Raumfahrt-KulturzentrumRaumschiff Vitanje

In der slowenischen Provinz haben Künstler ein Weltraumzentrum eröffnet. von 

Friedlich grast das Fleckvieh auf den Hügeln. Gemächlich murmelt der Bach. Im Turm der gotischen Peter-und-Paul-Kirche bimmeln die Glocken. Da kommen ein paar Bewohner des slowenischen Städtchens Vitanje zusammen und bestaunen das merkwürdige Gebilde, das jetzt in ihrer Idylle gelandet ist. Es wirkt, als käme es aus weiter Ferne. Die matte Aluminiumhaut schimmert in der Spätsommersonne. Zwei ineinander verschlungene Ringsegmente ruhen auf einem gläsernen Sockel. In seinem Inneren führen zwei abgeschrägte Rampen in Spiralen zu einem runden Raum, der eine Kommandozentrale beherbergen könnte. In drei gläsernen Zylindern bündeln sich hier die Lichtstrahlen, die durch die Dachluken dringen. Das ist der Ort, von dem aus künftig Sternenträume in die unendlichen Weiten des Weltraums reisen sollen, wo Künstler und Wissenschaftler gemeinsam darüber grübeln wollen, wie sich Erdenwesen in fremden Galaxien bewähren könnten: Vitanje ist startbereit.

Tatsächlich ist das Gebäude im slowenischen Hinterland der ersten Raumstation nachempfunden, die ein Mensch erdacht hatte, zu einer Zeit, in der die Eroberung des Alls noch ein Gedankenexperiment war. In dem vergangene Woche eröffneten Kulturzentrum für europäische Raumfahrttechnik, dem ersten seiner Art, wird im Ausstellungsbereich einem Raumfahrtpionier gehuldigt, dessen Mutter aus Vitanje stammt. Der österreichische Militäringenieur Herman Potočnik, geboren 1892 im ehemaligen Marinestützpunkt Pula, aufgewachsen im nahen Marburg, ein Spezialist für Brücken- und Eisenbahnbau, war mit einer Tuberkulose aus dem Ersten Weltkrieg nach Wien zurückgekehrt. Der demobilisierte Hauptmann verkroch sich an der Technischen Universität und vertiefte sich in eine Disziplin, in der sich zu diesem Zeitpunkt nur wenige Fantasten betätigten: die Reise zu den Himmelskörpern. Sie dachten voraus, was erst ein Menschenalter später mit Sputnik und Sojus, mit Apollo und Gemini, mit Spaceshuttle und IRS Gestalt annehmen sollte.

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Nach dem Ersten Weltkrieg erhob sich Potočnik über die Südspitze Kameruns

Es waren isolierte, von fast allen Naturwissenschaftlern belächelte Grübler, die sich nach den Verwüstungen der technischen Vernichtungsorgie des Weltkrieges den Kopf darüber zerbrachen, wie es der Menschheit gelingen könnte, die Schwerkraft zu überwinden, um neue Welten zu erobern. Potočnik trug eifrig den bereits vorhandenen Wissensstand zusammen, um ihn zu einem neuen, visionären Entwurf einer künftigen Weltraumfahrt zusammenzufügen. Er überlebte die Veröffentlichung seines Lebenswerkes im Berliner Verlag Richard Schmidt & Co. nur um wenige Monate.

Im August 1929 erlag der 36 Jahre alte Gedankenkosmonaut vereinsamt und verarmt seinem Lungenleiden. Sein Nachlass ist verschollen. Ein einziges Foto aus seiner Militärzeit ist erhalten geblieben. Dennoch war den Ideen des Eigenbrötlers ein langes Nachleben beschieden.

»Seine Person ist nicht wichtig«, sagt Miha Turšic, der Direktor des Raumfahrtzentrums von Vitanje, »was allein zählt, ist sein Buch.« Turšic, ursprünglich Designer, und sein Partner, der slowenische Theatermacher Dragan Živadinow, nehmen das Werk seit fast 15 Jahren als Inspirationsquelle eines Gemeinschaftsprojekts, das auf insgesamt 50 Jahre angelegt ist: ein abstraktes Theaterstück, das als Hommage auf den Pionier gedacht ist und in immer radikaleren Versionen aufgeführt wird.

Was genau in Vitanje geschehen soll, bleibt noch in einem Nebel aus futuristischen Ideensplittern verschwommen. Einerseits will das Raumfahrtzentrum ein Labor sein, in dem sich kreative Köpfe und Wissenschaftler an das Experiment wagen, eine neue Kunstform zu erfinden, die den Weiten des Alls entspricht. »Schwerkraft ist die letzte Grenze«, sagt Turšic. »Sie muss von Kunst außer Kraft gesetzt werden – das ist unsere Vision.«

Anderseits geht es darum, den neugierigen und zugleich skeptischen Bewohnern von Vitanje, die das Zentrum auch als kommunales Wohnzimmer nutzen sollen, den Visionär und sein Werk vorzustellen. In seinem 180 Seiten schmalen Band Das Problem der Befahrung des Weltalls, den er unter dem Pseudonym Hermann Noordung 1928 veröffentlichte, erörterte Potočnik die theoretischen Möglichkeiten der modernen Raketentechnik, die damals gerade ihre Geburtsstunde erlebte. Der Physiker Hermann Oberth aus dem siebenbürgischen Hermannstadt (heute Sibiu in Rumänien) hatte 1922 mit seiner Dissertation Die Rakete zu den Planetenräumen eine erste, einflussreiche Studie vorgelegt.

Potočnik entwarf eine Raumstation, die in 35900 Kilometer Höhe über der Südspitze von Kamerun schwebt. Es war das erste Konzept der heute üblichen geostationären Satelliten.

Potočniks Außenposten besteht aus drei Elementen, einem Observatorium, einem Maschinenraum und einer Wohneinheit, die miteinander durch Versorgungsschläuche verbunden sind. Im Zentrum der Überlegungen steht das Wohnrad, ein Kranz von Wohn-, Arbeits- und Lagerräumen, der um eine Spindelachse rotiert und dadurch in seiner Position gehalten wird. Dank dieses ersten anschaulichen und in allen Details durchdachten Entwurfs eines künstlichen Himmelskörpers sei der Sternenfahrer aus der Wiener Studierstube der »Vater der Weltraum-Architektur«, meint die russische Historikerin Tanja Zhelina im Vorwort der englischsprachigen Neuausgabe des Büchleins, das im Eigenverlag des Kulturzentrums erschienen ist. Die farbigen Zeichnungen, mit denen Potočnik sein Fantasieprojekt illustrierte, haben nun in Vitanje eine konkrete Gestalt gefunden.

Mit den Ideen der Suprematisten in die hintersten Winkel des Alls

Das architektonische Zukunftsmanifest ist nach einer langen Reise durch die Köpfe unterschiedlicher Raumfahrtenthusiasten an die Heimstatt seines Autors zurückgekehrt. Kurz nach dem Tod Potočniks beschäftigte sich beispielsweise der junge Raketenforscher Wernher von Braun in seiner Dissertation mit dem theoretischen Gedankengebäude und bezog sich auch darauf, als er später im Auftrag der amerikanischen Raumfahrtagentur Nasa das Konzept für eine Raumstation im Raketenzeitalter entwarf. Die Idee hatte aber schon Jahrzehnte zuvor junge Leser in den Vereinigten Staaten fasziniert.

Noch im Erscheinungsjahr des Reiseführers für All-Expeditionen hatte das populäre Magazin Science Wonder Stories die besonders fantastischen Abschnitte übernommen und optisch aufbereitet. Das Heft war auch in die Hände des späteren Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke gelangt, der an ein galaktisches Wohnrad dachte, als er das Drehbuch zu dem stilbildenden Astronautenepos 2001 – Odyssee im Weltall von Stanley Kubrick verfasste. So war der Visionär aus Vitanje nie ganz in Vergessenheit geraten.

Seine Ideen, meint Direktor Turšic, hallten so lange nach, weil er weniger die technischen Aspekte der Weltraumexpedition betont habe, sondern vielmehr eine Geistesverwandtschaft zu dem Ideenkosmos der suprematistischen Avantgarde im revolutionären Russland habe erkennen lassen, die dem Schreibtischkosmonauten allerdings gänzlich unbekannt war. Diese Künstlergruppe sah in ihrer »Ideologie der Gegenstandslosigkeit« die Überwindung der Schwerkraft als größte und eigentliche Herausforderung des kreativen Höhenfluges.

Deshalb wollen Turšic und Živadinow, die gemeinsam das 2,5 Millionen Euro teure Zentrum initiiert und hauptsächlich aus EU-Mitteln realisiert haben, das neue Gebäude als Kunstprojekt verstanden wissen. Von dieser Bodenstation aus wollen sie in den kommenden Jahren bis in die entferntesten Winkel des Potočnik-Universums vordringen, in dem der Mensch, von allen irdischen Fesseln befreit, in der gedanklichen Freiheit seiner künstlerischen Autonomie schweben kann.

Das sei das Vermächtnis des Pioniers: Im Unterschied zum Denken des Westens, in dem Astronauten zum Himmel geschossen werden, um fremde Sterne zu erobern, bestehe der Auftrag des Kosmonauten darin, den Horizont der Erdlinge zu erweitern. So steht es im Logbuch des Raumschiffs Vitanje, für das die Sternenzeit eben erst angebrochen ist.

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