Opernfestival WexfordUnd die ganze Stadt singt

Wo bitte schön? In Irland? Zu Besuch beim erstaunlichsten Opernfestival der Welt, in Wexford. von 

Dies ist die Geschichte eines Wunders. Und damit gleich mal klar wird, welche Dimension dieses Wunder hat, beginnt die Geschichte mit einer Zahl: Wenn es in Berlin ein Opernhaus wie das gäbe, von dem hier die Rede ist, müsste es Platz bieten für 180.000 Menschen.

Der Schauplatz ist Wexford, ein Küstenstädtchen im Südosten Irlands. Eine Promenade entlang des Meeres, ein Ensemble schmuckloser Häuschen, die an engen Straßen kauern – fertig. Doch mittendrin steckt ein gewaltiger brauner Klotz, wie ein Meteorit hier eingeschlagen aus einer fernen Welt. Das ist der Bühnenturm, 35 Meter hoch, mit Kupfer beschlagen. Aber wo ist das dazugehörige Opernhaus? Keine glitzernde Fassade weist den Weg, keine Prunktreppe, keine Säulenhalle. Lückenlos Schulter an Schulter stehen die Bürgerhäuser in der High Street, wo doch der Eingang sein soll. Fast geht man vorbei, so schmal und niedrig ist er. Noch im kleinen Foyer ist nichts zu ahnen von der Nussschale in XXL, die sich hier verbirgt. Das ist der erste Überwältigungseffekt, den jede Aufführung beim Wexford Festival Opera bereithält: Hinter den Saaltüren weitet sich plötzlich alles, wie ein künstlicher See fluten die Sitze aus hellblauem Leder den Raum, das Ufer – Wände und sanft geschwungene Ränge – aus kanadischem Walnussholz verweist elegant auf die reiche Schiffsbautradition der Stadt. 780 Zuschauer finden Platz, das sind fünf Prozent der Einwohner Wexfords.

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Fünf Prozent der Berliner, das wären 180.000.

Wie kann es sein, dass das vielleicht beste kleine Opernhaus der Welt ausgerechnet hier steht, am Rand eines Landes, einer Insel, auf der es nicht einmal ein festes Opernensemble gibt?

Darüber, wie alles anfing, erzählt man sich in Wexford einen Witz. Sagt der eine Opernliebhaber zum anderen: Ich würde meinen linken Arm dafür geben, hier mal einen guten Sänger zu hören! Fragt der andere: Warum denn nur den linken? – Weil ich den rechten brauche, um die Kurbel vom Grammofon zu drehen!

Denn mit einem Grammofon ging es los. 1950 war das, Irland war von Europa noch so weit weg wie die Osterinsel, nur der Wirtschaft ging es schon ähnlich mies wie heute. Da trafen sich in Wexford ein paar musikliebende Männer, an ihrer Spitze der Anästhesist Thomas Walsh, genannt Dr. Tom. Der hatte droben im Norden, in der Hauptstadt, mal Gesangsunterricht gehabt bei einem versprengten Italiener. Seither glühte die Liebe zum Belcanto in ihm, und um seine Sehnsucht zu stillen, versammelte er ein paar Medizinerkollegen, dazu den Hotelier und den Postbeamten des Dorfes um einen Plattenspieler, zum Zwecke des gemeinsamen Opernanhörens. Und hätte dieser so seltsame wie ehrwürdige Opera Study Circle nicht irgendwann den berühmten Musikkritiker Compton Mackenzie zu einem Vortrag eingeladen, würde man auch heute noch Oper in Wexford nur aus der Konserve kennen.


Der Schotte Mackenzie aber bequatschte die Männer, dass Oper nur live wirklich Oper sei, und so beschlossen sie, nicht nur ein paar leibhaftige Sänger in ihre Provinz einzuladen, sondern gleich ein Festival zu gründen. Eigentlich eine Schnapsidee, wenn man bedenkt, dass aus der einzigen Bühne der Stadt schon lange ein Möbellager geworden war und es nicht einmal Geld gab, um Tickets zu drucken. Doch sangesfreudige Iren, in deren Herzen eine Leidenschaft lodert, sind nicht aufzuhalten. Und so ging am 21. Oktober 1951 zum ersten Mal der Lappen hoch im Theatre Royal, wie die kleine Spielstätte recht großmächtig hieß. The Rose of Castille stand auf dem Spielplan, ein irischer Verwechslungskomödienschmachtfetzen, programmatischer Auftakt zu einer Geschichte von Besessenheit, Hingabe, Erfindungsreichtum, Risikofreude, Witz.

Denn ohne all das könnte das Wexford Festival Opera nicht in seine 61. Saison gehen. Aber genau das tut es in diesem Jahr, am 24. Oktober. Da wird sich die ganze Stadt wieder Stunden vor der Eröffnungspremiere auf dem Commercial Quay am Meer versammeln, zu einem Volksfest mit Popcorn, riesigen Zuckerstangen und allerlei phosphoreszierendem Leuchtkram. Im Hintergrund werden wie immer die Fischerboote dümpeln, als Soundtrack wird eine Altmännercombo was Schmalziges und die Bläsersektion des Festivalorchesters was Schmissiges beisteuern. Streng nach Fahrplan wird auch der Zug nach Dublin wieder mitten durchs Fest schnaufen und die feiernde Menge teilen, ehe jemand Gewichtiges die angemessenen Worte findet, etwas in der Art von: »Heute Abend sind wir das Zentrum der Opernwelt, die Scala Irlands!« So sprach im vergangenen Jahr Enda Kenny, der Taoiseach (sprich: Tiiischock), der irische Ministerpräsident. Ein Feuerwerk, begleitet von einer Disco-Version von Vivaldis Vier Jahreszeiten oder Ähnlichem, wird diese Vermählung von Kirmes, Fischmarkt und Oper aufs Schönste überstrahlen. Dann werden alle ihrer Wege gehen, die feierwütige Jugend in die umliegenden Pubs, die Opernfreunde hinauf in die High Street, wo nach dem obligatorischen Absingen der irischen Nationalhymne »the friendliest festival in Europe« endlich beginnt, in diesem Jahr mit L’Arlesiana von Francesco Cilèa.

Nie gehört? So muss es sein! Denn auch das ist eine Wexforder Besonderheit von Anfang an. Um den ungewinnbaren Wettstreit mit den großen Festivals des Kontinents zu vermeiden, empfahl schon der Mentor Mackenzie den wackeren Kurbeldrehern, sich auf selten gezeigte Werke zu spezialisieren. »Wir spielen nicht, was die Leute mögen, sondern das, was sie vielleicht mögen könnten«, lautete das Motto, mit dem Dr. Tom aus der Not eine Tugend destillierte. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass für all die Supertanker des gängigen Repertoires das Theatre Royal von 1832 schlicht zu klein war. Selbst als aus den ursprünglich 800 Stehplätzen längst 570 Sitzplätze geworden waren, musste sich der Dirigent den Weg zu seinem Pult durchs Publikum bahnen. Als Garderoben dienten die Privathäuser auf der anderen Straßenseite und das Whites Hotel, sodass die Sänger über die High Street zu ihrem Auftritt rennen mussten, oft genug – wir sind schließlich in Irland! – im Regen. Altgediente Kritiker wissen sogar noch zu berichten, dass mitunter Stare während einer Aufführung durch den Raum flatterten, mit den Sängern um die Wette tirilierend und ab und zu etwas fallen lassend. An so einen Ort kommen Opernfans nur, wenn es um Einzigartiges geht. Ausgrabungen sind das mutige Alleinstellungsmerkmal von Wexford, und davon gibt es jedes Jahr drei Stück nach einem einfachen Rezept: one for the heart, one for the head, one for fun.

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