Interview mit Weltbank-Chef"Ich setze auf Beweise"

Der neue Weltbankchef Jim Yong Kim zweifelt an großen Theorien und allgemeingültigen Lösungen. von  und

Jim Yong Kim bei einer Veranstaltung am 23. September 2012 in New York

Jim Yong Kim bei einer Veranstaltung am 23. September 2012 in New York  |  © Lucas Jackson/Reuters

DIE ZEIT: Herr Kim, ein Arzt als Chef der Weltbank? Sie haben selbst mal gesagt, Sie wüssten nicht, was ein Hedgefonds ist...

Jim Yong Kim: Das habe ich gesagt, ehe ich die Leitung der Universität in Dartmouth übernahm. Aber seit ich mich dort um das Stiftungskapital von 3,5 Milliarden Dollar kümmern musste, weiß ich sehr wohl, was ein Fonds ist! Es stimmt, dass ich der erste Chef der Weltbank bin, der nicht vorher Banker oder Politiker war. Dafür bin ich der erste, der praktische Erfahrungen in der Entwicklungshilfe hat.

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ZEIT: Schon mit Bankern aneinandergeraten?

Kim: Ganz und gar nicht. Ich treffe in der Weltbank viele Leute, die echtes Interesse an der Arbeit haben. Ein kleiner Teil schreibt vor allem wissenschaftliche Studien, die große Mehrheit kommt aus der Praxis und will, dass unsere Investitionen etwas verändern. Wir reden Klartext miteinander.

ZEIT: Und das ist neu?

Kim: Es gab Zeiten in der Bank, da ging es vor allem um die ganz großen Ideen. Da wurde Strukturanpassung verordnet, Freihandel und freie Märkte, und es hieß: »Privatisiert die Gesundheitsversorgung!« oder »Lasst das Kapital frei fließen!«. Einige dieser Ideen halten wir auch heute noch für richtig, aber es gibt nicht die eine Lösung für alle. Besser, man entwickelt die passende Strategie für jedes einzelne Land – und dann können die Länder voneinander lernen.

ZEIT: Wie soll das gehen?

Kim: Es gab in den Achtzigern den Durchbruch der evidenzbasierten Medizin...

ZEIT: Das heißt: Kein Eingriff, ohne dass die Wirkung belegt ist...

Kim: ...und seitdem erforschen Mediziner systematischer den Erfolg von Therapien. Ähnlich muss es in der Entwicklungspolitik sein. Wir müssen konkret fragen: Was hat funktioniert und was nicht? Wenn wir dann ein Land beraten, können wir beispielsweise sagen: Subventionen für Treibstoff haben meist diese und jene Wirkungen.

ZEIT: Machen Sie damit nicht eine tonangebende Institution zur Service-Einrichtung?

Kim: Es gibt ja nach wie vor eine Menge Leute in der Bank, die große Ideen haben, und das ist sehr wichtig. Auch den Freiraum, darüber intensiv zu diskutieren, muss eine Wissensbank bieten. Es gab ja beispielsweise mal eine große Debatte darüber, ob man seine Grenzen für den Handel öffnen sollte oder nicht – heute verschließt sich kaum noch ein Land dieser Idee.

ZEIT: Der Grad und das Tempo der Öffnung sind allerdings nach wie vor strittig.

Kim: Das ist der Punkt. Solche Entscheidungen kann man treffen, wenn man die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Modelle kennt. Als ich in Äthiopien war, interessierte sich die Regierung intensiv dafür, was sie von den Südkoreanern lernen könnte. Denen war auch mal vorhergesagt worden, sie würden sich nie entwickeln, aber dann schafften sie einen rasanten Aufstieg. Manche Wissenschaftler sagen: Der Konfuzianismus war der Schlüssel. Vor Jahrzehnten hieß es noch: Konfuzius ist das Problem. Solche Deutungsunterschiede machen mich sehr misstrauisch, wenn ich von angeblich allgemeingültigen Lösungen höre.

Leserkommentare
  1. wie sieht eigentlich das Verhältnis von Pragmatismus und Ethik aus?

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    Verantwortung.

  2. Verantwortung.

    Antwort auf "Pragmatismus"
  3. Die großen Ideen und Strategien werden also über Bord geworfen, jeder soll zusehen wie er zurechtkommt und kurzfristige "pragmatische" Handlungen bevozugen.

    Hört sich - im übertrragenen Sinne - nach einem Russlandfeldzug während eines harten Winters an.

    • Pnin05
    • 28. September 2012 12:38 Uhr

    für ein hervorragendes Interview! Sie haben mir damit einen Mann, über den ich bisher höchst Kontroverses gelesen habe, verständlicher gemacht. Vermisst habe ich eigentlich nur die Nachfrage beim Thema große Ideen und Pragmatismus, ihn da zu Äußerungen von Entwicklungsökonomen wie Amartya Sen oder Jeffrey Sachs oder auch Joseph Stiglitz zu bewegen. Dennoch: Kompliment!

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