Es ist so ruhig, als hätte einer den Soundtrack der Großstadt auf null gedreht. Bedford Square im Londoner Stadtteil Bloomsbury atmet die Gelassenheit einer entspannten Epoche. Schnurgerade Häuserreihen um einen Park. Türbögen in Rot-Weiß. Man stellt sich vor, wie Virginia Woolf, vom Tavistock Square her kommend, ihrem Spaniel nachhechelte in Richtung Grün, aus dessen Hecken sich jetzt allerdings erstaunlich viele Männer lösen. Es kommen: einer von links, zwei von rechts, einer von geradeaus, es sind pralle Typen in schwarzen Anzügen, verkabelte fleischige Ohren. Security!

Ich versuche einen Scherz und sage: »Ich habe hier ein Date mit Salman Rushdie .« Sie fragen, wer Salman Rushdie sei. Ich frage sie, wer sie sind, und sie antworten, sie seien die Security zum Schutz der Studenten, die heute im Park Examen feiern.

Studenten! Ob das eine gute, eine schlechte Nachricht ist? Dass der Autor Salman Rushdie, auf dessen Kopf der islamische Mullah Ajatollah Chomeini am 14. Februar 1989 eine Million Dollar ausgesetzt hatte, dessen Name in Schockwellen um die Welt lief, der vom Special Service des Vereinigten Königreiches über zehn Jahre lang von Versteck zu Versteck gebracht, vor Mörderkommandos geschützt werden musste, dass Salman Rushdie einem Londoner Security Service heute ein Unbekannter ist? Und Studenten der Security bedürfen?

Wir sind mit Salman Rushdie in seiner Agentur verabredet. Zu Wylie hatte Rushdie sich geflüchtet, als der Boden unter seinen Füßen zu beben begann, als er hörte, was der Ajatollah Chomeini sagte:

Ich informiere das stolze muslimische Volk der Welt, dass der Autor des Buches »Die satanischen Verse«, welches sich gegen den Islam, den Propheten und den Koran richtet, sowie alle, die zu seiner Publikation beigetragen haben, zum Tode verurteilt sind. Ich bitte alle Muslime, die Betroffenen hinzurichten...

Heute sitzt der Autor bei Wylie auf der Terrasse, ein kleiner, molliger Herr. Er hat seine Autobiografie geschrieben, eine 700 Seiten lange Aufzählung der Horrorszenarien seiner Zeit im Untergrund. Alles überstanden! Besser gesagt: überlebt. Es ist ein sonniger Tag. In Pakistan wurde ein 14-jähriges Mädchen, das der Beleidigung des Korans angeklagt war, aus dem Gefängnis entlassen. Nicht so gut die Nachricht, dass, weil die iranische Schauspielerin Golshifteh Farhani in einem Künstlervideo eine Brust entblößt hat mit dem Satz: »Ich werde deine Träume nähren«, ihr Vater Drohanrufe erhält, jemand schrie ins Telefon, man werde ihr die Brüste abschneiden und ihm auf einem Tablett servieren. Wir wissen noch nicht, dass es eine Woche vor dem Tag ist, an dem ein Mob die amerikanische Botschaft in Bengasi stürmt und den Botschafter tötet , die deutsche Botschaft in Khartoum brennt und in Tripolis Kentucky Fried Chicken. Unruhen in Irak, Iran, Katar, Kaschmir und Ägypten , wegen eines Films, der den Propheten Mohammed verspottet .

DIE ZEIT : Die Fatwa gab Ihrem Leben eine völlig neue Richtung. Wann haben Sie das verstanden?

Salman Rushdie: Vielleicht eine Woche nachdem es begann. Als die diplomatischen Bemühungen gescheitert waren. Es gab diesen Moment, in dem ein Senior Police Officer sagte: Hören Sie, sieht so aus, als könnte es auf unbestimmte Zeit so bleiben.

ZEIT: Auf unbestimmte Zeit ein Fliehender. Sie, der Star des literarischen London , Gewinner des Booker Prize für Midnight’s Children , verjagt aus dem eigenen Leben. Was waren Ihre Gefühle?

Rushdie: Furchtbar. In den ersten zwei Jahren war ich in Gefahr, mich zu verlieren. Eine Spirale in die Depression. Nicht schreiben können, nicht arbeiten, können nicht klar denken können. Sie betonten, ich würde nicht mehr nach Hause zurück können. Ich hatte ein wunderbares Haus, ich hätte darauf bestehen sollen, dort zu bleiben.

ZEIT: Sie verloren Ihr Haus, Ihre Ehe ging zu Bruch, Ihr Name war nur noch ein Symbol, Sie brauchten einen neuen. Sie wählten: Joseph Anton.

Rushdie: Joseph wie Joseph Conrad . Anton wie Anton Tschechow.

ZEIT: Wir alle lernten, dass eine heilige Fatwa nie mehr zurückgerufen werden kann.

Rushdie: Die theologische Komponente ist mir egal. Entscheidend war, dass es um einen staatlich unterstützten Terrorismus ging. Die iranische Regierung hatte Killer. Mir wurde klargemacht, dass mir der Schutz des britischen Staates nur zuteil würde, weil es sich um einen Angriff eines Staates auf einen britischen Bürger handelte.

"Man streitet, und vielleicht hat jeder etwas gelernt"

ZEIT: Die Fatwa veränderte auch Ihren hochgelobten Roman – in einen Stein des Anstoßes.

Rushdie: Das passierte schon vor der Fatwa. Auf den Tag vier Wochen vorher, als das Buch in Bradford verbrannt wurde. Als ich das brennende Buch sah, verstand ich, dass das Buch sich in etwas anderes verwandelt hatte, in eine Ikone für Abscheu oder ein Objekt der Blasphemie oder etwas, das man unterstützen musste. Als ich das brennende Buch sah, passierte in mir etwas sehr Tiefgehendes. Was? Es machte mich sehr, sehr, sehr wütend.

ZEIT: Ich erinnere mich an meine Lektüre des Buches, wundervoll. Ich habe oft schallend gelacht.

Rushdie: So etwas Schönes hat seit Langem niemand mehr über das Buch gesagt.

Die Satanischen Verse sind ein Werk von 500 bis 700 Seiten, je nach Druck. Neun Kapitel. Das Buch, dessen Verdammung erst später als Auftakt einer Zeitenwende verstanden wird, die auch zum 11. September führte, beginnt mit der Explosion eines Flugzeuges über London. Jumbo AI-420 bricht auf wie eine alte Zigarre. In dem Regen aus Getränketrolleys, Einreiseformularen, Pappbechern befinden sich Saladin Chamcha und Gibril Farishta, die kopfüber in London landen. Multiple Handlungsstränge überschneiden sich zu einer Textstruktur, in der sich religionsgeschichtliche, märchenhafte, auf Träumen basierende, ironische, burleske Passagen überlagern. Ein Ajatollah wird als zwanghafter Greis karikiert. Da ist ein Harem, in dem Damen unter den Namen der Frauen Mohammeds anschaffen. Und ein Traum, in dem der Offenbarung des Korans Satanische Verse untergejubelt werden. Wieder Nominierung für den Booker Prize!

ZEIT: Dieses Buch war die Krönung Ihres Werkes.

Rushdie: Ich bin ungeheuer stolz auf dieses Buch. Der Erfolg von Midnight’s Children und Shame hatte mir das Vertrauen gegeben, neues Terrain zu erobern, ich finde, das ist gelungen.

ZEIT: Andere finden, es sei eine respektlose Ironisierung religiöser Themen. Andererseits: War Religion damals nicht – altmodisch?

Rushdie: Genau so war es. Es war eine andere Welt. Der Libanon war eine offene säkulare Gesellschaft. Beirut nannte man das Paris des Ostens. Teheran und Bagdad waren kosmopolitische Städte. Religiösen Fanatismus kannte man nicht.

ZEIT: Eine Meinung, die sich als naiv erwies.

Rushdie: Als Fehler (lacht). Tatsächlich dachte die Generation der sechziger Jahre, Religion sei vorbei. Also, warum hätte man nicht respektlos sein dürfen? Als ich dieses Buch schrieb, hatte ich wirklich keine Vorstellung davon, dass ich meine Sicherheit riskierte. Ich zeigte das Manuskript einigen Freunden, unter ihnen Edward Said ...

ZEIT: …dem Autor des Buches Orientalismus!

Rushdie: Er sagte: Stell dich auf Krach ein.

ZEIT: Taten Sie das?

Rushdie: Natürlich. Ich finde, dass ist genau das, was Bücher tun sollten – eine Debatte lostreten. Das ist so gut an Büchern, dass sie Gesellschaften oder Kulturen zwingen können, sich auf eine Unterhaltung einzulassen, die diese gerne vermeiden würden. Man streitet, und vielleicht hat jeder etwas gelernt.

"Pakistan ist heute ein dunkler Ort"

ZEIT: Eine sehr westliche Betrachtungsart. In Ägypten wurde der liberale Denker Nasr Hamid Abu Zaid zwangsgeschieden und ins Exil gejagt, weil er dachte, man könne sich über den Koran unterhalten wie über jeden anderen literarischen Text.

Rushdie: Ich bin in Indien aufgewachsen, in einer muslimischen Familie. Indische Muslime waren immer säkularisiert. Als Gandhi und Nehru über die indische Unabhängigkeit nachdachten, bestanden sie darauf, dass Indien ein säkularer Staat sein müsste. In Indien gibt es eine 80-prozentige Hindumajorität; wäre die Verfassung nicht säkular, hätten Hindus immer die Macht. Die muslimische Minderheit, immer noch 140 Millionen Menschen, weiß, dass ein säkularer Staat ihr bester Schutz ist. Der Islam, der sich im 20. Jahrhundert in den arabischen Ländern entwickelte, ist etwas anderes, etwas Härteres. Ich bin in Indien geboren, einer freien Gesellschaft, und zog nach England, in eine andere freie Gesellschaft, ich hatte damit keine Erfahrung.

ZEIT: Sie sind der globale flexible Bürger, an dem sich ein globaler Streit entzündete.

Rushdie: Es war der Beginn von etwas. Wir leben in einer Gesellschaft, deren Plage die Rückkehr der Religionen ist. Nicht nur des Islams. In Amerika sehen Sie die Erstarkung der christlichen Rechten, in Indien eine Erhebung des rechten Hinduismus. Pakistan ist heute ein dunkler Ort.

ZEIT: Ihre Freunde haben sich um sie gestellt – Martin Amis, Ian McEwan, Julian Barnes, Susan Sontag. Solidaritätsadressen, Veranstaltungen, sie gaben Ihnen Unterschlupf. Ob Ihre Bedrohung auch das Schreiben dieser Autoren beeinflusst hat?

Rushdie: Nein. Aber sie formte unsere Beziehungen zueinander. Ian McEwan sagte einmal, die Fatwa habe uns als Generation zusammengebracht, sie prägte uns, hier, zu einem historischen Zeitpunkt.

Auch anderswo hieß es Farbe bekennen. Die Fatwa erklärte zum Kriegsgebiet: das Verlagswesen, die Lektoren, die Übersetzer, Buchhändler; alle, die das Buch verbreiten würden, waren der Fatwa unterworfen. In englischen Buchhandlungen detonierten Bomben. In Amerika lebte der Verleger Peter Mayer als Sicherheitsgefangener in seiner Wohnung, eine traumatische Erfahrung, erzählt sein Freund, der Verleger Helge Malchow, dessen Verlag Kiepenheuer & Witsch die Satanischen Verse auf der Frankfurter Buchmesse 1988 gekauft hatte mit der Auflage, das Buch im Herbst auf Deutsch zu veröffentlichen.

Reinhold Neven DuMont, damals Eigentümer und Verleger, erinnert sich, wie er in seinem Verlag von einer Frau mit schreckgeweiteten Augen empfangen wird: »Man hat Sie zum Tode verurteilt!« Die Hektik! Straßensperrung! Einbau von Pollern, um das Heranfahren von mit Sprengstoff beladenen Autos zu verhindern. Fällen eines Baumes, von dem aus man den Verlag hätten beschießen können. Die Übersetzerin der Satanischen Verse wirft hin. Was tun? Der Verlag zögert. Dann kommt es zu einer beispiellosen Solidarisierung, zu einem neuen Verlag, genannt »Artikel 19«, in Anspielung auf die Erklärung der Menschenrechte zur freien Meinungsäußerung. Das Verzeichnis der Unterstützer ist zwei Seiten lang. Herbert Achternbusch und Jürgen Becker und Lew Kopelew, Thomas Kling, Katja Lange-Müller, die Verlage Haffmans, Rowohlt, Rotbuch, Wagenbach, Suhrkamp und so weiter. Es ist ein heroischer Akt. Es werden neue Übersetzer gefunden, die undercover arbeiten. Nicht ohne Bangen. Der dänische Übersetzer wird angegriffen, der japanische von einem Messerstecher hingerichtet. Einer der deutschen Übersetzer erinnert sich, wie er in Arbeitspausen auf seinem Balkon rauchte und sich dabei beobachtete, wie er die Straße beobachtete. Sollte er das Kind noch in den Kindergarten bringen? War es sicher, jeden Tag um acht das Haus zu verlassen?

Von solchen Ängsten anderer Menschen oder ihrem Mut findet sich in Rushdies Buch wenig. Da ist ein gereizter Unterton. Die Beschützer werden ihm zu Freiheitsberaubern. Viele kommen schlecht weg, Mitschüler in Rugby, Kommilitonen in Cambridge, Engländer überhaupt, gar nicht zu reden von Ehefrauen (drei). So gesehen, ist die oft sehr intime Erzählung auch ein Dokument des Unbewältigten.

ZEIT: Man hat Sie angegriffen. Als eitel, provokant, diabolisch – hat es Ihre Sicht auf sich selbst berührt?

Rushdie: Nein, es änderte meine Sicht auf einige Leute. Wenn ich etwas sagen kann, dann, dass ich weiß, wer ich bin. Aber die Attacken waren effektvoll, noch Jahre später würden die Leute sagten: Oh, Sie sind tatsächlich ganz nett.

ZEIT: Die Diskussion polarisierte sich schnell. Ihren Unterstützern wurde ein fundamentalistischer Menschenrechtsbegriff vorgeworfen.

Rushdie: Die religiösen Faschisten behaupteten, die Verteidiger des Rechts auf freie Meinungsäußerung seien absolutistisch. Aber Liberale verlangen nicht, dass Menschen, die anderer Meinung sind, umgebracht werden. Ich hatte den Impuls, meinen Text zu verteidigen. Ich dachte, dann würden die Mullahs sich an den Kopf schlagen und sagen: Aber natürlich. Sorry. Alles okay. Das war naiv.

"Es gibt Werte, nach denen ich mein Leben leben möchte"

ZEIT: Es ging nicht um Argumente. Verstehen Sie, warum Sie die Gefühle von Leuten verletzten?

Rushdie: Es ist mir egal, warum sie sich verletzt fühlten. Um von einem 600-Seiten-Buch verletzt zu sein, muss man viel Arbeit investieren. Es ist sehr einfach, nicht verletzt zu sein, man guckt sich ein anderes Kunstwerk an. Unsere Buchläden sind voll mit Büchern, damit man auswählen kann. Es gibt auch Bücher, die mich verletzen würden, Shades of Grey vermutlich (lacht), aber deswegen fackele ich nicht den Laden ab. Das Gerede von »Verletztsein« ist Quatsch. Keiner hat das Recht, verletzt zu sein. Wäre Verletztsein ein Argument, wäre Harry Potter in Amerika verboten, weil einige Leute finden, dass es Hexerei unterstützt.

ZEIT: Wünschen Sie sich heute, angesichts dessen, was Sie und viele durchgemacht haben, Sie hätten das eine oder andere zurückhaltender formuliert?

Rushdie: Im Gegenteil. Wenn ich etwas gelernt habe: Keine Kompromisse. Es gibt Werte, nach denen ich mein Leben leben möchte, und sie bilden die Grundlage für die Art von offener Gesellschaft, in der ich gerne lebe. Bei diesen Werten kann es keine Kompromisse geben. Die Freiheit der Meinungsäußerung gehört dazu, ohne sie verschwinden alle anderen Freiheiten.

ZEIT: Haben Sie jemals daran gedacht, den Mördern zuvorzukommen und sich selber zu töten?

Rushdie: Nein, das ist mir nicht gegeben. Aber ich hatte auch Menschen, die zu mir standen, meine Familie, meine Frau Elizabeth, mein Sohn.

ZEIT: Sie sprechen oft, mehr noch als von Furcht, von Scham, die Sie empfunden haben. Was ist der Kern dieses Gefühls von Scham?

Rushdie: In der östlichen Kultur gibt es diese Achse zwischen Ehre und Scham. In der christlichen Welt liegt sie zwischen Sünde und Erlösung. Es bedeutet, etwa aus der Perspektive der muslimischen Kultur, dass Stolz eng verbunden ist mit der Identität. Wer gezwungen ist, sich so zu verhalten, das der Stolz verletzt wird – empfindet Scham.

ZEIT: Aber Sie waren noch immer Salman Rushdie, der den Booker Prize gewonnen hat...

Rushdie: Das macht es schlimmer. Der Salman Rushdie, der den Booker Prize gewonnen hat, muss sich unter dem Küchentisch verstecken, wenn ein Nachbar vor dem Haus steht.

ZEIT: Sie leben jetzt mitten in Manhattan ...

Rushdie: Ja.

ZEIT: Im Gewühle beim Union Square...

Rushdie: Nein, tue ich nicht!

ZEIT: Sehen Sie ab und zu über die Schulter?

Rushdie: Nie. In Manhattan sind alle Taxifahrer Muslime, nicht selten wollen sie ein Autogramm.

ZEIT: Mr. Rushdie, vielen Dank für das Gespräch.

PS. Der Daily Telegraph meldete am 17. September 2012, dass die iranische Gruppierung 15 Khordad Foundation das Kopfgeld auf Salman Rushdie auf 3,3 Millionen US-Dollar erhöht hat.