Die Briten Cee und David Eccles halten seit über 35 Jahren dem VW-Bulli die Treue. © Eccles/Delius Klasing Verlag

Zum nahenden Ende der Campingsaison kann ich melden: Endlich doch etwas verstanden über das Leben im Freien. Das habe ich vor allem der Literatur zu verdanken. Und das kam so: Einmal in diesem Sommer, da gehen mir der Beton, der Lärm und die Massen in der Stadt fürchterlich auf die Nerven. Also lade ich den Kofferraum voll Draußenzeug und suche einen Platz im Freien. Meine engere soziale Umgebung findet sich nach meinem Aufruf zum Camping sämtlich in dringende Verpflichtungen eingebunden, leider, ehrlich. Ich fahre allein hinaus und nehme stattdessen einige Bücher mit, die in den vergangenen zwölf Monaten zum Thema Camping erschienen sind.

Ich beginne, meinen Abendreis im Blechnapf zwischen den Knien, mit dem handlichsten Werk: Das Vorzelt zur Hölle – ist ja schon mal ein sagenhaft guter Titel. Tommy Krappweis, unter anderem Erfinder von Bernd das Brot, beschreibt darin, Wie ich die Familienurlaube meiner Kindheit überlebte. Wie er als Kind am liebsten zu Hause auf dem Sofa lesen und Pumuckl- Kassetten hören wollte. Stattdessen musste er Sommerferien für Sommerferien mit der Familie im VW-Bus nach »Egal, es ist überall heiß und scheiße«-Land fahren. Sein Vater mag Strände ohne Sand und Plätze ohne Klo und selbst Seeigelstacheln in den Füßen, denn es zeigt ihm, dass er wirklich im Urlaub ist. Krappweis hasst das alles.

Das erinnert mich an unsere Familienurlaube in den Siebzigern. Wir fuhren mit dem Wohnwagen nach Südfrankreich. Rumpelten immer ohne Pause durch, immer auf denselben Campingplatz. Spätestens ab Lyon übergaben sich reisekrank meine Mutter rechts hinaus, meine Schwester links hinaus und unser erschöpfungsschaumschnauziger Hund auf meinen Schoß. Angekommen und das Lager aufgebaut, steckte sich mein Vater eine Pfeife an, schwärmte von der glatten Fahrt, holte sich am Imbiss Muscheln mit Pommes, war also glücklich, und die Familie ging im Caravan auf Rekonvaleszenz.

Daran muss ich denken, allein an diesem Sommerabend dort draußen. Und dann wird mir klar: Viele Campingkinder werden später Campingväter. Auch ich bin mit meinen Kindern campen gegangen. Nicht im Wohnwagen, ich wollte sie nicht einengen. Ich schaute mir mit ihnen Filme wie Der letzte Mohikaner an. Nach dem Abspann rasierte ich uns Mohawk-Frisuren und strich uns Farbe ins Gesicht. Wir nahmen Wurfbeile und Bogen und Käsestullen, gingen in den Wald, stellten die besten Szenen des Films nach und schliefen unter einem Ästedach. Ich fand es großartig. Mein Sohn nicht. Er nahm mir seine neue Frisur übel, fand unsere Attacken auf die Waldspaziergänger albern und wollte nach Hause.

Und das ist nun die beängstigende Lehre aus Das Vorzelt zur Hölle: Bilde ich mir heute ein, für Angehörige meines Haushaltes ein tolles Campingevent zu kreieren, wird es mir in vielen Jahren vielleicht als zorniges »J’accuse!« um die Ohren gehauen. Um meine Stimmung aufzuhellen, nehme ich als Nächstes Campingküche – fantasievoll kochen auf kleinem Raum zur Hand. Ein rundweg schönes Buch. Zwar handelt es ebenfalls vom Camping, doch gibt es auf all den Bildern nur eine einzige Dreiviertelhose und kein einziges Nackensteak zu sehen. Stattdessen viele süße Kinder; sie schlagen Purzelbäume im Sand und sammeln Blümchen für einen Sommerblütensalat.

Die Menschen in diesem Buch wohnen in einem putzigen Eriba-Puck-Caravan, mit Kräuterkasten am Ausstellfenster. Gehen sie in den Wald, hocken sie in einem Steilwandzelt ohne Boden und Moskitonetz. Zeltete ich so, die Mücken würden mich binnen eines Ferientages auslutschen. Weil diese Menschen aber, schwingt mir als Botschaft aus den Fotos entgegen, so leckere Sachen essen und sich mit so vielen schönen Dingen umgeben, sind sie von stachelabwehrender Immunkraft. Seifert will mit diesem Buch »beweisen, dass sich das Kochen beim Campen trotz erschwerter Bedingungen nicht auf Spaghetti mit Tomatensoße, Würstchen und Kartoffelsalat oder die ewigen Pommes vom Imbiss beschränken muss«. Die Rezepte sind in Sektionen für den Strand, den Hinterhof, den See, den Wald und den Winter gegliedert. Symbole zeigen, wann ich Topf, Pfanne oder beides brauche. Die nötige Ausrüstung wurde klein gehalten.