Ein dünner Nebelschleier liegt über dem hohen Gras. Es duftet nach Erde und letzten Spätsommerblüten. Alles ist grau, nur weit im Osten, am anderen Ende der Ebene, mischt sich eine erste Spur von Rot ins Morgengrauen. Dann steigt die Sonne auf. Dunkel zeichnen sich Eichen am Horizont ab. In der Ferne, am Südrand der Fläche, zieht klein wie eine Spielzeugeisenbahn die Lichterkette einer S-Bahn vorüber.

Am nördlichen Rand des Wiesenmeers sitzt in der Nähe einer Baumgruppe ein Fuchs. Er wartet auf einen kleinen Mann, der jeden Morgen kommt und ihm etwas zu essen bringt. "Der kann nicht mehr jagen, der hat was am Bein, genau wie ich", sagt der Rentner und holt eine Stulle für das hinkende Tier aus der Tasche.

Fuchs und Rentner sind die Einzigen, die, wenn es hell wird, auf dem riesigen Gelände zu sehen sind. Einst war es Ackerland zwischen dem Dörfchen Tempelhof und der kleinen Stadt an der Spree. Später landeten hier die ersten Flugzeuge. Bald war der Flughafen von einem Häusermeer umgeben, von Neukölln, Kreuzberg und Tempelhof, drei Ortsteilen inmitten der lauten Weltstadt Berlin. Doch seit im Herbst 2008 das letzte Flugzeug den Airport verließ, seit plötzlich Stille eingekehrt ist, liegt das Feld außerhalb von Raum und Zeit.

Wie aus der Vergangenheit dringt von Süden das Läuten eines Kirchturms herüber – als läge dort hinten, zwischen Feldern, noch immer das Gut der Templer. Und so winzig erscheinen im Osten die Dächer von Neukölln, als wären sie eine Tagesreise entfernt. Der "Park der Tempelhofer Freiheit", wie er heute heißt, ist größer als der Tiergarten, größer als der Central Park, aber so flach und übersichtlich wie ein Fußballfeld. Wie fünfhundert zusammengelegte Fußballfelder. Diese Weite in der Großstadt hat etwas Magisches, und sie zieht immer mehr Menschen an, aus Berlin und der ganzen Welt.

Nach dem Fuchs und dem Rentner tauchen die ersten Radfahrer auf. Sie nutzen die beiden über zwei Kilometer langen Start- und Landebahnen als autofreie Ost-West-Achse. Jogger laufen auf dem Flugfeld ihre Runden. Spaziergänger führen ihre Hunde aus. Allmählich löst sich der Nebel aus den Gräsern des verwilderten Rasens und steigt in den Himmel auf. Wenn die Sonne höher steht, zeigt sich der erste bunte Punkt an der weiten blauen Kuppel: der Hubschrauber von Christian Sigora. "Ich komme am liebsten so um zehn. Später sind zu viele Leute hier." Senkrecht steigt der rote Modellhubschrauber in den Himmel, dreht Loopings und verrückte Schrauben, um am Ende brav vor den Füßen des Meisters zu landen. Die kleinen Fluggeräte gingen in Tempelhof an den Start, nachdem die großen abgeflogen waren. Abends, wenn die Sonne sinkt, kleben die Modellpiloten farbige Lichter unter die Tragflächen ihrer Spielzeuge, die dann wie bunte Glühwürmchen durch die Nacht schwirren.

Bald bekommt der Hubschrauber Gesellschaft von zwei Drachen. Sie gehören André und Andor, die mit Sturzhelmen, Rucksäcken und Skateboards angerückt sind. "Das ist der einzige Spot im Umkreis von 100 Kilometern", sagt André. "Und das mitten in der Stadt. Du kannst da einfach mit der U-Bahn hinfahren!" Es sind nicht nur die langen Asphaltstreifen, die die Kite-Piloten locken: "Auf dieser riesigen Fläche hast du immer Wind. Und keine Bäume, in denen du hängen bleibst. Das ist einmalig. Manchmal sind fünfzig Kites in der Luft, ich hab sie mal gezählt."

Doch noch ist reichlich Platz im Luftraum über dem Park, und auch am Boden wird es nicht eng. Nur bei der Baumgruppe im Norden stehen zwei Campingstühle. Darin sitzen zwei Menschen und lesen. "Hier findest du immer eine Ecke, wo du komplett ungestört bist." Ebenso ungestört fühlt sich ein junges Paar im Schutz des hohen Grases.

Auch später am Tag, wenn mehr und mehr Besucher den alten Flughafen bevölkern, bleibt die Magie der Leere erhalten. Die Menschen gehen ein in diese Landschaft, weit zerstreut im dichten Grün erinnern sie an die Tiere der Serengeti, die unter den breiten Schirmen vereinzelter Bäume lagern.

Es ist Mittag, Christian Sigora packt seinen Hubschrauber ein. Mittlerweile herrscht lebhafter Flugbetrieb, Drachen in allen möglichen Farben und Formen bevölkern den Himmel. Drachen von alten Männern und kleinen Mädchen, von Bastlern, die 180 kleine Rauten an eine einzige Schnur reihen und sie wie eine bunte Himmelsleiter ins Blau hinaufschicken. Streetsurfer kreuzen mit ihren Segeln auf den Asphaltstreifen durch das Wiesenmeer, Mütter schieben Kinderwagen. Hunderte Menschen sind jetzt unterwegs. "Es gibt keine Regeln, keine Straßenverkehrsordnung, und alles funktioniert trotzdem! Das ist Anarchie, ein kleines Stück Freiheit", sagt Christian Puder vom Neuköllner Stadtteilgarten Schillerkiez, einem der Pionierprojekte, die sich im Osten der Ebene ansiedeln durften. Das Projekt ist so etwas wie die grüne Außenstelle eines Bürgerzentrums, ein gemeinschaftlicher Schrebergarten. "Wir waren total überrascht, dass wir unsere großen Blumenkästen und unsere Sessel hier aufstellen durften."

Die Pachtverträge der Neuköllner sind jedoch jederzeit kündbar, sie sind sogenannte Zwischennutzer. Am Ende, so fürchten sie, kommen die Bagger. Die Stadt Berlin hat Pläne mit dem Areal. Aber noch krabbeln zwischen den Blumen, Kürbissen und meterhohen Stangenbohnen der mobilen Beete die Babys, sitzen auf ausgedienten Sofas und zusammengenagelten Liegestühlen Mütter in der Sonne. Ein Mann spielt Geige, von Ferne klingt ein Saxofon, auf der Wiese steht ein nackter Yogi seit fünf Minuten auf dem Kopf, während seine Freundin vom Lotossitz aus den Blick über die Landschaft schweifen lässt.

Die Stadtgärtner gehören längst zum Sightseeing-Programm, Touristen kommen und stellen Fragen. "Wir haben schon überlegt, ob wir eine Sprachbox installieren, mehrsprachig, damit wir nicht so viel reden müssen", sagt Puder. "Gestern war einer aus Togo da, und der fragte das Gleiche wie das ZDF letzte Woche." Wer die Gärtnerei erlaubt habe, und warum niemand die Tomaten klaue, obwohl es doch keinen Zaun gebe. Die Besucher fotografieren Franks Sonnenstudio, diese Symbiose von Liegestuhl und Gewächshaus mit drei Wänden aus Fensterflügeln und der offenen Tür nach Süden. "Ich hab hier im Februar mit nacktem Oberkörper gesessen, bei offener Tür. 18 Grad Innentemperatur!" Dann richten sie ihre Kameras auf all die anderen kleinen Gartenkunstwerke, die Blumen, die aus alten Schuhen, einem Autospoiler, aus einem platten Fußball sprießen, all diese kleinen Symbole des Sieges der Natur über die Zivilisation.