Doris Schröder-KöpfDie Doris-Show

Doris Schröder-Köpf kämpft um ein Abgeordnetenmandat. Ziemlich schwierig, sich vom Ehemann, Ex-Kanzler und Agendapolitiker zu emanzipieren. von 

© Nigel Treblin/dapd

Gerd ist immer da. Und Gerd ist nie da. Beides ist ein Problem für Doris Schröder-Köpf. Aber welches Problem ist schwieriger zu lösen?

Heute ist es das Gerd-ist-da-Problem.

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Am Morgen hatte die Politikerin Doris Schröder-Köpf ihren ersten Parteitag. Sie ist mit dem VW-Bulli, der seit Kurzem mit ihrem gigantischen Porträt beklebt ist, beim Freizeitheim Ricklingen vorgefahren, einer Halle in Hannover. Dort haben sie den SPD-Oberbürgermeisterkandidaten für Hannover gekürt und eine Resolution verabschiedet, zu der Doris Schröder-Köpf vier Zeilen über Frauenförderung beigetragen hat.

Jetzt sitzt sie bei einer Kugel Eis im Mövenpick-Café: die SPD-Kandidatin für den Niedersächsischen Landtag im Wahlkreis 24. Sie erzählt, wie es sich anlässt in der Politik. Sie sagt gerade, dass es ihr unangenehm sei, wie alle ihren Bus anstarren, in dem man weit oben sitzt und auf die Leute runterguckt, als auf einmal ihr Mann zwischen den Bistrotischen auftaucht: Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D., jetzt Vater i.D. Dunkelblaue Barbourjacke, in der rechten Außentasche steckt eine Zigarrenkiste. Er war mit Gregor im Zoo. Gregor ist sechs und hat eine neue Basecap auf, »wir ham die Mütze vergessen, und weil ich nicht ohne was ankommen wollte...«, sagt Schröder und hebt entschuldigend die Schultern. In der Hand hält er eine Plastiktüte, ein neues Playmobil-Spielzeug.

»Wie war der Parteitach?«, fragt er.

Sie strahlt. »Super! 96 Prozent!«

»96 Prozent?«

»Na, für Stefan! Den haben wir doch nominiert!«

»Stefan?«

»Na, Stefan Schostok! Als Oberbürgermeisterkandidat!«

In Hannovers Politik ist Gerhard Schröder schon lange nicht mehr drin. Er ist am Morgen aus dem slowakischen Bratislava zurückgekommen, da haben sie einen neuen Ministerpräsidenten. In der nächsten Zeit stehen in seinem Kalender: Istanbul, Seoul, Peking. Das ist die Welt, die ihn interessiert.

Doris Schröder-Köpf zieht Gregor erst mal eine Jacke über.

»Will er nicht«, sagt Schröder.

»Egal«, sagt sie.

Er setzt sich dazu, und irgendwie schafft er es innerhalb von zwei Minuten, das Gespräch zur Agenda 2010 zu lenken, zum Umbau der Sozialsysteme, den er als Kanzler startete – ein großer Schritt in die Moderne, findet er. »Wir mussten den Reformstau überwinden. Wir haben das früher gemacht als andere europäische Parteien«, sagt er und hört gar nicht mehr auf vor Begeisterung über seine eigenen Leistungen.

»Meinen Mann können Sie mitten in der Nacht wecken, und er hält Ihnen einen Vortrag über die Agenda!«, sagt Schröder-Köpf. Das Gespräch geht nicht in die Richtung, die sie sich vorgestellt hat. In ihrem Gesicht stehen alle Signale auf verdrehte Augen, doch wenn man genau hinguckt, sieht man: Die Augen schauen geradeaus. Volle Kontrolle.

Gerhard Schröder doziert weiter. Zwischendrin kommt Gregor an und zupft an der Barbourjacke. Aber der Vater hat jetzt Wichtigeres zu tun. »Was willst du, Junge? Frag Mama.«

Er fährt fort: Woher sollen die zukünftigen Facharbeiter kommen? Schaffen wir es, Kinder aus Migrantenfamilien zu qualifizieren? Wie gehen wir mit der Alterung der Gesellschaft um?

Doris Schröder-Köpf wird es langsam zu viel, und Gregor auch. Er will ein Eis.

Ihre Strategie: Sich kleinmachen. Wer unten ist, fällt nicht tief

Es ist klar, dass ihr Mann ihr Zugpferd ist. Sie wäre nicht da, wo sie jetzt ist, ohne ihn. Niemals hätte man eine Frau Ende vierzig und mit null Politerfahrung einfach so aufgestellt, schon gar nicht in einem Wahlkreis, in dem man erst noch eine altgediente Kandidatin loswerden musste. Gerhard Schröder ist aber auch ein Risiko für seine Frau. Dieses Themas wegen hat sie sich viele Jahre nicht in ihrem Ortsverein blicken lassen. Alle wollten von ihr eine Rechtfertigung für seine Politik hören. Viele in der Partei hassten die Agenda, heute noch ist das Reformpapier, das Hartz IV installierte und für das sich Doris Schröder-Köpf einst die Überschrift ausgedacht hat, in der SPD eine Demarkationslinie. Auf der einen Seite stehen die Linken in der SPD, Schröders Kritiker, auf der anderen die Rechten.

Gregor will jetzt doch kein Eis, sondern lieber an der Theke ein Stück Kuchen aussuchen.

Mama sagt: »Ehemann, jetzt bist du dran.« Schröder schlurft mürrisch zum Kuchentresen.

Doris Schröder-Köpf war Journalistin, alleinerziehende Mutter, Kanzlergattin, Hausfrau und Adoptivmutter. Sie hat alle Lebensmodelle durch. Nach all den Jahren, in denen sie zurückgesteckt hat, will sie mit 49 Jahren etwas Neues anfangen. Politikerin. Am 20. Januar will sie sich in den Niedersächsischen Landtag wählen lassen. Sie wagt sich auf das Terrain, das schon durch einen Star aus der Familie besetzt ist. Es ist ein gefährliches Experiment. Für sie, für ihre Ehe.

In einer Kampfkandidatur ist sie Anfang des Jahres gegen die bisherige Landtagskandidatin Sigrid Leuschner angetreten. Gegen eine Gewerkschaftsfrau links der Schröder-Linie und kurz vor der Rente. Es gab harte Auseinandersetzungen um diesen Karrierestart, der Ton war schnell gereizt. »Gott sei Dank gibt es in der Partei immer noch genug Leute, für die es nicht ausreicht, die Frau von jemandem zu sein. Doris Schröder-Köpf hat nicht den Stallgeruch der Partei«, verkündete der alte Ver.di-Mann Wolfgang Denia in der Bild am Sonntag. Da war es wieder, das Vorurteil: bloß eine »Frau von« zu sein. Es hat dann trotzdem geklappt, aber knapp.

Jetzt muss sie zeigen: Wenn sie nicht bloß eine »Frau von« ist, wer ist sie dann?

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