Marie Thérèse mit Bruder Louis Joseph, gemalt von Élisabeth Vigée- Lebrun 1787.

Das Grab soll ausgehoben werden. So hat es der Stadtrat zu Hildburghausen im Thüringer Wald am 27. Juni dieses Jahres beschlossen, um endlich Gewissheit zu haben, um wen genau es sich bei der »Dunkelgräfin« handelt, die seit 1837 auf dem Stadtberg begraben liegt. Doch während die einen schon die Touristenbusse anrollen sehen und die Kassen klingeln hören, formieren sich andere zum Widerstand und fordern: Lasst sie ruhen!

Wer nur war die geheimnisvolle Frau, die wegen ihrer grünen Brille und des Schleiers, der stets ihr Gesicht bedeckte, als »Dunkelgräfin« in die Geschichte eingegangen ist?

Die Spur führt ins Paris der Revolution, ins Jahr 1795: Seit vier Jahren wird Marie Thérèse Charlotte de Bourbon, die 16-jährige Tochter des französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette, im Temple gefangen gehalten. Sie hat hier die Hinrichtung ihrer Eltern und den Tod ihres Bruders miterleben müssen. Sie hat ein Jahr Einzelhaft hinter sich, umgeben von Soldaten, die, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt, meist betrunken waren. Ob sie tatsächlich vergewaltigt wurde, lässt sich nicht sicher sagen. Aber es besteht kein Zweifel, dass die Haft dem jungen Mädchen schwere psychische Schäden zugefügt hat.

Da die Prinzessin mehr und mehr zu einer Kultfigur der erstarkenden royalistischen Opposition wird, will die Revolutionsregierung sie so schnell wie möglich nach Österreich, in das Heimatland ihrer Mutter, abschieben. Andererseits befürchtet man, dass die Österreicher, mit denen sich die Franzosen damals noch im Krieg befinden, Marie Thérèse mit Erzherzog Karl, einem jüngeren Bruder des Kaisers, verheiraten könnten, um sich den Anspruch auf das Erbe der Prinzessin und auf den französischen Thron zu sichern. Ein Dilemma, aus dem es zunächst keinen Ausweg zu geben scheint.

Offiziell wird die Prinzessin am 26. Dezember 1795 in Basel an die österreichischen Behörden übergeben. Aber wie sagte Victor Hugo? »Es gibt zwei Arten von Geschichte: die offizielle, lügenhafte Geschichte und dann die geheime, wo die wahren Ursachen der Ereignisse liegen.« Die Geschichte der Tochter Marie Antoinettes ist dafür ein vollendetes Beispiel.

Nach der offiziellen Geschichtsschreibung trifft sie Anfang Januar 1796 am Wiener Hof ein, wird freundlich aufgenommen und wie eine Tochter des Kaisers behandelt. 1799 heiratet sie ihren Cousin und lebt als Herzogin von Angoulême in Litauen und England – am Hof ihres Onkels, eines Bruders Ludwigs XVI. Nach der Vertreibung Napoleons kehrt dieser 1815 – als Ludwig XVIII. – mithilfe der Alliierten auf den wiedererrichteten französischen Königsthron zurück. Im Juli 1830 aber kommt es zu einer erneuten Revolution in Paris und zur endgültigen Vertreibung der Bourbonen. Die Herzogin stirbt 1851 einsam und verbittert in Frohsdorf bei Wien.

Die inoffizielle Version ist spektakulärer, nach neuesten Erkenntnissen aber die plausiblere. Schon im Januar 1796 schreibt Maria Karolina, Königin von Neapel und Schwester Marie Antoinettes: »Ich bin krank vor Angst, dass diese Bestien sich erlauben, ein anderes Mädchen anstelle meiner Nichte nach Wien zu schicken.« Und auch der englische Geheimagent Lord Wickham erhält von seinen Informanten beunruhigende Berichte von einer geplanten Flucht oder Entführung der Königstochter während ihres Aufenthalts in Basel. In den Archives nationales in Paris liegen zudem die Erpresserbriefe, die – Jahrzehnte später – eine ehemalige Untergouvernante an die Herzogin von Angoulême schreibt. In diesen Briefen droht sie damit, das Geheimnis der Vertauschung zu lüften. Bis zu ihrem Tod zahlt die Herzogin ein Vermögen an Schweigegeld.

Die Korrespondenz belegt eindeutig, dass nicht die Tochter Marie Antoinettes in Wien angekommen ist, sondern ihre Halbschwester Marie Philippine, genannt Ernestine, eine uneheliche Tochter Ludwigs XVI. (Die Mutter ist eine seiner Kammerfrauen). Zusammen mit Marie Thérèse wurde sie am Hof zu Versailles erzogen.

Die Briefe, die Maria Karolina von Neapel zwischen 1796 und 1799 an ihre Tochter, die österreichische Kaiserin, schickt, zeigen, dass man den Betrug in Wien schon sehr bald bemerkte. Das aber mochte niemand zugeben. Schließlich hatte der österreichische Unterhändler Dengelmann die Auslieferung der »richtigen« Königstochter offiziell quittiert – allerdings ohne sie jemals vorher gesehen zu haben. Es galt, das Gesicht zu wahren, wie Maria Karolina schrieb.