DIE ZEIT: Herr Buschkowsky, was unterscheidet Sie von Thilo Sarrazin?

Heinz Buschkowsky: Ich weiß, wovon ich rede. Was ich beschreibe, ist das wirkliche Leben, was mich täglich umgibt.

ZEIT: Sind Sie nicht eigentlich Sarrazin light – dieselben Thesen, nur ohne kruden Biologismus?

Buschkowsky: Ich setze Menschen im Unterschied zu ihm nicht herab. Aber wieso dieselben Thesen? Ich fordere eine Integrationspolitik, die endlich Ernst macht mit Chancengerechtigkeit auch für Einwandererkinder, weil wir sie zum Fortbestand unserer Gesellschaft dringend brauchen. Eine Bildungspolitik, die endlich begreift, dass bildungsferne Elternhäuser ihren Kindern nicht helfen. Und ich fordere eine Gesellschaft, die nicht wegschaut von dem, was sich in unseren Städten tut.

ZEIT: Gibt es Rassismus in Neukölln?

Buschkowsky: Es gab einige böse Einzelvorfälle. Trotzdem ist es kein dominantes Bezirksthema. In einem Ortsteil gibt es acht, neun polizeibekannte Neonazis, richtige Vollpfosten, die vor Ort ein ausgesprochenes Ärgernis sind. Aber im Gesamtbezirk hat die NPD im letzten Jahr bei den Wahlen 3500 Stimmen, noch nicht einmal drei Prozent, erhalten. Gemessen daran, womit die Bürger in Neukölln täglich in Form von sozialen Verwerfungen, Arbeitslosigkeit, Armut, Bildungsferne und sonstigen Dingen, die die Welt nicht braucht, konfrontiert werden, ist dieses verirrte Protestpotenzial doch recht bescheiden.

ZEIT: Gibt es einen umgekehrten Rassismus unter den Migranten gegen die Deutschen?

Buschkowsky: Warum sollten sich Einwanderer anders verhalten als Eingeborene? Der Rassismus hält sich die Waage und liefert immer wieder das Alibi für die andere Seite. »Isst du Schwein, bist du Schwein«, das sind so die netten Sachen.

ZEIT: Sind Sie schon einmal bedroht worden?

Buschkowsky: Von Einwanderern? Nein, noch nie. Von Linksradikalen öfter.

ZEIT: Nie von Migranten?

Buschkowsky: Null! Im Gegenteil. Sogar die Intensivtäter, die ich persönlich kenne, rufen über die Straße: Hallo, Bürgermeister, geht es dir gut? Was sie wollen, ist ein Foto machen. Die größte Zuneigung aus ihrer Sicht war die Ansprache: »Bürgermeister, hast du Feinde? Sag uns Bescheid, wir kämpfen für dich.«

ZEIT: Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Buschkowsky: Ich möchte denen, die sich im Alltag mit der Integration auseinandersetzen, Mut machen. Erzieherinnen und Lehrerinnen sagen mir, wie alleingelassen sie sich fühlen. Was sie entmutigt, sind nicht die Probleme im Job. Sondern die klugen Sprüche von der Metaebene: »Was du erlebst, ist nur ein Einzelfall, vielleicht bist du es falsch angegangen, hast provoziert; du bist nicht kultursensibel; es ist alles nur gefühlt, oder du bist islamophob und denkst rassistisch.« Ich zumindest weiß, welchem täglichen Kampf eine Schulleiterin standhalten muss, wenn sie nur sagt, an meiner Grundstufe gibt es keine Kopftücher, und nach dem Sport wird geduscht. Jede Woche einem brüllenden, wild gewordenen arabischen Vater Paroli zu bieten, das schaffen auf Dauer nur wenige.