Es ist etwas durcheinandergeraten in der Gesellschaft, so sieht es Schulze, und so sehen es die Deutschen mehrheitlich. Das Unbehagen reicht bis in die Spitzen der Wirtschaft. Die Banken »zerstören all unsere materiellen Grundlagen«, sagt Klaus Engel, Vorstandschef des Chemieriesen Evonik. Und Nikolaus von Bomhard, Chef der Münchener Rück, fordert »fundamentale Änderungen am Finanzmarkt«.

Dabei ist einiges passiert, seit die Staats- und Regierungschefs der G20 vor drei Jahren auf ihrem Gipfeltreffen in Pittsburgh beschlossen haben, die Finanzmärkte in die Schranken zu weisen. Die Banken müssen heute mehr eigene Geldmittel vorhalten, um bei Verlusten nicht gleich auf Unterstützung der Steuerzahler angewiesen zu sein. Die Aufsichtsbehörden kontrollieren strenger als früher. Die Bonuszahlungen sind gesunken. In Deutschland wurden die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen, um marode Institute abzuwickeln. Sogar aus dem linken Lager gibt es dafür Applaus: Nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung wurde »sowohl in den USA wie auch in der EU ein Großteil der 2009 im Rahmen der G20 gemachten Versprechungen tatsächlich umgesetzt«.

Doch noch immer beläuft sich der Gesamtwert der im Umlauf befindlichen Derivate auf mehr als das Zehnfache der weltweiten Wirtschaftsleistung – vor gut zehn Jahren war es nur das Dreifache. Noch immer verdienen Spitzenkräfte im Finanzgewerbe erheblich mehr als in anderen Branchen – mit dem Ergebnis, dass es die klügsten Köpfe an die Wall Street zieht, wo sie über Finanzalgorithmen brüten, die wenige reich und viele arm machen.

Und noch immer sind viele Banken so groß, dass niemand eine Pleite riskieren will, weil dies die gesamte Volkswirtschaft mit in den Abgrund reißen könnte. Das Financial Stability Board, die oberste globale Regulierungsstelle, hat weltweit 29 systemrelevante Häuser identifiziert, darunter die Deutsche Bank. Ein Platz auf der Liste ist bares Geld wert. Denn weil klar ist, dass der Staat im Zweifel einspringt, kommen die Großbanken günstig an Kredite. Der Internationale Währungsfonds beziffert den Finanzierungsvorteil auf 0,8 Prozentpunkte – die Deutsche Bank erspart sich so Schätzungen zufolge eine bis zwei Milliarden Euro pro Jahr. Das Ziel, »nie wieder in Geiselhaft durch den Finanzsektor genommen zu werden«, sei nicht erreicht worden, schreibt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Sigmar Gabriel hat als einer der Ersten die politische Brisanz dieser Entwicklung erkannt. Im Juli dieses Jahres berichteten die Zeitungen, dass bis zu 14 internationale Großbanken, darunter die Deutsche Bank , den Zinssatz Libor manipuliert hätten. Zur selben Zeit empörten sich Bankkunden über die Rekordzinsen auf Dispokredite, während die Kreditinstitute sich bei der Zentralbank fast umsonst Geld leihen konnten. Und dann beschloss der Bundestag auch noch, dass mit deutschen Steuergeldern spanische Banken gerettet werden sollen.

Manipulation, Abzocke und Steuersubventionen verdichten sich zur Dreifaltigkeit des Bankenunwesens. Die Zeit war gekommen, die Wut herauszuschreien. Das war schon immer Gabriels Stärke. Der SPD-Chef veröffentlicht am 21. Juli ein Thesenpapier zur Regulierung der Finanzmärkte. Die Banken, so schreibt er, »erpressen die Staaten«, »diktieren die Politik«, »zahlen unanständige Gehälter« und »zocken ihre Kunden ab«.

Die SPD setzt auf die Fachkenntnisse der Bundesbank

Steinbrück liefert nun die Details nach. Intensiv wurde an seinem Konzept gearbeitet. Gleich zwei Gremien waren damit befasst. Eine der Arbeitsgruppen, rund 25 Mann stark, wurde vom SPD-Vorstand eingesetzt, tagt in Frankfurt und wird vom hessischen Parteichef Thorsten Schäfer-Gümbel geleitet. Ihr gehören hochrangige Banker und Wissenschaftler an – darunter der ehemalige Bundesbankvorstand Hans-Helmut Kotz und sein Nachfolger Joachim Nagel.

Die zweite, entscheidende Runde ist bei Steinbrück angesiedelt, der ebenfalls auf die Kompetenz eines Bundesbankers vertraut: Sein engster Berater ist Rainer Stollhoff, der als Bankenaufseher für die Währungsbehörde gearbeitet hat. Steinbrück selbst hat sich mit internationalen Finanzgrößen wie dem ehemaligen amerikanischen Notenbankchef Paul Volcker und Mitgliedern der britischen Vickers-Kommission getroffen, die die Pläne zur Reform der Banken im Vereinigten Königreich ausgearbeitet hat.

Steinbrücks Vorschläge sollen die Lücken in der Finanzregulierung schließen – und den Megabanken ihr Drohpotenzial nehmen. Er fordert einen von den Kredithäusern finanzierten europäischen Abwicklungsfonds, der es ermöglicht, auch große Banken kontrolliert zu schließen, wenn sie in Schieflage geraten. Vor allem aber sollen die Banken gezwungen werden, Kreditgeschäft und Handelsaktivitäten zu trennen. Wenn sich die Händler verzocken, so die Hoffnung, muss der Staat nicht eingreifen, weil Spareinlagen und Kreditversorgung abgeschirmt sind.