USAUndank ist der Banken Lohn

Vor vier Jahren hat Barack Obama die Wall Street gerettet. Das haben die Geldmanager längst vergessen. von 

Wall-Street-Banker in New York, es spricht: Barack Obama (Archivbild)

Wall-Street-Banker in New York, es spricht: Barack Obama (Archivbild)  |  © Getty Images

Es geht um Eitelkeiten, Freundschaft – und gefühlten Verrat. Es ist die Geschichte über Barack Obamas unglückliche Affäre mit den Größen der Wall Street. Sein einst so inniges Verhältnis zu den Bankern ist mittlerweile zwar erkaltet, doch es könnte den amtierenden Präsidenten trotzdem die Wiederwahl kosten.

Noch nie hat die Finanzbranche in den Vereinigten Staaten so viel Geld ausgegeben, um einen Wahlkampf zu beeinflussen. Banker, Hedgefonds-Manager und Vermögensverwalter spendeten bislang über 160 Millionen Dollar. Die Summe könnte bis zum Urnengang im November auf mehr als 200 Millionen Dollar ansteigen. Keine andere Branche lässt mehr Geld fließen als die Geldwirtschaft. Der bisherige Rekord wurde 2008 verzeichnet. Damals verhalfen Wall Streets pralle Kassen einem jungen Senator aus dem Bundesstaat Illinois zu einem historischen Sieg. Barack Obama galt damals als Hinterbänkler, trotzdem echote sein »Yes we can« um die ganze Welt. Er war ein Hoffnungsträger, nicht nur für die rezessionsgebeutelten Bürger der USA.

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Heute ist von diesem Gefühl nicht mehr viel übrig geblieben. Kaum eine andere Gruppe hat sich jedoch so radikal und vehement gegen Obama gewandt wie die Finanziers. Inzwischen geht der weitaus größte Teil der Wall-Street-Millionen an seinen Rivalen Mitt Romney. Die Banker von Goldman Sachs, die 2008 noch zu Obamas großzügigsten Gönnern gehörten, haben mehr Geld für die Wahlkampagne des Republikaners gespendet als jede andere Bank. Auch Hedgefonds-Guru Kenneth Griffin warb vor vier Jahren für Obama – jetzt finanziert er Gruppen, die seinen einstigen Favoriten mit aggressiven Werbespots attackieren.

Selten war die Wall Street auch derart einseitig bei ihren Zuwendungen. Zwar neigen die Finanzmanager traditionell mehrheitlich zur konservativen Seite, doch bei Wahlen gingen sie meist ähnlich vor wie bei ihren Aktien- oder Devisenspekulationen: Man sichert seine Wette ab, indem man beide Seiten unterstützt.

Inzwischen aber ist die Ablehnung Obamas unübersehbar. »Was für ein Verlierer«, bemerkt abfällig ein Händler auf dem Parkett der New Yorker Börse, wo schon das Bild des Präsidenten auf einem TV-Monitor Buhrufe auslösen kann. Obama sei ein »Sozialist«, behauptet ein bekannter Hedgefonds-Manager. »Es ist der blanke Hass«, erklärt der prominente TV-Börsenreporter Jim Cramer, selbst ein ehemaliger Hedgefonds-Manager und Goldman-Mitarbeiter.

Dabei hat die Regierung des Demokraten so gut wie alles getan, um den Bankern zu helfen. Bei seinem Amtsantritt übernahm der Präsident eine Wirtschaft im freien Fall und ein Finanzsystem mit akutem Infarkt. Ohne Zögern sagte er viele Milliarden Dollar Staatsgarantien zu und vergab großzügige Kredite an kollabierende Kreditinstitute. Bis heute hat es trotz zahlreicher Hinweise auf fragwürdige Praktiken keine ernsthafte Strafverfolgung von Verantwortlichen für die Wackelhypotheken gegeben, die Auslöser der Krise waren. Nicht einmal die Topmanager der mit Steuergeldern geretteten Finanzkonzerne wurden ausgetauscht. »Die Wall Street hätte sich kaum einen besseren Präsidenten wünschen können«, sagt Jim Chanos, Manager des Hedgefonds Kynikos, der den Präsidenten nach wie vor unterstützt.

Verantwortlich dafür, dass sich Obama so vehement für die krisengeschüttelte Geldbranche einsetzte, ist vor allem ein Mann: Finanzminister Timothy Geithner. Sein Aufstieg ist fast so erstaunlich wie die Karriere Obamas.

Geithner startete als kleiner Beamter im Finanzressort, wo er Robert Rubin auffiel, der damals Bill Clintons Finanzminister und zuvor Chef der Investmentbank Goldman Sachs gewesen war. Seine nachhaltigste Hinterlassenschaft besteht in der ersatzlosen Entsorgung des Glass-Steagall-Gesetzes, das nach dem Börsencrash von 1929 eingeführt wurde, um Investmentbanken von Geschäftsbanken zu trennen und so die Wirtschaft vor Fehlspekulationen zu schützen. Viele Kritiker sehen in der Abschaffung dieses Gesetzes die Ursache für die Fehlentwicklung in der Finanzbranche, die letztlich zum Desaster im Herbst 2008 führte.

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