So hat es wohl kommen müssen, denkt man und blickt auf ein Werk von fünfhundert Seiten, dessen Schriftbild allein schon ein typografisches Ereignis ist. Netzwerke europaweiter Zitate breiten sich vor uns aus, die mit griechischen und arabischen Lettern aufwarten, mit ausladenden Belegstellen aus lateinisch verfassten Originaltexten. So aufwendig muss es wohl zugehen, wenn es sich um einen Begriff handelt, der, so wie der »innere Sinn«, schon lange ein Schattendasein führt als ungeliebtes, schließlich aus der Familiengeschichte des europäischen Denkens verstoßenes Kind. Eine Geschichte, die sich nach und nach um das Kind herumgemogelt hat, um schließlich seine wenig einladende Rätselhaftigkeit mit Ausschluss zu ahnden.

Die guten Nachrichten zuerst, das Buch lässt zwei Protagonisten auftreten, deren Geschichten es uns besonders leicht machen, dem vieldeutigen Phänomen näherzukommen: den in den Wachzustand überwechselnden Schläfer am Beginn des großen Romanwerks von Marcel Proust und E.T.A. Hoffmanns Kater Murr. Woher eigentlich, um mit ihm zu beginnen, nimmt dieses so selbstgefällig urteilende Wesen die Sicherheit, sich lustig zu machen über das »auf zwei Füßen aufrecht einhergehende« Menschenpack? Was berechtigt einen Kater, so die Frage des Autors Daniel Heller-Roazen, Professor der Komparatistik an der Universität Princeton, so vollmundig mit eigenen Erfahrungen herumzuprotzen, die von einem »über allem waltenden Prinzip« und von einem »Gefühl des Daseins« schwafeln?

In dem großen Aristoteles hat er allerdings für seine Haltung einen ernst zu nehmenden Mitstreiter gehabt, der das Vermögen der Tiere, sich in der Schöpfung in ihrem ureigensten Element zu fühlen, für »unfehlbar« hielt. Dafür bietet seine Schrift De anima eine ganze Palette von Beispielen. Ihn überzeugt der kunstvoll sich wie von selbst vollziehende Nestbau der Schwalbe. Die präzise angepeilte Flughöhe des Kranichs, mit der er die Landschaft unter ihm umfassend überblicken kann. Die Weitsicht und Skrupellosigkeit des Kuckucks, der sich seiner Jungen entledigt in der realistischen Selbsteinschätzung, ein Feigling zu sein und deshalb nicht dazu in der Lage, seine Brut versorgen zu können. Die Tiere, meinte ein hingerissener Seneca, kämen ausnahmslos »schon unterwiesen« zur Welt.

Eine wahre Oase des sensus interior eröffnet sich auch dem Schläfer in den Augenblicken seines Erwachens. Walter Benjamin sprach ihm Wahrnehmungen von »unendlicher Varietät« zu. Mit den Worten »Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen« findet Marcel Proust den fulminanten Einstieg in seinen Roman. Den langsam zu sich Kommenden sieht er mit einer Empfindung für die grenzenlose Reichweite der Existenz beschenkt, wie sie vergleichbar nur in einem Tier zu »beben« vermag. Alles scheint möglich, alles erreichbar zu sein, der entblößte Höhlenmensch und der Raumfahrer, der mit Lichtgeschwindigkeit durch »Jahrtausende der Menschheitsgeschichte« geschleudert wird.

Daniel Heller-Roazen, 1974 geboren, hat sicher kein Talent zur halbwachen Romanfigur, aber ein offenbar ebenfalls bewusstseinserweitertes Ich zu bieten. Das Buch, das nun in der kundigen und präzisen Übersetzung von Horst Brühmann vorliegt, formuliert seine Absicht mit den Worten, die »tausendjährige Reflexion über die Natur des sprechenden Lebewesens im Abendland« nachzuvollziehen. Also bis hin zu Michel Foucault, ausgehend von Aristoteles. So weit das Auge reicht. Die Bedeutung des inneren Sinns oder die Fähigkeit, sich selber als existierend wahrzunehmen, hat Aristoteles mit dem Begriff des »Gemeinsinns« zu einer funktionstüchtigen, protokollführenden Zentrale im Reich der Sinne ausgebaut. Von diesem philosophischen Hochsitz aus äußerte er die Ansicht, es könne dem menschlichen Lebewesen unter gar keinen Umständen »sein eigenes Dasein verborgen bleiben«.

Wie das Buch mit vielen Beispielen beweist, wollte die akademische Nachwelt diesen Befund nicht hinnehmen, drehte und wendete ihn so lange, bis er, hoffähig gemacht, eine besser passende Lesart ausspuckte. Man implantierte dem »inneren Tastsinn« nach und nach eine in der aristotelischen Philosophie schmerzlich vermisste Größe: das erkennende Bewusstsein. Nicht ihm, wäre es nach Aristoteles gegangen, hätte die Primadonnenrolle in der Geschichte des europäischen Philosophierens zufallen sollen, sondern ihrem Gegenpart, dem »Wissen vom Leben«. Eine Turbulenz, ein dramatisches Geschehnis, das den Blick auf das schüttere Fundament freigibt, auf dem der Bewusstseinsbegriff sesshaft geworden ist.

Das Buch gibt erst spät zu erkennen, welches Motiv sich hinter dem Aufgebot an Informationen, Daten, Deutungen und inhaltlichen Verzweigungen versteckt: die Zelebration eines Abschieds, der Abgesang auf ein vergessenes, menschliches Vermögen. Vor lauter Willensstärke, Belesenheit und Klugheit hat der Autor eine kleine, aber folgenreiche Schwäche nicht im Griff, es ist die Idee, auf nichts verzichten zu können.