Absolventen"Die Mediziner sind am schnellsten"

Wann gründen Absolventen eine Familie? Ein Interview mit der Hochschulforscherin Gesche Brandt. von Anika Kreller

DIE ZEIT: In Ihrer Studie, die diese Woche erscheint, haben Sie untersucht, wie Hochschulabsolventen Berufstätigkeit und die Gründung einer Familie vereinbaren. Wann bekommen denn die meisten Absolventen das erste Kind?

Gesche Brandt: Die wenigsten bekommen gleich nach dem Studium Kinder, mit zunehmendem Abstand vom Abschluss steigt die Anzahl der Eltern. Wir haben rund 5400 Absolventen des Jahrgangs 1997 befragt, zu verschiedenen Zeitpunkten. Ein Jahr nach dem Studium haben 13 Prozent der Frauen ein Kind, nach fünf Jahren 37 Prozent und nach zehn Jahren haben 62 Prozent der Absolventinnen Kinder.

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ZEIT: Bleiben Akademikerinnen eher kinderlos als andere Frauen?

Brandt: Der Anteil kinderloser Frauen ist bei Hochschulabsolventinnen etwas größer als in anderen Bildungs- oder Berufsgruppen. Man kann aber nicht sagen, dass 40 Prozent ohne Kinder bleiben, rund die Hälfte der bisher kinderlosen Absolventinnen möchte noch Kinder bekommen.

ZEIT: Gibt es Unterschiede bei den verschiedenen Fachrichtungen? Bekommen Biologen eher Kinder als zum Beispiel Informatiker?

Brandt: Es gibt tatsächlich Unterschiede zwischen den Fachrichtungen. Bei den Absolventen von Medizin, Psychologie, Pädagogik und Sozialwesen wird jeder zweite bereits in den ersten fünf Jahren nach dem Studium Mutter oder Vater. Andere Hochschulabsolventen, für die es länger dauert, sich beruflich zu etablieren, zögern das Kinderkriegen hinaus. Juristen und Naturwissenschaftler sind meistens noch fünf Jahre nach Studienende kinderlos. Die männlichen Mediziner sind am schnellsten: Sie bekommen häufiger und früher als alle anderen Absolventen Kinder. Vermutlich leben sie häufiger als andere in traditionellen Beziehungen, in denen die Partnerinnen sich ums Kind kümmern.

ZEIT: Sind die Männer allgemein im Vorteil?

Brandt: Für Männer lassen sich keine beruflichen Nachteile erkennen, wenn sie Vater werden. Bei den Frauen hingegen gehen Kinder und Karriere selten miteinander einher.

ZEIT: Hängt der berufliche Erfolg der Frauen also auch davon ab, ob sie Kinder bekommen oder nicht?

Brandt: Absolventinnen mit Kindern sind auf jeden Fall seltener in leitenden beruflichen Positionen und haben geringere Durchschnittseinkommen als Väter oder auch als kinderlose Absolventinnen. Das hängt auch damit zusammen, dass Mütter häufig in Teilzeit beschäftigt sind. Nur vier Prozent der von uns befragten Männer mit Kindern arbeiten in Teilzeit. Bei den Müttern sind es 61 Prozent. Wenn Frauen die Karriere wichtig ist, bekommen sie unserer Studie zufolge seltener Kinder als Frauen, denen Familie wichtig ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie das Kinderkriegen aufschieben wollen bis zu dem Zeitpunkt, wo sie sich beruflich etabliert haben.

ZEIT: Laut Ihrer Studie steigt aber auch etwa ein Viertel der Mütter nur kurz aus dem Beruf aus und ist danach wieder in Vollzeit tätig. Was können die Gründe dafür sein?

Gesche Brandt

Gesche Brandt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim HIS-Institut für Hochschulfotschung und beschäftigt sich mit Absolventen

Brandt: Bei diesen Frauen hat die Berufstätigkeit einen hohen Stellenwert. Für sie kommen Teilzeitstellen weniger infrage. Außerdem ist ein Teil dieser Frauen selbstständig, wodurch sie Kinder und Beruf zeitlich besser vereinbaren können. Und diese Frauen beziehen häufig auch ihren Partner stärker in die Kinderbetreuung ein – wenngleich auch in diesen Fällen die Männer nur selten die Hauptverantwortung für die Kinder tragen.

ZEIT: Können Sie aus Ihrer Studie ablesen, wann der beste Zeitpunkt fürs Kinderkriegen ist, um den beruflichen Wiedereinstieg zu schaffen?

Brandt: Das ist sehr individuell und hängt auch davon ab, inwieweit der Partner sich in die Betreuung einbringen kann oder möchte. Aber sicherlich ist es hilfreich, nach dem Studium erst einmal eine Weile berufstätig zu sein. Für den Wiedereinstieg ist es von Vorteil, wenn die Frau sich vor der Familiengründung beruflich etabliert hat, um so gesichert wieder einsteigen zu können.

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