ZEIT: Nerven Sie die ständigen Forderungen, hier eine Moschee, da eine Moschee?

Buschkowsky: Die Muslime können so viele Moscheen bauen, wie sie für ihre Religionsausübung benötigen. Mein Anspruch ist nur, dass man meine Distanz respektiert. Auch die Gesellschaft muss zur Wahrung des sozialen Friedens Wert darauf legen, dass sie nicht durch Minderheiten tyrannisiert wird. Wenn bei uns 70 Prozent der Insassen im Jugendarrest Muslime sind, gibt es eben für die anderen 30 Prozent kein Schweinefleisch mehr.

ZEIT: Warum nicht? Im Arrest haben doch nicht die Muslime zu bestimmen, was gegessen wird.

Buschkowsky: Da kommt die Verwaltung und sagt, es lohnt sich nicht, zwei Essen zu machen. Ich stelle mir einfach mal vor, wir haben umgedreht 70 Prozent Christen und 30 Prozent Muslime. Müssen dann alle Schweinekoteletts essen? Wohl kaum. Wäre auch nicht richtig.

ZEIT: Dann also mehr Christen in den Knast?

Buschkowsky: Der Islam als Religion ist nicht mein Thema. Aber Überfrömmigkeit kann den Blick verstellen. Was mich stört, ist dieses ständige »Wir sind die reineren Menschen, wir führen ein gottesfürchtiges Leben, haben eine höhere Moral, befolgen den Koran und verachten Ungläubige«. Haben Sie solche Auftritte schon mal von Hindus erlebt? Von Juden?

ZEIT: Das geht doch auch Muslimen auf die Nerven.

Buschkowsky: Na klar. So wie es viele Katholiken gibt, denen die Familienpolitik des Vatikans auf die Nerven geht. Warum ziehen denn hier die integrierten und etwas besser situierten Einwanderer weg? Denen ist der Fundamentalismus und der Rücksturz um 200 Jahre zuwider. Wie formulierte es eine türkische Sozialarbeiterin? Herr Buschkowsky, tun Sie etwas, damit diese Menschen nicht unser Land ruinieren! O-Ton!

ZEIT: Und, wie schaffen Sie das?

Buschkowsky: Wir müssen dort, wo alle Regeln für einen unverbindlichen Ulk gehalten werden, um den man sich nicht zu kümmern braucht, hin und wieder die Ohren lang ziehen. Auch Integrationspolitik kommt ohne Sanktionen nicht aus. Falschparken wiegt bei uns schwerer als Schulschwänzen.

ZEIT: Wie wollen Sie das ändern?

Buschkowsky: Wir brauchen ein gesellschaftliches System, das schnell und effektiv auf Regelverletzungen reagiert. Wie in den Niederlanden. Dort stehen staatliche Unterstützung und Hilfe zum regelkonformen Verhalten in einem direkten Verhältnis. Die Ansage ist klar: Wenn du nicht mitspielst, ist die Sozialhilfe perdu. Das kennen wir bei uns so nicht. Klaus Wowereit geht sogar so weit, zu sagen: »Wenn Bußgelder aus der Sozialhilfe bezahlt werden, kommen wir an den Punkt, wo die Kinder verhungern.« Wo sind wir denn, dass ein Länderchef so einen Stuss schreibt?

ZEIT: Wo fehlen klare Regeln?

Buschkowsky: Ich möchte, dass die Einwanderer die Kulturriten und die Regeln des Zusammenlebens dieses Landes respektieren. Dazu gehört, dass jeder die gleiche Chance erhält, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Darauf haben als Allererstes die Eltern hinzuwirken. Wenn sie selbst nicht über die Kompetenzen verfügen, erwarte ich, dass sie ihre Kinder so früh wie möglich in den Kindergarten bringen und dafür sorgen, dass sie regelmäßig zur Schule gehen und die Sprache des Landes lernen, in dem sie leben. Ich bin für Kindergartenpflicht und Ganztagsschulen als Regelangebot. Wo Staat dransteht, muss auch Staat drin sein. Kommt das Kind nicht in die Schule, kommt das Kindergeld nicht auf das Konto. Klarer Fall. Die Gesellschaft muss dafür die Infrastruktur bereitstellen. Aber auch die Einwanderer müssen sich bewegen. In der Stadtbücherei bekommen die Kinder die Bücher umsonst. Man braucht kein Geld, um zu lernen. Wer nicht vormachen kann, muss wenigstens motivieren. Ich habe da eine klare Linie. Familien, die Jahrzehnte hier leben und ihren Kindern den Weg in die Gesellschaft versperren, würde ich gern beim Kofferpacken helfen, ehrlich, weil, so wird das nichts.

ZEIT: Die ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John hat mal gesagt, das Hauptintegrationshindernis in Deutschland sei der deutsche Sozialstaat. Stimmt das?

Buschkowsky: Wir verfolgen ein Prinzip des gesellschaftlichen Ablasshandels: Auf jedes Problem einen Geldschein, und gut ist. Wir sagen, hier hast du deinen Scheck, hol dir ein Sixpack, geh nach Hause, und halt den Mund. Wir erkaufen uns sozialen Frieden, wir fordern die Menschen aber nicht auf, zu zeigen, was sie können.

ZEIT: Sie sind in Neukölln geboren und aufgewachsen, Sie haben Ihr ganzes Leben hier verbracht. Werden Sie Neukölln je verlassen?

Buschkowsky: Ob ich als stark vorgealterter Mann einmal Lust verspüre, beim Frühstück auf die Ostsee zu schauen, weiß ich noch nicht. Im Moment habe ich hier noch genug zu tun. Den Kilimandscharo zu besteigen oder gegrillte Heuschrecken in Asien zu essen, darauf habe ich keinen Bock.