Dirk NowitzkiEine andere Liga

Dirk Nowitzki ist in Deutschland ein Superstar – in den USA aber ist er "Saint Dirk". Der Schriftsteller Thomas Pletzinger hat ihn getroffen von Thomas Pletzinger

Manchmal gibt einem der Zufall Antworten, ehe man seine Fragen gestellt hat. Der Taxifahrer, der mich vom Flughafen Dallas zum Hotel bringen soll, heißt Haile, ist Mitte vierzig und stammt aus Eritrea. Er glaubt an Gott, Großzügigkeit und Dirk Nowitzki . Haile trägt ein blaues T-Shirt mit Nowitzkis 41. Sein Taxi riecht nach Süßholz, an seinem Rückspiegel baumelt ein Rosenkranz aus blau-weißen Plastikperlen, die Farben der Dallas Mavericks. Auf seinem Armaturenbrett klebt eine elfenbeinerne Plakette, der heilige Christophorus, Schutzpatron der Autofahrer. Direkt daneben: eine goldgerahmte Autogrammkarte von Dirk Nowitzki mit langen Haaren und Stirnband.

Nowitzki ist der Grund, warum ich nach Dallas gekommen bin, aber davon weiß der Taxifahrer nichts, als er "Saint Dirk" sagt und lächelt, "savior of Dallas basketball". Der Verkehr ist dickflüssig, die Sonne steht steil auf dem Asphalt, die Klimaanlage des Taxis jammert. Haile hupt und jubelt und reicht mir Lakritz. Warum ich nach Dallas gekommen sei, fragt er. Ich sei hier, um Dirk Nowitzki zu treffen, erkläre ich und nicke Richtung Armaturenbrett, Richtung blau-weißer Rosenkranz, es seien ja jetzt Play-offs. Haile dreht sich in voller Fahrt um und starrt mich fassungslos an. "You’re meeting Dirk? Are you fucking joking?"

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Wie viele andere habe auch ich einmal von einer Basketballkarriere geträumt. Die Träumerei aufgegeben habe ich 1994, als man zum ersten Mal Gerüchte von einem talentierten Spargeltarzan aus Würzburg hörte, 16 Jahre alt, knapp zwei Meter groß, sehr beweglich und mit exzellentem Wurf. In den Turnhallen erzählte man sich, dass er das Zeug zum besten Spieler Deutschlands habe. Ein paar Jahre später sah ich Nowitzki dann zum ersten Mal spielen, Brandt Hagen gegen Würzburg, es muss 1998 gewesen sein. Das Spiel war nicht ausverkauft. Nowitzki war jetzt 2,13 Meter und musste sich schon damals nicht mehr an die Rollen und Regeln halten, an die man in Deutschland glaubte: Große und schwere Spieler unter den Korb, kleine und schnelle nach außen. Nowitzki konnte alles. Er war groß, schnell und clever, er konnte von überall werfen und treffen, er dribbelte und fand seine freien Mitspieler – er beherrschte das Spiel auf allen Ebenen. Nowitzki schien die Struktur des Spiels besser lesen zu können, er schien schneller zu denken. Er war anders als alle anderen Basketballspieler, die wir damals kannten. Mein altes Team gewann das Spiel gegen Würzburg, doch wir hatten die Zukunft des Spiels gesehen.

Basketball hat mich nie in Ruhe gelassen. Ich liebe das Spiel, das ich nur noch selten spiele. Ich bin Enthusiast, in seltenen Momenten bin ich Fan. Wenn ich Basketballspiele sehe, ist da eine melancholische Begeisterung, eine freudige Nostalgie, eine angenehme Trauer um die Dinge, die einmal möglich schienen, aber nie geschehen sind. Solche wie mich gibt es viele: Nostalgiker und Statistikliebhaber, theoretische Sportler. Dirk Nowitzki ist unser Stellvertreter. Er ist alles, was wir niemals geworden sind. Nur viel, viel besser.

In Deutschland ist Dirk Nowitzki bekannter als das Spiel, das er spielt. Er ist berühmt, weil er berühmt ist. Seit Jahren wirbt er für eine Bank und eine Sportmarke. Er sitzt bei Wetten, dass..?. In den USA ist Nowitzki ein echter Superstar. Er gehört zu den absolut Besten einer uramerikanischen Sportart. Die eigenen Fans lieben Nowitzki, die gegnerischen fürchten ihn. Zu Recht. Journalisten und Kulturwissenschaftler schreiben über das Faszinosum Nowitzki. Angela Merkel empfängt ihn im Kanzleramt, Barack Obama empfängt ihn im Weißen Haus. Nowitzki ist der beste Europäer, der jemals das Spiel gespielt hat. Er ist der beste weiße Basketballer seiner Zeit. Er war wertvollster Spieler der Finalserie , Fahnenträger bei Olympia, Allstar, NBA-Champion. Sein Spiel hält dem immensen Sportwissen Amerikas stand – statistisch, taktisch und historisch. Mehr noch: Nowitzki hat ein amerikanisches Spiel grundlegend verändert, er hat es revolutioniert. Basketball nach Nowitzki ist anders als Basketball vor ihm: beweglicher, variabler, weniger erwartbar, feiner, raffinierter.

Ich bin in Dallas, um von Nowitzkis Bedeutung und den Gründen dafür zu erzählen. Es gibt unfassbar viele Texte zu Nowitzki, es gibt Biografien, es gibt Hunderte Interviews und Porträts. Dirk Nowitzki steht in der Gala, im Goldenen Blatt und in der SuperIllu. Die Geschichte, die erzählt wird, ist immer ähnlich: Ein Junge aus Würzburg wird allen Widerständen und Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz einer der besten Basketballer der Welt. Mit der Hilfe eines verschroben-genialischen Mentors geht er unkonventionelle Wege, trainiert in der Zurückgezogenheit einer oberfränkischen Schulturnhalle und erreicht schließlich sein großes Ziel. Es ist eine Legende, eine Heldengeschichte mit verzeihbaren Scharten. Und ich bin hier, um etwas Neues zu erzählen.

Helden müssen sich schützen. Das System Nowitzki ist ein geschlossenes. Dirk und ich haben zwar gemeinsame Freunde – Mithat Demirel, seinen Zimmergenossen bei der Nationalmannschaft , und Rekordnationalspieler Patrick Femerling –, aber es gibt ungeschriebene Gesetze, und Nowitzkis Mannschaftskameraden würden sich eher ihre Wurfhand abhacken, als seine Telefonnummer zu verraten. Es blieben die offiziellen Wege. Wenn ich erst mal in Dallas bin, so habe ich gehofft, wird das eine zum anderen führen. Die Pressechefin der Mavericks hat mir ein Interview mit ihm zugesagt. Zehn Minuten nach dem Spiel. Heute Abend.

Ich habe mir Fragen notiert: nach seinen Ritualen. Nach der Langeweile des Lebens als Profisportler. Der Bedeutung seiner Hautfarbe für seine Berühmtheit, der Bedeutung von Rasse im Sport. Ob ihn manchmal Geldsorgen plagen (die Sorge, was man mit knapp zwanzig Millionen Dollar pro Jahr anfangen soll). Wie man vierzehn Jahre lang die Konzentration bei der Arbeit so unfassbar hoch hält. Ob Basketball ihm immer noch Spaß bereitet. Ob man für andere Prominente Sympathie empfindet (oder nur dasselbe Leid teilt). Ob er zur Motivation wirklich Joseph Conrads Taifun liest. Wie er seine Position in der Basketballgeschichte sieht. Wann der erste Paparazzo vor seiner Tür aufgetaucht ist. Was man denkt, wenn die Bild Polizeifotos der Exfreundin druckt oder wenn sämtliche Zeitungen über die Steuerangelegenheiten seines Mentors Holger Geschwindner berichten. Ob er so bodenständig ist, wie alle sagen. Wie oft er das alles verflucht. Was ihn am meisten schmerzt. Wem man vertrauen kann. Was echt ist und was falsch.

Jetzt rase ich mit einem Taxi durch Dallas, und Haile beantwortet mir sämtliche Fragen mit Enthusiasmus. Er hat den Highway verlassen und fährt auf Schleichwegen zum American Airlines Center: Wohngebiete, Industriebrachen, Kakteen, ein ausgetrocknetes Flussbett. Parkplätze, Hochhäuser, Parkplätze.

Haile weiß alles über Dirk. Wir hauen uns die großen Momente seiner Karriere um die Ohren: Haile erzählt von Indianapolis 2002, Deutschlands Weltmeisterschaftsbronze, diesem unerwarteten Erfolg. Nowitzki wurde zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt. Ich erzähle vom Europameisterschaftsfinale 2005 und wie das Publikum in der Belgrad-Arena kurz vor Ende des verlorenen Finales gegen die Griechen geschlossen aufstand und minutenlang applaudierte, als Nowitzki ausgewechselt wurde. Oder Dirk nach der verlorenen Meisterschaft 2006: wie er in den Katakomben verschwindet, die Hände über dem Kopf, als habe er gerade einen Schlag in den Magen bekommen, als ringe er um Luft. Dirk Nowitzki hat in den letzten vierzehn Jahren für etliche solcher Augenblicke gesorgt.

Leserkommentare
  1. ....toller Artikel

    • Dirac
    • 20. September 2012 13:08 Uhr

    Für diesen grandiosen Artikel.

  2. Dirk Nowitzki gehört tatsächlich zu jenen Spezies, die ihren Sport als Berufung betrachten, als Lebensinhalt. Mit dieser Einstellung und dem nötigen Talent ist er zu einem der erfolgreicheren seines Sports geworden.
    Trotzdem oder gerade deshalb taugt er nicht zum Vorbild, zu einer gesellschaftlichen Instanz, zu einem Idol der Jugend. Denn außerhalb der nach Linoleum und Putzmittel riechenden Hallen, hat dieser Mann erschreckend wenig zu sagen. Er ist immer noch dieser schlacksige, leicht naiv wirkende 2m Mann aus Heidingsfeld.
    Wenn man diesen überschwenglichen Artikel liest, wird einem vor lauter Lobhudelei etwas übel. Gehts nicht auch etwas nüchterner. Ist doch nur ein Ballsport, gespielt von langen Lulatschen in kurzen Hosen ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie sagen also das er kein Vorbild sein kann, da er sich mit viel Einsatz und Ehrgeiz an die Spitze seines Fachbereichs gearbeitet hat? Versteh Ihre Sicht nicht, aber jedem das seine.
    Warum muss ein Sportler sich zu anderen Themen äußern, von denen er nicht viel weiß bzw. vielleicht sogar viel weiß, es jedoch vorzieht das sich Experten um dieses Feld kümmern?
    Man kann sicherlich nachlesen wofür der Herr alles spendet, dann sehen sie ja, wozu er sich äußert, ohne sich zu äußern.

    Zur Reportage, ich fand sie sehr gelungen und hat mich ebenfalls stark in den Sommer 2011 versetzt, wo ich viele Wochen einen sehr ungesunden Schlafrhythmus hatte, nur um dabei zu sein, wenn sich einer seinen Lebenstraum erfüllt.

    wenn jemand so ein tolles Sporttalent hat und es versteht, es über Jahre so gut zu nutzen, dann verdient das wirklich höchsten Respekt und Bewunderung - dass er auch sympathisch rüberkommt, ist sein Glück, aber im Profisport sicher keine Grundvoraussetzung, egal ob auf Rasen oder auf Parkett oder Linolium. Welche "Zusatzqualifikationen" müsste man sonst von anderen Berufsgruppen in der Öffentlichkeit verlangen, um vorbildtauglich zu sein?

    Guter Artikel, danke!

  3. Gute Reportagen liest man leider nicht sehr häufig, diese ist eine sehr gute.
    Und man fühlt sich wieder wie in den Nächten der Play-off-Spiele der Meistersaison, mit zuviel Kaffee, Fluchen, Staunen, Wundern, Jubeln. Möchte es nicht missen.

  4. Sie sagen also das er kein Vorbild sein kann, da er sich mit viel Einsatz und Ehrgeiz an die Spitze seines Fachbereichs gearbeitet hat? Versteh Ihre Sicht nicht, aber jedem das seine.
    Warum muss ein Sportler sich zu anderen Themen äußern, von denen er nicht viel weiß bzw. vielleicht sogar viel weiß, es jedoch vorzieht das sich Experten um dieses Feld kümmern?
    Man kann sicherlich nachlesen wofür der Herr alles spendet, dann sehen sie ja, wozu er sich äußert, ohne sich zu äußern.

    Zur Reportage, ich fand sie sehr gelungen und hat mich ebenfalls stark in den Sommer 2011 versetzt, wo ich viele Wochen einen sehr ungesunden Schlafrhythmus hatte, nur um dabei zu sein, wenn sich einer seinen Lebenstraum erfüllt.

    Antwort auf "peinlich"
  5. wenn jemand so ein tolles Sporttalent hat und es versteht, es über Jahre so gut zu nutzen, dann verdient das wirklich höchsten Respekt und Bewunderung - dass er auch sympathisch rüberkommt, ist sein Glück, aber im Profisport sicher keine Grundvoraussetzung, egal ob auf Rasen oder auf Parkett oder Linolium. Welche "Zusatzqualifikationen" müsste man sonst von anderen Berufsgruppen in der Öffentlichkeit verlangen, um vorbildtauglich zu sein?

    Guter Artikel, danke!

    Antwort auf "peinlich"
    • Plio
    • 20. September 2012 14:37 Uhr

    Ich muss BeitZamani zustimmen, ein bisschen arg begeistert ist der Autor ja schon von seinem Held. Ich selbst bin auch aus Würzburg und somit eigentlich sehr viel Heldenverehrung von Döörk gewöhnt. Nur kannte ich den Prä-NBA-Dirk selbst früher und muss sagen, dass er, bis auf den Sport, ein ganz gewöhnlicher Mensch ist, im positiven wie im negativen Sinn. Wenn ich ihn in den Medien, z.B. bei Wetten Dass sehe, habe ich nicht den Eindruck, dass das "Komplettpaket aus Mathematik, Psychologie, Bildung, Disziplin" da irgendetwas geändert hat.

    Zum Glück hat ihn der Erfolg nicht so verdorben wie Boris Becker oder Loddar Matthäus. Das rechne ich ihm hoch an. Ein Vorbild für die Jugend stelle ich mir trotzdem anders vor, gerade auch was den Einsatz für die Schule vs. Sportbegeisterung angeht. Da könnte ich alte Geschichten aus erster Hand erzählen, aber mache es natürlich nicht hier. Im Vergleich zu den meisten Fußballern (we have a grandios Saison gespielt) ist er wahrscheinlich immer noch ein intellektuelles Schwergewicht.

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