Baukräne in Berlin © Getty Images

Die Krise, heißt es, frisst sich in die deutsche Wirtschaft. Sie ist jetzt angekommen. Wir können ihr nicht entgehen. Das hört man im Augenblick allenthalben.

Doch stimmt es wirklich? Joachim Möller redet nicht so. Er spricht vom Aufschwung.

Es ist Anfang September, der Direktor des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg hält einen Vortrag zur aktuellen Lage. Seine Zuhörer erwarten Düsteres. Aber der Professor erklärt, die deutsche Wirtschaft sei im Grunde kerngesund. Alle Voraussetzungen für eine »sehr positive Dynamik« seien da. Nur gebe es diese große Angst: die lähmende Sorge um den Euro. Gelänge es, diese Angst zu bändigen, sagt Möller, würden »starke Auftriebskräfte« frei. Eine Blockade löse sich – und der nächste Aufschwung könnte beginnen.

Genau das geschieht womöglich gerade.

Ausgerechnet in diesen Tagen könnte der Wendepunkt auf dem Weg zu einem neuen Boom erreicht sein. Die Euro-Krise ist zwar nicht vorüber, aber die akuten Sorgen um die Währung sind deutlich kleiner geworden.

Erst beschloss die Europäische Zentralbank (EZB), sie werde alles tun, um die Zinslast notleidender, reformbereiter Euro-Staaten zu senken. Wenn nötig, werde sie mit allen Mitteln Anleihen dieser Staaten kaufen – und die Mittel der EZB sind bekanntlich unbegrenzt, es handelt sich um das von ihr selbst geschaffene Geld. Dann gab das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe den Weg für ein gigantisches Rettungsinstrument frei, den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Er verspricht krisengeschüttelten Staaten weitere Milliardenhilfen.

Damit erreichen die Rettungsmaßnahmen eine neue Dimension. Etliche Male schon versuchte die Politik, mit Gipfelbeschlüssen, Hilfsprogrammen und einem Schuldenschnitt für Griechenland die Krise einzudämmen. Doch die Euro-Ängste blieben. Dieses Mal, glauben viele Experten, könnte es tatsächlich anders laufen. »Die Sorge, dass die Euro-Zone kurzfristig auseinanderfliegt, ist erst einmal weg«, urteilt Kai Carstensen, Konjunkturchef des ifo-Instituts in München. »Die Rettungspolitik«, bestätigt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, »hat eine andere Qualität erreicht.« Der September 2012, mutmaßen Konjunkturbeobachter der italienischen Großbank UniCredit, könne zum »Wendepunkt« werden. Der Beschluss der EZB sei ein game changer, eine Entscheidung, die die Lage komplett verändere.

Wenn die Ökonomen einer italienischen Bank sich über neue Hilfsmilliarden freuen, mag man das als interessengeleitet abtun. Aber Carstensen und Krämer sind Volkswirte, die dieser Rettungspolitik eigentlich sehr kritisch gegenüberstehen. Ihr Urteil als Konjunkturforscher ist klar: Die Angst um den Euro sei nicht verschwunden, aber kleiner geworden, und damit sei der Weg für einen Aufschwung frei. Das Szenario, das der Arbeitsmarktforscher Joachim Möller vor zwei Wochen in Nürnberg präsentierte, entspricht ziemlich präzise ihrem Bild der Lage.

»Etliche Studien«, sagt Carstensen, »zeigen, wie stark Unsicherheit die Konjunktur belastet.« Viele Unternehmer würden bei unklarer Lage Investitionen aufschieben und erst einmal abwarten. Dabei sorgt die Euro-Krise für eine besonders extreme Form der Verunsicherung. Es geht ja immerhin um den möglichen Zerfall eines ganzen Währungssystems. »Wer von uns hat das schon mal erlebt?«, fragt Commerzbank-Ökonom Krämer. »Das ist nicht die normale Unsicherheit, die man kennt. Das gehört zu dem wirklich Unbekannten, zu den unknown unknowns«.