Arbeiten im NetzOhne Feierabend

Freiheit oder Zwang? Eine Studie untersucht die digitale Arbeitswelt. von 

Das papierlose Büro. Globale Videokonferenzen. Arbeiten von jedem Ort der Welt aus. Kommunikationstechnik verändert permanent den Arbeitsalltag, und an passenden Utopien mangelte es noch nie. Das klassische Angestelltenverhältnis als nine to five- Job samt Zeiterfassung und Überstundenkonto weiche einer flexiblen Arbeitsrealität, von der alle profitierten – das war eine Zukunftsvision. Und sie klang vielversprechend: Der Arbeitnehmer wäre nicht mehr durch feste Bürozeiten an seinen Schreibtisch gefesselt und könnte so Job und Privatleben viel besser zusammenbringen. Der Arbeitgeber hätte Personal, das einen eiligen Auftrag aus Fernost umgehend und nicht erst am nächsten Morgen bearbeiten könnte. So weit der Plan.

Mit den Chancen und Risiken der Digitalen Arbeit in Deutschland hat sich nun die der SPD nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung befasst. Dabei zeichnen die beiden Autoren Michael Schwemmle und Peter Wedde zwar ein differenziertes, im Kern aber einseitiges Bild. Digitale Arbeit sei »vorwiegend von Vorgaben und Dispositionen der Unternehmen, der Arbeit- und Auftraggeber abhängig«, schreiben sie, »zu wenig jedoch an den Bedürfnissen der Erwerbstätigen und am Ziel guter Arbeit ausgerichtet.«

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Was ein digitaler Arbeiter sein soll, definieren Schwemmle und Wedde bewusst eng. Ein Dachdecker mit E-Mail-Account und Mobiltelefon gehört nicht dazu. Stattdessen sind Menschen gemeint, die hauptsächlich mit Laptops, Smartphones, Tablets und dergleichen solche Informationen bearbeiten, die typischerweise in digitalisierter Fassung vorliegen: Texte, Grafiken, Zahlen, Fotos. Eine Untersuchung des Statistischen Bundesamts von 2010 besagt, dass fast zwei Drittel aller Beschäftigten in Deutschland regelmäßig am Computer arbeiten.

Doch was macht der Rechner, macht das Netz mit ihnen?

Aus der Perspektive von abhängig Beschäftigten lösen sich herkömmliche Alltagsbegriffe auf. Der Arbeitsplatz ist kein klar umgrenzter Ort mehr, stattdessen befindet er sich jeweils dort, wo ein Computer Zugang zum Netz hat – mithin überall. Ebenso schwierig wird es, Beginn und Ende der Arbeitszeit zu definieren, vor allem, wenn Teams aus mehreren Ländern und Zeitzonen an einem Projekt arbeiten. Arbeitsort und -zeit zum Teil selbst bestimmen zu können, werten Schwemmle und Wedde zwar grundsätzlich als positiv und einen Zugewinn von Macht und Freiheit. Das könne aber nur gelten, wenn die Arbeitsmenge es überhaupt zulasse, diese Freiheit sinnvoll ausüben zu können. Überspitzt gesagt: Wer rund um die Uhr arbeitet, hat von der Flexibilität gar nichts. Viele Beschäftigte empfinden es der Studie zufolge als Last, nie genau zu wissen, wann eigentlich Schluss ist.

Eine Vielzahl von »Solo-Selbstständigen« betrachtet es demgegenüber offenbar als große Chance, selbstbestimmt und frei von klassischen Anwesenheitszwängen zu arbeiten. Die Autoren diskutieren eine Selbstdarstellung aus der Szene der Digital Natives, derzufolge die Regeln eines Normalarbeitsverhältnisses als »Relikt aus den Zeiten der Industrialisierung« beschrieben werden. Unklar bleibt, warum die Gruppe der Digitalarbeiter so begeistert ist, obwohl sie sich in einer vergleichsweise schlechten finanziellen Lage befindet. »Unter den vermeintlich Privilegierten der Kreativszene schrammen viele an prekären Verhältnissen vorbei«, heißt es im Vorwort der Studie. »Ungezählte Solounternehmer leben von der Hand in den Mund. Im digitalen Nomadentum kann der gesicherte Broterwerb zur Utopie werden.«

Die Studie der Ebert-Stiftung basiert großteils auf Statistiken und wissenschaftlicher Literatur. Ihr Ergebnis: Digitale Arbeit ist psychische Last für einige, bedeutet oft wenig Geld für andere, aber auch Freiheit und Selbstbestimmtheit. Die Untersuchung lässt den Schluss zu, dass sich Politik und Gesellschaft vom Tempo des technischen Fortschritts überrumpelt sehen. Getrieben von der Erkenntnis, dass Unternehmen als Arbeit- oder Auftraggeber zunehmend im globalen Wettbewerb stehen und nie eine Zeit kommt, zu der die ganze Welt zugleich Feierabend macht. »Es dominiert eine Akzeptanz der normativen Kraft des Faktischen«, schreiben Schwemmle und Wedde, gleichwohl sei der Gesetzgeber nicht zum Zuschauen verdammt. So regen die Autoren an, Beschäftigten gesetzlich die Möglichkeit zuzugestehen, ihre Arbeit teilweise von selbst gewählten Orten aus erbringen zu dürfen – und zugleich ein »Recht auf Nichterreichbarkeit außerhalb bestimmter Arbeitszeitkorridore« festzuschreiben. Zudem sollten Solo-Selbstständige stärker in soziale Sicherungssysteme integriert werden.

All das sind wichtige Fragen, auf die es bislang keine Antworten gibt. Fest steht nur, dass Technik für sich genommen weder gut noch schlecht ist. Gesellschaft und Politik können die digitale Zukunft mitgestalten. Sie müssen es nur tun.

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