InselstreitFelsen der Schande

Droht ein Krieg? China und Japan streiten sich um fünf unbewohnte Inseln. Der Führung in Peking kommt das sehr gelegen. von 

Es ist, als habe man dem Volkszorn einen Zoo gebaut, mit Zäunen und mit vielen Wärtern. Die Wutbürger marschieren in abgesteckten Bahnen vor der japanischen Botschaft auf und ab, beobachtet von Polizisten und Sondereinsatztruppen, am Himmel kreist ein Helikopter. Tausende protestieren hier, das Spektrum reicht vom Wanderarbeiter mit gelbem Bauhelm bis zur wie für einen Auftritt geschminkten Studentin.

Es ist Dienstag, der 18. September, Jahrestag der japanischen Invasion Chinas 1931. Immer schon ein bitteres Datum, aber heute geht es um die Gegenwart, um einige winzige Inseln im Ostchinesischen Meer, wegen derer sich China und Japan gerade am Rand eines militärischen Konfliktes bewegen.

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»Die Diaoyu-Inseln sind unser«, rufen die Demonstranten. »Erklärt Japan den Krieg!« – »Nur mit den Gedanken des Großen Vorsitzenden werden wir Japan schlagen können«, steht auf einem Mao-Poster. »Massakriert Tokio!«, heißt es auf einem anderen Plakat. »Boykottiert japanische Waren!« Andere appellieren weniger martialisch an den »rationalen Patriotismus«. So heißt die offizielle Protesthaltung, ausgegeben von der chinesischen Regierung, nachdem es am Wochenende bei Demonstrationen in 85 Städten zu Ausschreitungen gekommen war. Japaner wurden verprügelt, japanische Autos und Geschäfte demoliert, eine Toyota-Niederlassung in Tsingtao ging in Flammen auf. Die neue Praxis der staatlichen Zornkontrolle beobachtete die Hongkonger Zeitung Ming Pao am Wochenende, als Zivilpolizisten dem Demonstrationsvolk die Regeln erklärten: »Wir wissen, dass ihr sehr wütend seid, doch da draußen warten eine Menge ausländischer Journalisten. Zeigt die Qualität chinesischer Bürger. Singt die Nationalhymne. Lacht nicht, wenn ihr nicht lachen solltet. Und spielt nicht mit euren Handys.«

Es sind die heftigsten antijapanischen Proteste, seit beide Länder im Jahr 1972 ihre Beziehungen normalisierten. Selbst die USA, die Chinas Streitigkeiten mit Nachbarn gern für ihre Zwecke nutzen, rufen zur Mäßigung auf. All das wegen einiger unbewohnter Inseln im Ostchinesischen Meer, die noch nicht einmal dem japanischen Staat, sondern einer Familie gehören?

Senkaku nennen die Japaner die Inseln, Diaoyu heißen sie in China. Kontrolliert werden sie von Japan, was weder Peking noch Taiwan anerkennen. Die Chinesen bemühen Dokumente aus der Ming-Zeit, um ihre Ansprüche zu untermauern. Japan behauptet, sie 1884 entdeckt und keinerlei Spuren chinesischer Präsenz vorgefunden zu haben. Doch erst 1895, während des Ersten Japanisch-Chinesischen Krieges, verleibte sich Japan die Inseln ein. Nach der japanischen Kapitulation 1945 wurden sie von den USA kontrolliert, die sie 1972 an Japan zurückgaben – ohne dass die Souveränitätsfrage endgültig geklärt gewesen wäre. Ein heikler Schritt, zumal Öl- und Gasvorkommen in der Region vermutet werden.

Doch Tokio und Peking verständigten sich prompt, dass der ungelöste Inselkonflikt die Beziehungen nicht belasten dürfte. Beide Seiten hielten sich daran – bis im Jahr 2010 ein chinesischer Fischer nahe der Inseln zwei japanische Patrouillenboote rammte. Wie betrunken der Mann war, ist bis heute umstritten. Jedenfalls löste seine Karambolage eine diplomatische Eskalation sondergleichen aus. Japan verhaftete den Seemann und weigerte sich, ihn auf Gesuch Chinas zu entlassen. Peking brach daraufhin die politischen Kontakte ab und stoppte den Export seltener Erden, welche der japanische Hightech-Sektor dringend benötigt. Eine Provokation gab die andere. Vergangene Woche schließlich kaufte die japanische Regierung der Familie die Inseln für 26 Millionen US-Dollar ab. Eigentlich eine Maßnahme der Deeskalation, denn die Regierung kam damit dem ultrarechten Gouverneur von Tokio als Käufer zuvor. Doch Peking und die chinesische Presse waren nicht mehr zu besänftigen.

Sie wollen sich derzeit auch gar nicht besänftigen lassen. Die nationalistische Aufwallung kommt einer von Skandalen und Krisen geplagten Parteiführung durchaus gelegen, die zudem noch den internen Machtwechsel vorbereiten muss. Bloß lassen sich solche Aufwallungen nicht einfach wieder abstellen – schon gar nicht, wenn es gegen Japan geht. Japan ist der Hauptaggressor im chinesischen Narrativ von den hundert Jahren nationaler Erniedrigung. Die Kriege, die es beschreibt, sind nicht erfunden, das Trauma, das diese auslösten, ebenso wenig. Da waren zunächst die verlorenen Opiumkriege gegen die Briten, die das Kaiserreich Mitte des 19. Jahrhunderts bezwangen und Chinas jahrtausendealtes Selbstbild, die einzige wirkliche Großmacht auf Erden zu sein, zerstörten. Dann besiegte Japan, ehemals Tributstaat, das Kaiserreich im Ersten Japanisch-chinesischen Krieg von 1894 bis 1895 – und marschierte einige Jahrzehnte später auch noch in China ein. Der antijapanische Widerstandskampf während des Zweiten Weltkriegs war in gewisser Weise die Geburtsstunde der Volksrepublik. Erst durch den Widerstand konnten die Kommunisten die Sympathie der Massen gewinnen, die sie später zum Sieg gegen die Kuomintang tragen sollte. »Die Japaner besiegen und die Nation retten« wurde zum Gründungsmythos des jungen kommunistischen Staates. Mao befreite die Nation aus den Ketten fremder Unterdrücker, er beendete das »Jahrhundert nationaler Erniedrigung« – auch wenn später Millionen im Zuge ihrer »Befreiung« ihr Leben lassen sollten.

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