Heinz Buschkowsky"Da helfe ich gerne beim Kofferpacken"

Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Neukölln, über Integrationsverweigerer, Rassisten zweier Sorten – und die Frage, warum es im Gefängnis kein Schweinefleisch gibt. von  und

Heinz Buschkowsky (Archiv)

Heinz Buschkowsky (Archiv)  |  © Thomas Peter / Reuters

DIE ZEIT: Herr Buschkowsky, was unterscheidet Sie von Thilo Sarrazin?

Heinz Buschkowsky: Ich weiß, wovon ich rede. Was ich beschreibe, ist das wirkliche Leben, was mich täglich umgibt.

Anzeige

ZEIT: Sind Sie nicht eigentlich Sarrazin light – dieselben Thesen, nur ohne kruden Biologismus?

Buschkowsky: Ich setze Menschen im Unterschied zu ihm nicht herab. Aber wieso dieselben Thesen? Ich fordere eine Integrationspolitik, die endlich Ernst macht mit Chancengerechtigkeit auch für Einwandererkinder, weil wir sie zum Fortbestand unserer Gesellschaft dringend brauchen. Eine Bildungspolitik, die endlich begreift, dass bildungsferne Elternhäuser ihren Kindern nicht helfen. Und ich fordere eine Gesellschaft, die nicht wegschaut von dem, was sich in unseren Städten tut.

ZEIT: Gibt es Rassismus in Neukölln?

Buschkowsky: Es gab einige böse Einzelvorfälle. Trotzdem ist es kein dominantes Bezirksthema. In einem Ortsteil gibt es acht, neun polizeibekannte Neonazis, richtige Vollpfosten, die vor Ort ein ausgesprochenes Ärgernis sind. Aber im Gesamtbezirk hat die NPD im letzten Jahr bei den Wahlen 3500 Stimmen, noch nicht einmal drei Prozent, erhalten. Gemessen daran, womit die Bürger in Neukölln täglich in Form von sozialen Verwerfungen, Arbeitslosigkeit, Armut, Bildungsferne und sonstigen Dingen, die die Welt nicht braucht, konfrontiert werden, ist dieses verirrte Protestpotenzial doch recht bescheiden.

ZEIT: Gibt es einen umgekehrten Rassismus unter den Migranten gegen die Deutschen?

Buschkowsky: Warum sollten sich Einwanderer anders verhalten als Eingeborene? Der Rassismus hält sich die Waage und liefert immer wieder das Alibi für die andere Seite. »Isst du Schwein, bist du Schwein«, das sind so die netten Sachen.

Problembezirk Neukölln

Neukölln ist ein Berliner Stadtteil mit 160.000 Einwohnern, er ist ein Teil des gleichnamigen im Süden der Bundeshauptstadt gelegenen Verwaltungsbezirks. Unter den Bewohnern Neuköllns sind zahlreiche Migranten überwiegend türkischer Herkunft, es leben aber auch viele arabischstämmige Einwanderer hier. Wegen der hohen Kriminalitätsrate gilt Neukölln als sozialer Brennpunkt, bundesweit machte der Stadtteil Schlagzeilen, als vor sechs Jahren Lehrer der damaligen Rütli-Schule deren Schließung verlangten, weil sie mit gewalttätigen Schülern nicht mehr zurechtkamen. Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Neukölln, hat jetzt ein Buch über den Bezirk und seine Arbeit geschrieben: Es heißt »Neukölln ist überall« und erscheint morgen. Er beschreibt die Probleme der Einwanderungsgesellschaft, wie er sie sieht: Jugendbanden, die Angst verbreiten, Kinderarmut, Burkas, Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, Arbeitslosigkeit, eine ignorante und beschönigende Integrationspolitik und Überfremdungsängste der deutschen Bevölkerung.

ZEIT: Sind Sie schon einmal bedroht worden?

Buschkowsky: Von Einwanderern? Nein, noch nie. Von Linksradikalen öfter.

ZEIT: Nie von Migranten?

Buschkowsky: Null! Im Gegenteil. Sogar die Intensivtäter, die ich persönlich kenne, rufen über die Straße: Hallo, Bürgermeister, geht es dir gut? Was sie wollen, ist ein Foto machen. Die größte Zuneigung aus ihrer Sicht war die Ansprache: »Bürgermeister, hast du Feinde? Sag uns Bescheid, wir kämpfen für dich.«

ZEIT: Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Buschkowsky: Ich möchte denen, die sich im Alltag mit der Integration auseinandersetzen, Mut machen. Erzieherinnen und Lehrerinnen sagen mir, wie alleingelassen sie sich fühlen. Was sie entmutigt, sind nicht die Probleme im Job. Sondern die klugen Sprüche von der Metaebene: »Was du erlebst, ist nur ein Einzelfall, vielleicht bist du es falsch angegangen, hast provoziert; du bist nicht kultursensibel; es ist alles nur gefühlt, oder du bist islamophob und denkst rassistisch.« Ich zumindest weiß, welchem täglichen Kampf eine Schulleiterin standhalten muss, wenn sie nur sagt, an meiner Grundstufe gibt es keine Kopftücher, und nach dem Sport wird geduscht. Jede Woche einem brüllenden, wild gewordenen arabischen Vater Paroli zu bieten, das schaffen auf Dauer nur wenige.

Leserkommentare
  1. Wenn in der SPD alle so wären, wie Buschkowsky, würde ich tatsächlich SPD wählen. Er ist einer von denen, die das wahre Leben mitbekommen, und er sagt, "so wird das nichts." In der SPD überwiegen aber die, die hier " die Metaebene" genannt werden: Ideologien, die die Wahrheit bestreiten, wenn sie im Widerspruch zur Ideologie steht! Bei den Grünen ist es noch schlimmer.

  2. Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die beiden offenen Briefe sind ja der schlimmste populistische Unsinn, den ich je gelesen habe. Sehr gekonnt wurden da Argumente verdreht, Aussagen ins völlige Gegenteil verkehrt und Wahrheit mit Lügen so lange verrührt, dass am Ende aus Schwarz Weiß wird.

    Danke für das Teilen, ich hab selten so geschmunzelt. Wo bekommt man sowas nur her ...

    • GI
    • 30. September 2012 10:41 Uhr

    Ich bin entsetzt!
    Nicht über die Aussagen und Ansichten von Herrn Buschikowsky, sondern über die journalistische "Meisterleistung" Ihrer Autoren Özlem Topcu und Heinrich Wefing.

    Deren Fragen triefen förmlich vor Unvoreingenommenheit. Deren Fragen sind ja ein besonders fulminates Beispiel für die beruflich gebotene Neutralität eines Journalisten.

    "Liebe" Zeit, noch so eine Nummer und Sie können sich von einem 20-jährigen Kunden verabschieden. Ich benötige keine Zeitschrift, die sich derartig Mitarbeiter bedienen muß, um gesellschaftlich wichtige Themen zu recherchieren.

  3. nämlich nicht: Warum gibt's im Knast kein Schweinefleisch? Sondern: Warum sind 70% der Gefängnisinsassen Muslime?
    Wohlgemerkt, bei 2-5% Bevölkerungsanteil in Deutschland und selbst in Berlin nur 6-7% der Bevölkerung.
    Weiß die ZEIT etwas darüber?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die übergroße Mehrheit der Muslime lebt in Westdeutschland und Berlin. Insofern führt Ihre Zahl von 2-5% Muslime in der Bevölkerung nicht weiter. In Berlin wird von 6,5% Muslimen ausgegangen http://www.tagesspiegel.de/berlin/berlinerstatistik/1670484.html

    Wir sind uns darüber einig, daß Armut eine 1a Brutstätte für Kriminalität ist?

    Berlin führt bundesweit bei der Zahl der H4-Empfänger: 16,5% der Bevölkerung http://de.statista.com/statistik/daten/studie/4275/umfrage/anteil-der-ha... Die allgemeine Arbeitslosigkeit in Berlin beträgt ca. 18,5 %, unter den türkischen Berliner/innen 48,5% und unter den arabischen Berliner/innen ca. 80 % http://www.ibn-rushd.org/typo3/cms/de/magazine/11th-issue-winter-2010201...

    Die hohe Arbeitslosigkeit unter Muslimen liegt nicht nur daran, daß vor allem männliche junge Muslime auffällig oft keinen Schulabschluß haben, sondern vor allem daran, daß es in Berlin seit Bau der Mauer zu wenig Arbeitsplätze gibt.

    Frauen bevölkern die Kriminalstatistik recht selten als Täter, bliebe der Blick auf muslimische Männer. Mich würde wirklich interessieren, wie Buschkowsky auf 70% Muslime kommt, sogar laut pi/JF saßen 2011 18%, im Berliner Jugendarrest 43% Muslime.

    Und das ist einer der Punkte, wo ich an Buschkowskys blödzeitungskompatiblen Verlautbarungen Anstoß nehme, er hätte solche Unseriositäten nicht nötig. Darunter fällt auch seine Hilfe beim Kofferpacken: es sind deutsche Probleme!

  4. 5. Zahlen

    Die übergroße Mehrheit der Muslime lebt in Westdeutschland und Berlin. Insofern führt Ihre Zahl von 2-5% Muslime in der Bevölkerung nicht weiter. In Berlin wird von 6,5% Muslimen ausgegangen http://www.tagesspiegel.de/berlin/berlinerstatistik/1670484.html

    Wir sind uns darüber einig, daß Armut eine 1a Brutstätte für Kriminalität ist?

    Berlin führt bundesweit bei der Zahl der H4-Empfänger: 16,5% der Bevölkerung http://de.statista.com/statistik/daten/studie/4275/umfrage/anteil-der-ha... Die allgemeine Arbeitslosigkeit in Berlin beträgt ca. 18,5 %, unter den türkischen Berliner/innen 48,5% und unter den arabischen Berliner/innen ca. 80 % http://www.ibn-rushd.org/typo3/cms/de/magazine/11th-issue-winter-2010201...

    Die hohe Arbeitslosigkeit unter Muslimen liegt nicht nur daran, daß vor allem männliche junge Muslime auffällig oft keinen Schulabschluß haben, sondern vor allem daran, daß es in Berlin seit Bau der Mauer zu wenig Arbeitsplätze gibt.

    Frauen bevölkern die Kriminalstatistik recht selten als Täter, bliebe der Blick auf muslimische Männer. Mich würde wirklich interessieren, wie Buschkowsky auf 70% Muslime kommt, sogar laut pi/JF saßen 2011 18%, im Berliner Jugendarrest 43% Muslime.

    Und das ist einer der Punkte, wo ich an Buschkowskys blödzeitungskompatiblen Verlautbarungen Anstoß nehme, er hätte solche Unseriositäten nicht nötig. Darunter fällt auch seine Hilfe beim Kofferpacken: es sind deutsche Probleme!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist heutzutage leider nicht mehr sehr weit verbreitet.

    Sätze, die mit der Konjunktion "Wenn" eigeleitet werden, stellen einen sogenannten Konditionalsatz dar.

    Bei Buschkowsky's Satz "Wenn bei uns 70 Prozent der Insassen im Jugendarrest Muslime sind, gibt es eben für die anderen 30 Prozent kein Schweinefleisch mehr", handelt es sich um einen Konditionalsatz vom Typ I. Er sagt damit also nicht, daß überall "70 Prozent der Insassen im Jugendarrest Muslime sind", sondern beschreibt, wohin die Entwicklung führet, wenn (Achtung: Wieder Konditionalsatz!) der Anteil der Muslime an der Bevölkerung zunimmt.

    Außerdem: Wenn (!) also bei 6,5%-Anteil an der Gesamtbevölkerung Berlins, 43% der Jugendarrestanten Muslime sind, und wenn (!) in einigen Bezirken, der Anteil der Muslime bei 15% oder 20% oder höher liegt, so ist es sogar ziemlich wahrscheinlich, daß in einzelnen Jugendarrestanstalten der Anteil der Muslime in der Größenordnung von 70% liegt.

    Zur Vervollständigung der Lektion noch Konditionalsatz Typ II ("Wenn bei uns 70 Prozent der Insassen im Jugendarrest Muslime wären, gäbe es...) und Typ III ("Wenn bei uns 70 Prozent der Insassen im Jugendarrest Muslime gewesen wären, hätte es ... gegeben").

    • 2CV
    • 05. Oktober 2012 15:31 Uhr

    Dann würde ich auch schnell und einfach reich werden, Auflagenmillionär wie Sarrazin und demnächst Buschkowsky!

    Man leiert das ewig gleiche "Integrationsblabla" herunter und -voila, it sells, sells, sells!

    Man wird ratzfatz reich und darüber, ob man seinen eigentlichen Job (Bezirksbürgermeister, Finanzsenator) ordentlich (ge)macht (hat, redet kein Mensch mehr! Auch die echten Probleme der Stadt: vergessen, BER, Immobilienfonds, ÖPNV etc. - war da was?

  5. Um auch mal auf eine andere Art von Metaebene zu gehen:
    Das (durchaus lesenswerte) Interview ist mittlerweile fast zwei Wochen alt und hat ganze 6 (in Worten: sechs) Kommentare - gerade bei einem Thema, bei dem ich mal mindestens mit 30-40 Seiten Kommentaren gerechnet hätte. Wurde das überhaupt auf der Hauptseite verlinkt? Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern...

    (und wäre es nicht als thematisch verwandt zu einem anderen Artikel aufgeführt gewesen, hätte ich es wohl nie gefunden)

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gucke eigentlich jeden Tag auf Zeit Online vorbei und diesen Artikel hätte ich mir definitiv angesehen.

  6. "Buschkowsky: ... Ich stelle mir einfach mal vor, wir haben umgedreht 70 Prozent Christen und 30 Prozent Muslime. Müssen dann alle Schweinekoteletts essen? Wohl kaum. Wäre auch nicht richtig.
    ZEIT: Dann also mehr Christen in den Knast?"

    Wie kommt man auf so eine Folgerung? Diese Nachfrage der ZEIT-Redakteure zeigt exemplarich mit welcher Voreingenommenheit und wie tendenziös dieses Interview geführt wurde.

    Chapeau vor Hernn Buschkowsky, daß er das Gespräch nicht einfach abgebrochen hat, sondern beim gelassenen und sachlichen Entgegnen blieb.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Heinz Buschkowsky | Berlin | Integration | Rassismus
Service