Private HochschulenGlobuli-Akademie

Über die Gründung privater Hochschulen erlangen Pseudowissenschaften höhere Weihen. von Bernd Kramer

In diesen Tagen ist die Freude in Traunstein groß. Die 18.000-Einwohner-Stadt in Oberbayern bekommt bald eine eigene Hochschule. Bloß was für eine? Im Ort soll die erste europäische Hochschule für Homöopathie eröffnen, getragen von der European Union of Homoeopathy, einem Lobbyverband der Alternativmedizin aus Freiburg. Die ersten Studenten werden im kommenden Jahr erwartet. Eines Tages sollen sie als Homöopathen mit Bachelor- und Mastergrad abschließen. Über das genaue Konzept hüllen sich die Hochschulgründer noch in Schweigen. Die Lokalpolitik ist dafür umso begeisterter: Einstimmig begrüßte der Kreisausschuss das Vorhaben. Landrat Hermann Steinmaßl sieht in der Homöopathie-Hochschule gar einen »wichtigen Baustein für die Bildung und die medizinische Versorgung im Landkreis«. Kritik? Fehlanzeige.

Es wirkt wie ein Schildbürgerstreich: Was die Wissenschaft als wirkungsloses Therapieverfahren ad acta gelegt hat, blüht in der bayerischen Provinz wieder auf. Unzählige Studien zeigen, dass homöopathische Mittel nicht besser helfen als ein Placebo. Mit privatem Geld lässt sich um ein spekulatives Verfahren herum aber offenbar ohne großen Widerstand eine Hochschule bauen. Wie kann das sein?

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Der Traunsteiner Fall zeigt eine Entwicklung, die sich auch andernorts abzeichnet. Die Zahl der privaten Hochschulen ist in den vergangenen Jahren förmlich explodiert und hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. 2000 boten erst 47 Privathochschulen ihre Dienste auf dem deutschen Markt an. Jetzt sind es schon 108. Die privaten machen damit inzwischen rund ein Viertel aller Hochschulen aus. Der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratungsgremium der Politik in Fragen von Forschung und Lehre, sieht die Entwicklung positiv: Die privaten Anbieter böten oft Beispiele für die »erfolgreiche Akademisierung bisher nicht akademischer Berufe«, vor allem im Bildungs- und Gesundheitsbereich, wo sie erste Studiengänge für angehende Erzieher oder Krankenpfleger schaffen und damit oft zu Vorreitern werden.

Wissenschaftlich fragwürdige Inhalte

Einer Studie zufolge, die der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Unternehmensberatung McKinsey 2010 vorlegten, locken die Privathochschulen mit der Aufwertung früherer Ausbildungsberufe gerade die Bevölkerungsschichten in die Hörsäle, die bislang nicht studierten. Doch diese Akademisierung hat Schattenseiten: Private Hochschulen lehren auffällig oft wissenschaftlich fragwürdige Inhalte – ohne dass sie bislang allzu viel zu befürchten hätten.

Die Berliner Steinbeis-Hochschule bietet beispielsweise Studiengänge in Komplementärmedizin an, ebenso wie die Fresenius-Hochschule in Idstein und die Berliner Hochschule für Gesundheit und Sport. An der anthroposophischen Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn kann man sogar einen Bachelor in Eurythmie machen. »Was sich im staatlichen System nicht unterbringen lässt, schmuggelt man in privat organisierte Hochschulen hinein«, kritisiert Martin Mahner von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften.

Nach den wilden Gründerjahren haben sich die Kultusminister im Jahr 2004 darauf verständigt, dass neue Privathochschulen vom Wissenschaftsrat begutachtet werden sollen, ehe sie eine staatliche Anerkennung erhalten. Diese sogenannte institutionelle Akkreditierung privater Hochschulen solle »möglichst vor Betriebsaufnahme, aber spätestens vor der endgültigen Anerkennung durch die Länder« geschehen, so die Empfehlung der Kultusministerkonferenz. Im Akkreditierungsverfahren prüfen Experten des Wissenschaftsrates das Konzept, die Finanzen, das Personal, Betreuungsrelationen und Lehrpläne; sie besuchen die Hochschulen und begutachten Raumausstattung und die Bestände der Bibliotheken. Der Wissenschaftsrat bezeichnet die institutionelle Akkreditierung als »Verfahren der Qualitätssicherung, das klären soll, ob eine Hochschuleinrichtung in der Lage ist, Leistungen in Lehre und Forschung zu erbringen, die anerkannten wissenschaftlichen Maßstäben entsprechen«.

Leserkommentare
    • tfunker
    • 27. September 2012 11:33 Uhr

    Ich persönlich habe viele gute Erfahrungen mit der sog. Alternativmedizin gehabt und viele schlechte mit der sog. Schulmedizin.

    "Was die Wissenschaft als wirkungsloses Therapieverfahren ad acta gelegt hat,..."

    ist eine falsche Prämisse. Das Wirkungsprinzip der Homöopathie ist nicht verstanden. Es existieren aber wissenschaftliche Untersuchungen, die das Wirkungsprinzip der spezifischen Induktion von Symptomen bestätigen.

    Lieber Herr Kramer:
    Wenn nur noch wissenschaftlich arbeitende Methoden an Universitäten zugelassen würden, dann müssten die Journalisten zuerst gehen. Gute Nacht!

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    • xNCx
    • 28. September 2012 19:00 Uhr

    Oh Gott, bitte verschonen Sie uns mit Ihrem Wissen!

    • DerBone
    • 28. September 2012 19:08 Uhr

    Es existieren wissenschaftliche Studien, die eine Wirkung von Homöopathie, über den Placebo-Effekt hinausgehend, widerlegen.
    http://www.thelancet.com/...(05)67177-2/fulltext

    Moin,

    ohne jetzt im Einzelnen auf das Thema Homöopathie, die ich ceterum censeo für obsolet halte, eingehen zu wollen, aber Sie haben im letzten Absatz einen wichtigen Punkt angerissen.
    Der Artikel kritisiert, dass eine "inhaltliche Prüfung im eigentlichen Sinne" kaum statt finde, sondern "lediglich formale Aspekte im Vordergrund stünden".
    Da haben Sie zurecht darauf hingewiesen, das bei einer inhaltlichen Prüfung der vermittelten Inhalte auch wohletablierte Fachrichtungen auf den Prüfstein kämen.
    Und dass dabei manche Kaiser nackt stünden, haben Harald Eia und Alan Sokal nur zu deutlich gemacht.
    Deswegen wird dem bunten Treiben so lange kein Ende gemacht werden bis dann wieder ine Kind im Brunnen liegt.

    CU

    Nun, ich denke auch, dass Leute, die ein wenig besser informiert sind, genau wissen, woher der Wind bei der Schulmedizin weht!!!
    Na ja, und man merkt auch, dass Pharmaindustrie, Krankenkassen, Ärzte und Apotheken sehr wirtschaftlich orientiert arbeiten und man merkt auch als Patient, dass man eher als Kunde im wirtschatlichen Sinn angesehen wird, wenn man sich nicht gerade jeden Tag von allen möglichen Medien voll ballern lässt.
    Na ja und was typische staatliche Hochschulen betrifft, da muss man sich auch fragen, was für ein Niveau die besitzen, wenn man nicht gerade selten liest, dass heutigen Studenten Basisfähigkeiten wie Konzentrationsfähigkeit und Ähnliches fehlen.

  1. Was hat der Autor eigentlich zu meckern? Vielen Menschen hilft Homöopathie und wenn es dazu Studiengänge und Abschlüsse gibt, beinhaltet das ja auch Chancen, die Behandlungsqualität zu steigern. Es wird so unglaublich viel Geld aus Steuermitteln in die herkömmliche Medizin und in die Pharmaindustrie gepumpt, da ist die Homöopathie doch eine günstige Alternative. Welche Ängste hat hier wer, welche Interessen sollen eigentlich vertreten oder geschützt werden und warum diese doch eher abfällige Art zu schreiben?

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    Und wenn sie hilft, dann doch nicht wegen Hahnemanns wirren Fantasien! Globuli sind Plazebos, sonst nichts. Und Plazebo kann auch der Hausarzt verabreichen. Der ist sogar durch ein wissenschaftliches Studium qualifiziert dazu. Ein Bachelor- oder Masterstudiengang im Zuckerkugelnverschreiben ist völlig unnötig.

    Homöopathie ist Glaubenssache und somit Humbug, Abzockerei und Selbstverleugnung.

  2. Ich wüßte nicht, warum man diesen Bereichen die Legitimisierung über fragwürdige Hochschulen verleihen sollte.

    Eine Leserempfehlung
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    Wenn es keine staatliche Förderung gibt und Mediziner und Krankenkassen ehr abgeneigt sind, werden es die neue Hochschule und auch ihre Absolventen schwer genug haben. Dass die Absolventen dann immerhin eine Art Zertifikat bekommen, ist da doch gerechtfertigt.
    Und überhaupt, jeder vierte Frisör wirbt mit seinem Diplom. Diejenigen mit Universitätsdiplom haben deshalb auch noch keine offiziellen Maßnahmen gefordert oder Beschwerde bei der IHK eingelegt. Warum sollte man der Hochschulmedizin hier wieder Sonderrechte einräumen, für deren Forderung andere Akademiker ausgelacht würden?

    geheilt hat. es gibt keine. schlussendlich geheilt hat immer nur die selbstheilung. der mensch hat nichts hervorgebracht was schlussendlich heilte. bitte mehr respekt wenn sie anfangen dinge mit wikungsloser esoterik zu betiteln.

    grosse teile der sogenannten klassischen wissenschaften haben auch nur bestand, weil sie in die modellbeschreibung fuer wissenschaft hineinpassen. wieviel davon 'wirkungslos esoterisch' ist wird man später vielleicht auch herausfinden

    Vielleicht nutzen sie Argumente?

  3. werden sogar so "wissenschaftliche" Fächer wie BWL und Verwaltung unterrichtet :-). Macht die Homöopathie und ihre Quacksalberkollegen aber auch nicht glaubwürdiger...

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    • Sikasuu
    • 28. September 2012 20:26 Uhr

    ... du kannst sogar in Theologie den Dr./Prof machen!
    .
    Das ist Wissenschaft!
    .
    Meint (sehr ironische)
    Sikasuu

    • xNCx
    • 28. September 2012 19:00 Uhr

    Oh Gott, bitte verschonen Sie uns mit Ihrem Wissen!

    Eine Leserempfehlung
    • DerBone
    • 28. September 2012 19:08 Uhr

    Es existieren wissenschaftliche Studien, die eine Wirkung von Homöopathie, über den Placebo-Effekt hinausgehend, widerlegen.
    http://www.thelancet.com/...(05)67177-2/fulltext

    Eine Leserempfehlung
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    • Effbeh
    • 29. September 2012 1:57 Uhr

    Studien, die etwas anderes beweisen. So ist das mit der Wissenschaft.
    Ich persönlich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.

    Wenn sie dazu mal Links zu diesen angeblichen wissenschaftlichen Studien hinzufügen könnten, würde das ihrem Kommentar mehr Halt verleihen.

  4. 7. Warum?

    Wenn es keine staatliche Förderung gibt und Mediziner und Krankenkassen ehr abgeneigt sind, werden es die neue Hochschule und auch ihre Absolventen schwer genug haben. Dass die Absolventen dann immerhin eine Art Zertifikat bekommen, ist da doch gerechtfertigt.
    Und überhaupt, jeder vierte Frisör wirbt mit seinem Diplom. Diejenigen mit Universitätsdiplom haben deshalb auch noch keine offiziellen Maßnahmen gefordert oder Beschwerde bei der IHK eingelegt. Warum sollte man der Hochschulmedizin hier wieder Sonderrechte einräumen, für deren Forderung andere Akademiker ausgelacht würden?

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    Abgeneigt? Die meisten Krankenkassen bezahlen doch den homöopathiscbhen Unfug schon. Da gibt es jede Menge Geld für die Absolventen solcher Quacksalberstudiengänge abzugreifen.

    Nun mag sich jeder behandeln lassen, wo und wie er mag, aber ich gehe lieber zum Arzt. Und ich sehe nicht, dass die Hochschulmedizin eine Sonderrolle beansprucht. Sie wehrt sich nur dagegen, dass unwissenschaftlicher und nachweislich wirkungsloser Mumpitz sich wissenschaftlich nennt und es Bauernfängern erlaubt, Gutgläubige und Verzweifelte auszunehmen (oft genug mit den besten Absichten, das ist ein Teil der Tragik - die Homöopathen glauben ja selbst dran!).

  5. Wenn es sich um Alternativmedizin handelt, wurde entweder nicht bewiesen, dass sie funktioniert; oder bewiesen, dass sie nicht funktioniert.

    Sobald nachgewiesen wurde dass sie funktioniert nennt man sie: Medizin!

    Bei dem o.g. Studiengang handelt es sich tatsaechlich um einen dreijaehrigen, fuer die nicht ganz so fixen Denker um einen fuenfjaehrigen Test. Wer ihn besteht bricht das Studium ab, wer nicht muss fortan einen pseudo Bachelor-/Mastertitel tragen. Dieser dient zur Warnung fuer alle vernuenftigen Arbeitgeber.

    2 Leserempfehlungen
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    • an-i
    • 29. September 2012 9:55 Uhr

    wurde entweder nicht bewiesen, dass sie funktioniert; oder bewiesen, dass sie nicht funktioniert."

    Falsch, wenn man damit Geld verdienen könnte, würde die Pharmaindustrie sofort mitmachen. Nur die Globuli sind preiswert...und wie war das noch?: Was hilft, hat Recht!

    • c.dee
    • 29. September 2012 15:47 Uhr

    Fan von Tim Minchin? ;-)

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