Bettina WulffMadame Tattoo

Ein Rückblick auf die hysterische Debatte um Bettina Wulff. von Ursula März

Ein paar Fragen sind in der Causa Bettina Wulff schon noch offen, Fragen, die über den Einzelfall hinaus durchaus interessant sind. Zum Beispiel die Frage, ob Bettina Wulffs Anspruch, Gerüchte über eine angebliche Rotlichtvergangenheit auf juristischem Weg auszuräumen, dadurch beeinträchtigt oder gar desavouiert ist, dass sie ihn mit der Veröffentlichung ihres Buches und dessen Vermarktung zeitlich, also strategisch verknüpfte. Hat Bettina Wulff, die sich den Medien sehr gern, sehr selbstbezogen und auf durchaus peinliche Weise hingibt, hierdurch ihr Recht verwirkt, sich gegen die Auslieferung ihres Namens an Assoziationsbegriffe wie »Prostituierte« oder »Escort-Service« im Medium Internet zu wehren? Eindeutig: Nein. Sie hat das Recht, ohne Wenn und Aber. Ihr Anspruch, sich von unwahren Bordellgeschichten zu befreien, wird keinen Millimeter geschmälert durch die Show, die sie in den vergangenen zwei Wochen abzog. Auch wenn Bettina Wulff, wonach es aussieht, komplett den Überblick verloren hat, auch wenn sie uns bis Weihnachten mit Privata, Kochrezepten oder biografischen Erinnerungen bombardiert, auch wenn sie der Aufgabe, zwischen ihrer Ehrenrettung und ihren Selbstdarstellungsgelüsten zu unterscheiden, überhaupt nicht gewachsen ist: Die Öffentlichkeit hat die Aufgabe, hier zu unterscheiden und das eine vom anderen zu trennen.

Die Klage gegen Google ist ein Muss, da sind alle Allüren egal

Was Frau Wulff in ihrem wahrhaft unangenehmen Buch Jenseits des Protokolls, was sie von Interview zu Interview an Banalitäten und Plattitüden, von Foto zu Foto an Styling aufbietet, ist schon nervig. Was der Gattin eines ehemaligen deutschen Bundespräsidenten in verleumderischer Absicht angehängt wurde und im Internet immer noch anhängt, das allerdings ist nicht nervig. Es ist absolut untolerierbar. Nicht nur für die Gattin. Auch für uns. Man möchte es nicht hinnehmen, dass die Allüren einer jungen, etwas wichtigtuerischen Frau die Ablagerung von erlogenen Schmutzgeschichten um das höchste Amt im Staat rechtfertigen. Die Bild -Zeitung will durch eine Umfrage herausgebracht haben, dass bis zum Beginn des Spektakels vor zwei Wochen nur 15 Prozent der Bundesdeutschen von den Rotlichtgerüchten wussten. Das sind 15 Prozent zu viel. Zu viel dafür, dass die Betroffene über ein Jahr lang der Repräsentation der Bundesrepublik diente. Wer sich ein paar Stunden damit beschäftigt, durch das Labyrinth der digitalen Sex- und Bordellseiten zu surfen, die sich bei Google aus der Eingabe des Vornamens »Bettina« ableiten, der empfindet Bettina Wulffs Ehetherapie-Outing als vergleichsweise unmonströs. Bettina Wulff hat gegen Google Klage erhoben. Der juristische Ausgang dürfte relevant genug sein, um die Klägerin künftig vorzugsweise in diesem Kontext wahrzunehmen – nicht im Kontext ihrer desaströsen PR-Offensive.

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Warum geriet sie überhaupt in dieses Desaster? Wie kann es sein, dass Bettina Wulff die Anfeindungen, die ihr nun geballt entgegenschlagen, noch nicht einmal als ferne Möglichkeit in Betracht zog? Wie kommt es, dass eine Frau, von deren intellektuellen Kapazitäten und deren Erfahrung als PR-Expertin zumindest die Effektberechnung ihres Auftretens zu erwarten ist, sich bei ihrer Schreiberei und Quasselei über den Gefühlsstress im Schloss Bellevue, über die Unbehaglichkeit der Bundespräsidentenvilla, über die Wahl des Kostüms gelegentlich des Rücktritts Christian Wulffs etc. pp. in völliger Sicherheit wähnte, all dies würde vom Publikum als bedeutsame und Sympathie stiftende Auskunft begrüßt? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die Suche nach einer Antwort führt zu einer anderen Frage: Wo lebt Bettina Wulff eigentlich? Wie ist aus ihrer Sicht ein Land beschaffen, das ihr Buch so einstimmig bejubelt wie ihre wechselnden Modelposen? Ja wie eigentlich?

Es ist ein Land, in dem die Journalistin, die schon erfolgreich mit Veronica Ferres an einem Buch gearbeitet hat, genau die richtige Ghostwriterin für das Buch einer Politikergattin ist. Ein Land also, in dem das System Unterhaltungsprominenz als Referenzgröße für das System Politik dient. In diesem Land genügt die Aussage eines Looks als Aussage über das Rollenverständnis einer Bundespräsidentengattin und eine Tätowierung als politisches Thema. Das Drehbuch, welches dieses Land auf die Geschichte seines öffentlichen Personals anwendet, ist kein anderes als das des Medienstars. Und genau dies ist das Drehbuch, in dem Bettina Wulff sich befindet und das sie bis ins Detail hinein befolgt. Sie scheint tatsächlich zu glauben, dass sie alles richtig macht, wenn sie sich an die Erfolgsrezepte von Figuren hält, bei denen es darauf ankommt, möglichst ubiquitär sichtbar zu sein, möglichst viel privaten Episodenstoff zu liefern, möglichst umfangreich und reizstark abgebildet zu werden.

Wenn sich Bettina Wulff in knallroter Bluse, knallrotem kurzem Rock, knallroten Stiefeln auf einer Treppe sitzend fotografieren lässt, dann demonstriert sie nicht nur ihren Attraktivitätsstolz. Sie demonstriert das elementare Missverständnis der Rolle, der sie ihre öffentliche Karriere verdankt. In dem Land, das Bettina Wulff wahrnimmt, ist der Vorteil, den Daniela Katzenberger gegenüber Annette Schavan insofern genießt, als sie das Medienprinzip schlichtweg professioneller beherrscht, durchaus von einer gewissen Bedeutung. Man würde sich kaum mehr wundern, wenn die Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten demnächst einen Werbevertrag unterschriebe und im Fernsehen für Müller-Milch aufträte. Kurzum: Bettina Wulff hat sich verrannt, wie sich Stephanie zu Guttenberg, der sie augenscheinlich nacheifert, ebenso gnadenlos verrannt hätte, wenn das Schicksal sie nicht im letzten Moment über den Atlantik entführt hätte.

Endlich Glamour im Politbetrieb, endlich auch bei uns ein wenig Bruni

Was ist mit diesen Geschöpfen eigentlich los? Erfahrene, selbstbewusste, willensstarke Frauen aus einer Generation mit weiten Spiel- und Handlungsräumen, die sich, kaum haben sie die Sphäre der Politik betreten, in einer Art benehmen, als handele es sich dabei um die Location eines Fotoshootings. Nun ja, ein wenig übereitel sind sie schon, und sie wissen auch sehr um ihr optisches Potenzial. Aber die Erfahrung, dass sie dank dieses Potenzials von der Öffentlichkeit empfangen wurden, als brächten sie ein Glas Wasser in die Wüste, um den vom Verstaubungstod bedrohten Politbetrieb zu retten, diese Erfahrung begleitete ihre ersten Schritte auf dem roten Teppich allerdings auch. Endlich!, schallte es ihnen entgegen, endlich weiblicher Glamour und Palastglanz in der Berliner Bürokratenhütte. Endlich ein klein wenig Michelle Obama, eine Spur Carla Bruni, endlich Garderobe von Designern, die Annette Schavan nicht einmal vom Namen her bekannt sein dürften.

Man kann, was ihnen angeboten wurde, einen Deal nennen: Dafür, dass sie dem Drehbuch der Politik einen Look und Celebrity beisteuerten, durften sie eine Weile ignorieren, dass es sich bei dem Land, in dem sie leben, um eine repräsentative Demokratie handelt, deren Akteure Stellvertreter, nicht Selbstdarsteller sein sollen. Diesen Deal hat sich Bettina Wulff restlos zu eigen gemacht. Sie erschien zum großen Zapfenstreich mit neuer Frisur, sie erzählte, wie sie Herrn Wulff im Flugzeug kennenlernte, sie schrieb ein Buch mit einer Celebrity-Ghostwriterin. Sie spielte, was im Drehbuch eines Unterhaltungsstars so drinsteht. Und das war offensichtlich ein großer Fehler.

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Leserkommentare
    • gorgo
    • 09. Oktober 2012 12:08 Uhr

    Sehr angemessen, den "Fall" mal auf das Land und seine "politische" Kultur hin zu untersuchen.

    Selten so eine treffende Kurzcharakteristik zu den Verhältnissen in D gelesen:

    "Was ist mit diesen Geschöpfen eigentlich los? Erfahrene, selbstbewusste, willensstarke Frauen aus einer Generation mit weiten Spiel- und Handlungsräumen, die sich, kaum haben sie die Sphäre der Politik betreten, in einer Art benehmen, als handele es sich dabei um die Location eines Fotoshootings. Nun ja, ein wenig übereitel sind sie schon, und sie wissen auch sehr um ihr optisches Potenzial. Aber die Erfahrung, dass sie dank dieses Potenzials von der Öffentlichkeit empfangen wurden, als brächten sie ein Glas Wasser in die Wüste, um den vom Verstaubungstod bedrohten Politbetrieb zu retten, diese Erfahrung begleitete ihre ersten Schritte auf dem roten Teppich allerdings auch. Endlich!, schallte es ihnen entgegen, endlich weiblicher Glamour und Palastglanz in der Berliner Bürokratenhütte.
    "Selbstbewusster" Frauentyp: mach PR-Bestsellermanier self-fashioned aber ohne Durchblick (keineswegs die Klasse einer Michelle Obama: echte Bildung, Qualifikationen, Intelligenz...) - darin die Beschreibung einer meinstream- Generation, implizit natürlich eines Typs dazugehöriger Männer, aber auch eines Typs von "neuem" Journalismus (die Zeit macht fleißig mit), von meckrig unzufriedenem -glamourgeilem Politikverständnis, dazugehörigen Wähler/in und Kulturebene, auf der wir uns bewegen..

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