ManagerinnenGlücksfall Chefin

So viele Frauen wie nie rücken in den Unternehmen nach oben. Jetzt können sie den Kapitalismus verändern von 

Schlechte Nachrichten für die Frauenquote, gute für die Frauen – wie passt das zusammen? In Deutschland führen die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (pro) und die Familienministerin Kristina Schröder (kontra) eine lähmende Debatte. Und in Europa ist die Quote fürs Erste sogar gestoppt – zur Freude der Staaten, die sich mit der Frauenförderung weiter Zeit nehmen wollen.

Gleichzeitig vollzieht sich in Deutschland eine historische Wende. Bislang ist unsere Wirtschaft in Frauenfragen zwar alles andere als ein Vorbild. Aber endlich kommen die Frauen auf dem Weg in die Führungsetagen voran, und die Bewegung erreicht gerade eine kritische Masse.

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Das deutsche Beispiel zeigt, dass schon die Androhung der Quote das Umdenken beschleunigt. Seit Jahren erklärt die Politik der Wirtschaft, wenn sie nicht weiblicher würde, dann käme ein Gesetz. Das hat geholfen, auch wenn es die Chefs nicht allein zum Einlenken bewegt – viele merken schlicht, dass sie mit einer reinen Männerpolitik selbst zum Auslaufmodell werden.

In fortschrittlichen Unternehmen geht es nicht mehr um den bewussten und bemühten Versuch, mal eine Frau für die obere Etage zu finden. Das ist inzwischen Managementroutine, betriebliche Normalität.

Daher müssen sich in der Deutschland AG auch nicht mehr diejenigen Manager rechtfertigen, die Frauen befördern. Am Rand stehen nun jene, die ihre Männerwelt verteidigen. Statistiken bestätigen, dass die deutsche Wirtschaft die Jahre der Abwehr und des Stillstands überwindet. Die Personalberatung Egon Zehnder hat untersucht, wie die europäischen Großunternehmen zuletzt bei Neubesetzungen in ihren Vorständen und Aufsichtsräten entschieden. In Deutschland gingen 40 Prozent der Führungspositionen an Frauen, europaweit waren es 30 Prozent. Zwar wurden die meisten Frauen dabei »nur« Aufsichtsrätinnen, kontrollieren also Chefs, statt selbst zu führen, aber künftig werden sie die neuen Vorstände berufen.

Eine positive Überraschung ist es auch, dass mehr als ein Fünftel der mittelständischen Unternehmen von Frauen geführt wird. Der Grund ist nicht, dass den Vätern die männlichen Erben fehlen. Oft sind die Töchter einfach besser – wie im Fall des Maschinenbauers Trumpf, dessen Chefin Nicola Leibinger-Kammüller nebenbei die Lufthansa und Siemens kontrolliert und die Bundesregierung berät. So kommt es, dass der Mittelstand sogar noch besser dasteht, wenn man nur die jungen Führungskräfte anschaut. Die sind schon zu fast 40 Prozent weiblich.

Mehr Frauen rücken nach, und die Frage ist, ob sie sich der männlichen Wirtschaft anpassen – oder sie verbessern. Früher wurde die Debatte von Forschern bestimmt, die erklärten, mit mehr weiblichen Führungskräften würde alles besser, was denn sonst? Aber das war erst der Anfang. Eine aufsehenerregende Studie über Norwegen warnt jetzt, dass unerfahrene Quotenfrauen im Aufsichtsrat den Börsenwert mindern. Andere Kommentatoren erklären schon eine ganze Generation junger Männer für verloren. Das ist alles etwas abwegig, und doch zeigt es, dass wir vorangekommen sind und nicht mehr über das Ob diskutieren, sondern über die Folgen.

Soll sich die Wirtschaft wirklich wandeln, dann reicht es nicht, dass die Frauen Führungsposten besetzen. Jetzt, da sie mehr werden und nicht allein unter Männern auf der Chefetage sitzen, können sie ihre Umgebung auch prägen – und den Kapitalismus nachhaltig verändern.

Viel spricht dafür, dass mit mehr Frauen an der Spitze eine neue Wirtschaft entsteht. Heute dürfen weibliche – und sogar männliche – Autoren sagen, dass Frauen mit anderen Erwartungen und Verhaltensweisen in die Wirtschaft kommen. Hat die Familienforscherin und Unternehmerin Gisela Erler recht, dann sind Frauen weniger hierarchiebesessen und streben mehr nach einer sinnvollen Aufgabe als nach Macht, mal als Chefin, mal im Team. Sie kämpfen gerne, aber bitte gegen die Konkurrenz und nicht untereinander. So gesehen würde eine weiblichere Wirtschaft also eher fragen, wer was am besten kann, als, wer wen am schnellsten besiegt.

Wäre eine weiblichere Wirtschaft auch krisenfester? Manches spricht dafür

Familiengerechter könnte sie auch sein. Nicht so wichtig, wie lange jemand am Schreibtisch hockt, sagen viele Frauen, Hauptsache, die Leistung stimmt. Außerdem sind sie es oft, die ihre Arbeitszeiten je nach Lebensphase verändern müssen. Bei Trumpf können die Mitarbeiter jetzt alle zwei Jahre neu bestimmen, wie viele Stunden pro Woche sie arbeiten. »Standardarbeitsverträge werden der komplexen Lebenswirklichkeit nicht mehr gerecht«, sagt die Chefin. Punkt.

Es gibt sogar Indizien, dass eine weiblichere Wirtschaft krisenfester wäre. Anlageexperten behaupten, Frauen ließen sich nicht so schnell vom Fieber übertriebener Begeisterung anstecken. Auch als Unternehmerinnen seien sie vorsichtiger, hat die Förderbank KfW herausgefunden. Deshalb wuchsen ihre Firmen vor der Finanzkrise zwar nicht so schnell wie die Unternehmen der Männer. Aber in der Krise schrumpften sie auch weniger und waren daher sicherer.

Niemand soll glauben, dass in einer weiblicheren Wirtschaft alles besser läuft. Auch neue schlechte Eigenschaften werden sich ausprägen. Aber ein flexibleres, selbstbestimmteres und etwas weniger krisenanfälliges Wirtschaftsleben – das wäre ein Gewinn für alle. Die Chance dazu eröffnet sich jetzt, sofern die Frauen die Wirtschaft verändern können, bevor die Wirtschaft die Frauen verändert.

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