helfen, deren Schulden den Wert ihrer Immobilie übersteigen. So übertrug sich die Wut vieler Bürger von den Banken auf die Regierung. Dem Staat vertrauen sie nicht mehr. Das erklärt auch den Aufstieg der rechten Tea-Party-Bewegung, die die Rolle und den Einfluss der Regierung radikal minimieren will. Der pure Markt als Antwort auf harte Zeiten: Diese Auffassung dürfte auch von vielen Großverdienern an der Wall Street geteilt werden. Von den gleichen Leuten, die Barack Obama und dem Staat ihr Überleben verdanken.

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Leserkommentare
  1. ...das es einen offiziellen Charakter hat. Du bezahlst das und bekommst das. In Deutschland versucht man immerhin noch das ganze halbherzig zu verdecken.

    • okmijn
    • 23. September 2012 19:38 Uhr

    "J.P. Morgan verdient mehr als IBM, General Electric oder Wal-Mart, die als unsere besten Unternehmen gelten – wieso wird das nicht anerkannt?"

    Vielleicht sollte er mal die "Produkt"-Paletten vergleichen. Drei von vier Unternehmen haben welche, die man verBRAUCHEN kann. Nicht dass Banken überflüssig wären aber irgendwer hat da immer noch nicht verstanden wie das mit dem Hund und dem Schwanz beim Wedeln funktionieren sollte.

  2. Obama kann doch froh sein, dass das Wallstreet-Establishment ihm (öffentlich!) derart feindlich gesinnt ist.
    Damit lässt sich doch prima die Illusion aufrechterhalten, dass Obama, oder besser die andere der beiden US-Einheitsparteien, nicht blos Dienstleister des Großkapitals wären und dort so etwas wie Demokratie geben würde...

    Also ganz wie in Deutschland die "sozial-gerechte" SPD vom Wirtschafts-Esatblishment gebasht wird, auch wenn die in Regierungsverantwortung vornehmlich damit beschäftigt ist, für ebenjene Lobbypolitik durchzusetzen.

    • ludna
    • 23. September 2012 20:13 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/kvk

  3. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

  4. 6. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

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    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    Sie schreiben: "Obama ist der Sündenfall der westlichen Welt"

    Können Sie darlegen, inwieweit gerade Obama das sein soll, in Anbetracht der Geschichte der "westlichen Welt"?

    • Xdenker
    • 23. September 2012 20:40 Uhr

    Offenbar erwarten sie künftig von Romney mehr als von Obama. So einfach ist das.

    Im übrigen: Das Trennbankensystem kann Bankenpleiten nicht verhindern. Schließlich sind Investment- und klassische Banken auch als eigenständige Unternehmen durch Geschäfte vielfach mit einander verbunden. Die Bank, deren Pleite die Finanzkrise zum Ausbruch brachte, war eine reine Investmentbank. Und sie verfügte obendrein noch über mehr Eigenkapital als unsere Geschäftsbanken heute. Alles Augenwischerei.

    Aber: Kein Staat muss Banken retten. Die Politik kann sie gefahrlos pleite gehen lassen, wenn sie per gestzlicher Vorgabe dafür sorgt, dass sämtliche bei den Banken geführte Kundenguthaben weder Teil der Bankenliquidität sind, noch ggf. für die Verluste der Banken haften. Dann können sie soviel spekulieren wie sie wollen. Sie schaden sich ggf. immer nur selbst sowie ihren Kapitaleigner und Gläubigern.

    Verstehe nicht, warum das offenbar so schwer zu kapieren ist, oder, wenn man es versteht, einfach nicht angeht. Es sei denn, man erklärt dies durch pure Abhängigkeit nicht des Staates, sondern der Parteien und Politiker von den Mächtigen der Finanzindustrie. Romney wird die Banken daher ganz bestimmt (mindestens) genau so pampern wie Obama - oder wie Merkel, Schäuble, Steinbrück & Co..

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    • Unno
    • 23. September 2012 23:08 Uhr

    dann wäre ich mit Ihnen einig. Realität aber ist, dass der Eigenhandel immer mit fremden Geldern geschieht, der Händler/Investmentbanker den Bonus bei Gewinn einstreicht und bei Verlusten die Schultern zuckt und bei ganz grossen Verlusten wie einst 2008 der Staat die Verluste decken musste.
    Dass dieses Spiel jetzt nochmals von vorne losgeht, ist unglaublich. (aber ich werde diesmal Puts zur richtigen Zeit kaufen und bin dann ein gemachter Mann)

  5. "Vor vier Jahren hat Barack Obama die Wall Street gerettet. Das haben die Geldmanager längst vergessen."

    Genau genommen hat die die Wall Street vor vier Jahren Obama gerettet, indem er von dieser so viele Spenden bekam, wie kein anderer US-Präsident jemals in der Geschichte. Daß er mit Schuldenexzessen das Land an die Wand fährt, hat sicherlich niemand vermutet, egal wie pessimistisch man war. Aber wer nach einem Jahr schon mehr Schulden aufnimmt als sein Vorgänger in acht, naja. Anfangs kann man ja noch sagen, der Vorgänger sei schuld. Nach einer ganzen Amtszeit funktioniert das aber bei einem überschaubaren Ergebnis nicht mehr. (Merkt man traditionell in Deutschland als letztes)

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  • Schlagworte USA | Bank | Finanzmarkt | Wall Street | Barack Obama
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