Migranten-CastingRowdys bevorzugt

Für einen Vorstadtthriller sucht Regisseur Jakob Erwa junge Darsteller aus der Migrantenszene – Klischees und Stereotype sind willkommen. von Duygu Özkan

Regisseur Jakob Erwa (l.) und Laienschauspieler Deniz (r.) beim Casting

Regisseur Jakob Erwa (l.) und Laienschauspieler Deniz (r.) beim Casting  |  © Gianmaria Gava für DIE ZEIT

Vor dem Regisseur und seiner Castingkamera schiebt sich Deniz in Pose, ein 14-jähriger Junge mit Brille und aufgewecktem Blick. Unter dem offenen Hemd trägt er ein weißes Rippshirt. Rap-Videos mache er gerne, sagt der türkischstämmige Wiener zuerst, und dann erzählt er, wie er einmal in eine Messerstecherei verwickelt worden war. Filmemacher Jakob Erwa schaut interessiert hoch: »Erzähl mehr davon.« Für seinen neuen Streifen Kinder der Stadt sucht er Darsteller – Kinder aus Migrantenfamilien sollen es sein. Und Prügeleien passen offenbar in das Rollenbild.

Auch Alberto sucht beim Vorsprechen im Wiener Bezirk Rudolfsheim den großen Ruhm. Es sollen möglichst authentische Gesichter für einen »Actionthriller« gefunden werden. Der 21-jährige Deutschkubaner mit dem weißen T-Shirt lehnt betont lässig an der Eingangstür. Bisher habe er nur kleine Fernsehrollen ergattern können, erzählt er. Derzeit mache er eine Lehre als Programmierer, die Freizeit verbringe er mit Rappen. Neben ihm warten noch rund zwanzig weitere Kinder und Teenager auf ihre Chance.

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Vier Hauptrollen sollen in Erwas Film besetzt werden, in dem zwei Jugendgangs durch die dunklen Regionen im Großstadtdschungel pirschen, wo Schlägereien und Schutzgelderpressungen alltäglich sind. »Gewalt ist die Sprache, die alle verstehen«, steht in der Kurzbeschreibung für die Kandidaten.

Gesucht werden zwei Burschen zwischen 12 und 15 Jahren. Der eine soll Österreicher oder Deutscher sein, der andere Türke, vor allem ein sportlicher Typ. Dazu kommt eine Darstellerin zwischen 12 und 16, die vom Balkan stammen sollte.

Die vierte Hauptfigur kann bis zu 30 Jahre alt sein. Das ethnische Rollenbild steht noch nicht fest. Doch wer sie spielen möchte, sollte tschetschenischen oder türkischen Hintergrund haben – eine Herkunft aus der Balkanregion ginge ebenfalls in Ordnung. Für diese Rolle interessiert sich Alberto – auch wenn sein Vater eigentlich aus der Karibik stammt.

Stoisch starrt er auf die Tür zu dem Vorsprechzimmer. Während ein Teenager nach dem anderen aufgerufen wird, erkundigt sich ein Bursche mit schütterem Bartwuchs und Baseballkappe bei der jungen Frau, die versucht, Ordnung in die Kandidatentruppe zu bringen, danach, was ihn in dem mysteriösen Raum erwarten werde. »Sei du selbst«, sagt sie, »und sage, was du gut kannst.« Der Junge guckt verdutzt: »Ich kann aber nichts.« Hinter dem Unglücklichen kichert sein Freund. »Du bist deppert!«, motzt der Freund.

Drinnen, im bunt gestrichenen Besetzungszimmer mit den großen Fenstern, mustert Regisseur Jakob Erwa, Irokesen-Haarschnitt, Nasenpiercing, die hoffnungsfrohen Migranten. Den ganzen Tag über schüttelt er Hände, stellt Fragen nach Hobbys und erkundigt sich, ob jemand schon einmal in eine Schlägerei verwickelt gewesen sei. Es gehe schließlich um Authentizität, sagt er. Eine anständige Keilerei lasse sich filmisch nun mal besser umsetzen, wenn ein Darsteller bereits einige raue Erfahrung am eigenen Leib gesammelt habe.

Die Suche nach Migrantenkids ist für den 31-jährigen Regisseur nichts Neues. Vor fünf Jahren drehte er die fünfteilige Fernsehserie tschuschen:power über eine Clique von Wiener Zuwandererkindern, die sich auf einen Breakdance-Wettbewerb vorbereitet. Wobei das mit dem Typencasting damals auch keine einfache Sache war: Wie muss jemand aussehen, um im Ethno-TV als tschetschenischer Jugendlicher über den Bildschirm zu kommen? Oder als einer aus der Balkanregion? »Ich mag den Begriff Migrationshintergrund nicht«, sagt Erwa. Es gehe ihm um Talent und Charakter, nicht um das Herkunftsland.

Die Typen, nach denen er jetzt Ausschau hält, ergeben keine alltägliche Mischung. Einerseits sollen sie Rabauken sein, die sich nichts sagen lassen und den stereotypen Bildern von Vorstadtjugendlichen aus dem Ausländermilieu entsprechen. Anderseits fordert der Talentesucher von seinen Darstellern Disziplin und Verlässlichkeit: »Ich will schon, dass sie pünktlich am Set sind.«

Der Regisseur nimmt wieder hinter der Kamera Platz. Die Halbgriechin Natalie, eine Zwölfjährige mit Zahnspangenlächeln und rötlichen Haaren, berichtet, sie nehme Gesangsunterricht. Eda, zwei Jahre älter, erzählt, dass sie am liebsten durch die Gegend jogge. Ihre positive Eigenschaft: Sie sei nett. Ihre negative Eigenschaft: »Ich bin zu nett.«

Derweil poltern vier türkische Teenager zu dem Anmeldecounter. Sie quatschen wild durcheinander, rempeln einander gegenseitig beim Ausfüllen der Formulare. Schließlich segeln die Papierblätter munter durch die Luft.

Adem, einer der Unruhestifter, meint, er würde hauptsächlich zum Kicken gehen oder einfach mit seinen Freunden abhängen. Vor einer Kamera sei er aber noch nie gestanden. »Weißt du, wovon der Film handelt?« – »Ja, ich habe im Google nachgeschaut.« Ob er schon einmal »Scheiße gebaut« habe, will der Regisseur wissen. Der 13-Jährige geht auf Nummer sicher und lächelt verlegen: »Das bleibt doch unter uns?« Dann erzählt er davon, wie er und seine Freunde Knallkörper in ein Fast-Food-Lokal geworfen haben. Und auch von einer Rauferei, wobei er da für einen Freund eingetreten sei, eine »Ehrensache«.

Ob er verlässlich sei? »Ja, wenn es sein muss.« Pünktlich? »Wenn es sein muss.« Frech? »Wenn es sein muss.« Der Regisseur ist von dem Jungen begeistert: »Gute Goschn, super Gesicht.«

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