CampingLektionen, die das Campen lehrt

Unser freilufterprobter Autor Bjørn Erik Sass sucht in drei neuen Büchern nach Tipps für erfolgreiches Urlauben in der Natur. von Bjørn Erik Sass

Die Briten Cee und David Eccles halten seit über 35 Jahren dem VW-Bulli die Treue.

Die Briten Cee und David Eccles halten seit über 35 Jahren dem VW-Bulli die Treue.   |  © Eccles/Delius Klasing Verlag

Zum nahenden Ende der Campingsaison kann ich melden: Endlich doch etwas verstanden über das Leben im Freien. Das habe ich vor allem der Literatur zu verdanken. Und das kam so: Einmal in diesem Sommer, da gehen mir der Beton, der Lärm und die Massen in der Stadt fürchterlich auf die Nerven. Also lade ich den Kofferraum voll Draußenzeug und suche einen Platz im Freien. Meine engere soziale Umgebung findet sich nach meinem Aufruf zum Camping sämtlich in dringende Verpflichtungen eingebunden, leider, ehrlich. Ich fahre allein hinaus und nehme stattdessen einige Bücher mit, die in den vergangenen zwölf Monaten zum Thema Camping erschienen sind.

Ich beginne, meinen Abendreis im Blechnapf zwischen den Knien, mit dem handlichsten Werk: Das Vorzelt zur Hölle – ist ja schon mal ein sagenhaft guter Titel. Tommy Krappweis, unter anderem Erfinder von Bernd das Brot, beschreibt darin, Wie ich die Familienurlaube meiner Kindheit überlebte. Wie er als Kind am liebsten zu Hause auf dem Sofa lesen und Pumuckl- Kassetten hören wollte. Stattdessen musste er Sommerferien für Sommerferien mit der Familie im VW-Bus nach »Egal, es ist überall heiß und scheiße«-Land fahren. Sein Vater mag Strände ohne Sand und Plätze ohne Klo und selbst Seeigelstacheln in den Füßen, denn es zeigt ihm, dass er wirklich im Urlaub ist. Krappweis hasst das alles.

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Das erinnert mich an unsere Familienurlaube in den Siebzigern. Wir fuhren mit dem Wohnwagen nach Südfrankreich. Rumpelten immer ohne Pause durch, immer auf denselben Campingplatz. Spätestens ab Lyon übergaben sich reisekrank meine Mutter rechts hinaus, meine Schwester links hinaus und unser erschöpfungsschaumschnauziger Hund auf meinen Schoß. Angekommen und das Lager aufgebaut, steckte sich mein Vater eine Pfeife an, schwärmte von der glatten Fahrt, holte sich am Imbiss Muscheln mit Pommes, war also glücklich, und die Familie ging im Caravan auf Rekonvaleszenz.

Daran muss ich denken, allein an diesem Sommerabend dort draußen. Und dann wird mir klar: Viele Campingkinder werden später Campingväter. Auch ich bin mit meinen Kindern campen gegangen. Nicht im Wohnwagen, ich wollte sie nicht einengen. Ich schaute mir mit ihnen Filme wie Der letzte Mohikaner an. Nach dem Abspann rasierte ich uns Mohawk-Frisuren und strich uns Farbe ins Gesicht. Wir nahmen Wurfbeile und Bogen und Käsestullen, gingen in den Wald, stellten die besten Szenen des Films nach und schliefen unter einem Ästedach. Ich fand es großartig. Mein Sohn nicht. Er nahm mir seine neue Frisur übel, fand unsere Attacken auf die Waldspaziergänger albern und wollte nach Hause.

Und das ist nun die beängstigende Lehre aus Das Vorzelt zur Hölle: Bilde ich mir heute ein, für Angehörige meines Haushaltes ein tolles Campingevent zu kreieren, wird es mir in vielen Jahren vielleicht als zorniges »J’accuse!« um die Ohren gehauen. Um meine Stimmung aufzuhellen, nehme ich als Nächstes Campingküche – fantasievoll kochen auf kleinem Raum zur Hand. Ein rundweg schönes Buch. Zwar handelt es ebenfalls vom Camping, doch gibt es auf all den Bildern nur eine einzige Dreiviertelhose und kein einziges Nackensteak zu sehen. Stattdessen viele süße Kinder; sie schlagen Purzelbäume im Sand und sammeln Blümchen für einen Sommerblütensalat.

Die Menschen in diesem Buch wohnen in einem putzigen Eriba-Puck-Caravan, mit Kräuterkasten am Ausstellfenster. Gehen sie in den Wald, hocken sie in einem Steilwandzelt ohne Boden und Moskitonetz. Zeltete ich so, die Mücken würden mich binnen eines Ferientages auslutschen. Weil diese Menschen aber, schwingt mir als Botschaft aus den Fotos entgegen, so leckere Sachen essen und sich mit so vielen schönen Dingen umgeben, sind sie von stachelabwehrender Immunkraft. Seifert will mit diesem Buch »beweisen, dass sich das Kochen beim Campen trotz erschwerter Bedingungen nicht auf Spaghetti mit Tomatensoße, Würstchen und Kartoffelsalat oder die ewigen Pommes vom Imbiss beschränken muss«. Die Rezepte sind in Sektionen für den Strand, den Hinterhof, den See, den Wald und den Winter gegliedert. Symbole zeigen, wann ich Topf, Pfanne oder beides brauche. Die nötige Ausrüstung wurde klein gehalten.

Leserkommentare
  1. 1. Bequem

    hab ich es zu Hause. Wenn ich in den Urlaub fahre, will ich was erleben und Menschen kennenlernen. Das geht auf dem Campingplatz besser als im Hostel und im Hostel besser als im Hotel.

    Antwort auf
  2. wenn wir mit dem Fahrrad oder Kanu unterwegs bin, campen wir, und das oft an Stellen, wo man anders gar nicht hinkommt - wer also immer nur mit Flugzeug, Auto und Hotel "unterwegs" ist, verpasst was.

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    was ich verpasse, wenn ich in ein 5* Luxus Hotel Urlaub mache.
    Danke

    Grüße

  3. was ich verpasse, wenn ich in ein 5* Luxus Hotel Urlaub mache.
    Danke

    Grüße

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    Freiheit.

    • Guido3
    • 29. September 2012 14:35 Uhr

    Ich käme in Europa nie auf die Idee zu campen. Übliche Campsites mit 30qm-Parzelle und null Privatsphäre wären mir ein Gräuel. Ganz anders sieht es in Ländern wie Namibia (primär Kaokoveld), Oman usw. aus. Da gibt es in den von uns bereisten Gegenden im Umkreis von einer Tagesreise häufig kein einziges Hotel. Entweder man campt oder man kann diese Gegenden nicht bereisen.

    Diese Gegenden mit atemberaubender und wirklich unberührter Natur, endloser Weite und Einsamkeit erleben zu können, ist für mich ein riesiges Privileg und wahrer Luxus. Ich habe nichts mit Esoterik am Hut, aber das geht irgendwie ganz tief. Goldene Wasserhähne, Whirlpool und mehr haben für mich nichts mit Luxus zu tun, sondern primär mit Kommerz, Prunk, Geltung, Oberflächlichkeiten..

    Wir gönnen uns auch ab und an mal nette Hotels. Wenn ich in 30-40 Jahren auf mein Leben zurückblicke, werde ich aber sicher nicht denken "Oh das Bad und bequeme Bett im Designhotel in Abu Dhabi - das war toll". Das habe ich dann wohl vergessen. Es ist jetzt nach ein paar Monaten schon nicht mehr sehr präsent. Der Elefant nachts neben dem Zelt, das Festfahren in der Rub Al-Khali und viele andere Erlebnisse von Reisen mit zumindest partiellem Camping werden wohl hängen bleiben. Und damit ist für mich auch klar, was wirklich wertvoll und wichtig ist und mein Leben nachhaltig bereichert.

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    • M.Rima
    • 29. September 2012 12:39 Uhr

    Wie wahr!
    Nachts mit der Schaufel rauszurennen (Durchmarsch) oder beim morgendlichen Gang aufs Pumpsklo von mies gelaunten Wasserbüffeln angegangen zu werden, ist sicher nicht jedermanns Sache. Ich weiß zwar ca. 10 Zubereitungsarten für Nudeln mit Tomate, habe aber noch nie ein Hotel mit mehreren Sternen von innen gesehen. Ich möchte aber um nichts in der Welt die Erinnerung an die Freiheit, die das Reisen mit dem eigenen (Camping-)Fahrzeug bietet mit Vollpension und einem Bett, in dem schon Hunderte anderer Menschen geschlafen haben, eintauschen.
    Ein schöner Artikel: die meisten Campingkochbücher sehen toll aus, sind aber her zum daheim auf dem Sofa träumen (überhaupt, wo soll man die Bücher denn noch unterbringen beim Campen) und manch hübsche Inneneinrichtung fällt bei der ersten Wellblechpiste auseinander. Wie soll man aber auch ahnen, daß das Gewürzregal nicht offroadtauglich ist...

    für mich hieß es dann eher absolute Unbequemlichkeit.

    Gruß

    • Buxbaum
    • 29. September 2012 12:38 Uhr

    Es kommt doch auch einfach auf die Destination an. Bei Städtetripps wird es schwierig mit dem Campen. Wenn man innerhalb der gängigen europäischen Urlaubsländer verreist geh ich auch ungern auf Campingplätze, da man dort auch einen bestimmte Art Mensch antrifft. Stichwort fahrendes Zuhause.

    Seit ich aber in Australien unterwegs war und dort so gut es ging Campingplätze vermieden habe und in der Natur gecampt habe weiß ich, dass der ganze Luxus im Hotel niemals die Eindrücke wett macht, die man unter freiem Himmel hat.

    Außerdem hab ich Luxus auch Zuhause, da kann ich gerne mal ein paar Wochen drauf verzichten.

    • M.Rima
    • 29. September 2012 12:39 Uhr

    Wie wahr!
    Nachts mit der Schaufel rauszurennen (Durchmarsch) oder beim morgendlichen Gang aufs Pumpsklo von mies gelaunten Wasserbüffeln angegangen zu werden, ist sicher nicht jedermanns Sache. Ich weiß zwar ca. 10 Zubereitungsarten für Nudeln mit Tomate, habe aber noch nie ein Hotel mit mehreren Sternen von innen gesehen. Ich möchte aber um nichts in der Welt die Erinnerung an die Freiheit, die das Reisen mit dem eigenen (Camping-)Fahrzeug bietet mit Vollpension und einem Bett, in dem schon Hunderte anderer Menschen geschlafen haben, eintauschen.
    Ein schöner Artikel: die meisten Campingkochbücher sehen toll aus, sind aber her zum daheim auf dem Sofa träumen (überhaupt, wo soll man die Bücher denn noch unterbringen beim Campen) und manch hübsche Inneneinrichtung fällt bei der ersten Wellblechpiste auseinander. Wie soll man aber auch ahnen, daß das Gewürzregal nicht offroadtauglich ist...

  5. für mich hieß es dann eher absolute Unbequemlichkeit.

    Gruß

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