Auf den ersten Blick war die Täuschung gut gemacht. Was da unter der Webadresse http://46.245.180.132 im Netz zu sehen war, hätte tatsächlich ein geleakter Forschungsbericht sein können. Die Bilder waren jedenfalls empörend: Sie zeigten ein Schwein in einem Versuchslabor, das von Männern in blütenweißen Kitteln bei lebendigem Leib mit einer UV-Lampe geröstet wurde. Seine Haut warf rote Blasen, das Tier krümmte sich jämmerlich. »Schmerzäußerungen« und »offene Wundbildung« verzeichnete das danebenstehende Versuchsprotokoll, das sich wie durch Zufall ebenfalls im Netz fand.

Ein besonders herzloses Tierexperiment? Ein weiterer Beweis für die Skrupellosigkeit der modernen Wissenschaft? Oder eine Inszenierung von radikalen Tierschützern? Weit gefehlt. In Wirklichkeit handelte es sich um eine gut gemeinte Kampagne der Deutschen Krebshilfe.

Mithilfe der Werbeagentur Jung von Matt wollte die Krebshilfe vor allem Jugendliche über das Risiko von Hautkrebs aufklären. Schließlich sterben jedes Jahr in Deutschland rund 3.000 Menschen an dessen Folgen. Und 167.000 Jugendliche unter 18 Jahren zieht es laut Krebshilfe ins Solarium – obwohl Minderjährigen diese Art von Schönheitspflege seit 2009 verboten ist. Diese junge Zielgruppe sollte durch die frei erfundene Schweinequäl-Webseite aufgerüttelt werden. Via Facebook und Twitter würde sich die Botschaft per viralem Marketing im Internet verbreiten, die Jugendlichen wären geschockt – und würden danach ernsthaft über ihr eigenes Hautkrebsrisiko diskutieren. So stellten sich die Herren bei der Krebshilfe die Sache vor.

Ein glorioser Irrtum. Zwar wurde der Link verbreitet und kräftig diskutiert. Allerdings ging es dabei nicht – wie von der Krebshilfe erhofft – um die Schädlichkeit künstlicher UV-Bestrahlung, sondern vielmehr um die Frage, ob dieser Versuch echt sein könne oder ob es sich um einen Hoax handele; und darum, ob Wissenschaftlern diese Art von Tierversuchen wirklich zuzutrauen sei.

Dabei agieren die Forscher im Film völlig stümperhaft und quälen ein Tier ohne erkennbaren Zweck, denn die schädliche Wirkung von UV-Strahlen ist längst bewiesen. Eine schlechtere Imagekampagne für die Wissenschaft ist kaum vorstellbar.

Doch die Vertreter der Deutschen Krebshilfe klopfen sich auch noch selbst auf die Schulter: »Mit dieser Aktion werden wir die Leute wachrütteln«, schwärmt Hauptgeschäftsführer Gerd Nettekoven auf rosi-hat-schwein-gehabt.de. Millionen Menschen hätten das Video gesehen, die Aktion sei ein voller Erfolg gewesen.

Hat Nettekoven sich vom Werbegeschwätz von Jung von Matt einwickeln lassen? Fakt ist: Von den geschminkten Wunden auf der Haut des Schweins zog bei Facebook und Twitter niemand die Verbindung zum eigenen Solariumbesuch. In den Diskussionen im Netz ging es nie um Hautkrebs. Dafür rückte die Kampagne ganz offenbar wissenschaftliche Forschung in ein falsches Licht. Eine Institution, die auf die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern angewiesen ist, hätte so etwas nicht zulassen dürfen.

Vielleicht liegt der Flop ja auch nur daran, dass niemand das Schwein zurate gezogen hat.