Ingenieure"Ein Drittel ist grauenvoll"

Ein 50 Jahre alter Ingenieur sagt, wie es ist, heute noch einmal zu studieren. von Anika Kreller

DIE ZEIT: Sie sind 50 Jahre alt, Diplom-Ingenieur und Vater von drei Kindern. Warum machen Sie jetzt noch einen Master of Engineering?

Stephan Fischer: Ich wollte in der Mitte des Arbeitslebens noch mal neuen Input bekommen und mein Wissen auffrischen. Mittlerweile studiere ich seit anderthalb Jahren, das heißt im vierten und letzten Semester, und habe viel Spaß an den Fächern, die ich in meinem ersten Studium nicht gemacht habe. Manche gab es damals noch gar nicht, zum Beispiel Baumanagement. Das hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt. Auch Brandschutz gehört dazu.

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ZEIT: Sie haben ein Ingenieurbüro. Wie schaffen Sie das Studium nebenher?

Fischer: Ich betreibe mein Büro nicht in Vollzeit und stimme die Termine mit den Vorlesungen ab. Als die Kinder noch klein waren, habe ich einen Deal mit meiner Frau gemacht, der beinhaltete, dass sie als Lehrerin voll in den Beruf einstieg. Mittlerweile sind unsere Kinder aber groß. Ich kann mich jetzt also auf den Master konzentrieren.

ZEIT: Wie unterscheidet sich das heutige Ingenieursstudium vom damaligen?

Fischer: Früher wurde zwar mehr Praxis vermittelt, es war aber noch verschulter. Man musste einfach einen Katalog an Vorlesungen abarbeiten, Scheine holen, Haken dran. Was früher Vorlesung hieß, heißt heute Modul. Im Master können wir jetzt je nach Interesse aus etwa 25 Modulen wählen.

ZEIT: Finden Sie, das Masterstudium bereitet die Studenten genügend auf den Arbeitsalltag vor?

Fischer: Zum Teil. Ein Drittel der Dozenten macht mit den Studenten Projekte, in denen sie mit realistischen Problemen konfrontiert werden. Ein weiteres Drittel der Dozenten macht ganz ordentliche Arbeit. Und bei einem Drittel ist es grauenvoll. An denen sind Pädagogik und Didaktik vorbeigegangen. Die geben einem die Formeln, und in der Klausur muss man dann nur Zahlen einsetzen und runterrechnen. In der Praxis aber kommt der Kunde mit einem statischen oder baurechtlichen Problem, und ich muss eine Lösung dafür finden. Darauf sollten die Studenten vorbereitet werden.

ZEIT: Viele behaupten, der Dipl.-Ing. sei der bessere Abschluss gewesen. Wie sehen Sie das?

Fischer: Als ich anfing, erneut zu studieren, dachte ich, mein Diplomstudium würde mir anerkannt werden. Es hieß ja, der Bachelor sei weniger wert als ein Fachhochschuldiplom. Stattdessen sagte man mir bei der Anmeldung für den Master, ich könne froh sein, dass ich nicht noch ein paar Credits nachholen müsse. Denn das Ingenieurstudium ging bei mir damals offiziell nur über fünfeinhalb Semester, der Bachelor aber hat sechs Semester. Trotzdem denke ich, dass der Bachelor allein nicht erstrebenswert ist. Er ist sehr verschult. Man sollte immer noch den Master machen, dadurch kommt man auf eine ganz andere Wissensebene.

ZEIT: Wissen Sie schon, was Sie nach dem Studium machen?

Stephan Fischer

Stephan Fischer, 50, studiert Konstruktiver Ingenieurbau/Baumanagement an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden

Fischer: Ich bin jetzt seit 15 Jahren selbstständig und habe noch mal etwa 15 Jahre Berufsleben vor mir. Ich kann mir vorstellen, nach dem Studium noch einmal bei einer Firma anzufangen. Vielleicht werde ich aber auch Lehrer für Mathe und Physik. Das geht in Hessen als Quereinsteiger. Es gefällt mir, jungen Menschen etwas beizubringen.

ZEIT: Bringen Sie Ihren jungen Kommilitonen auch manchmal etwas bei?

Fischer: Es ist schon so, dass ich immer mal Mails von Kommilitonen bekomme, die mich fragen, ob ich über eine Rechnung schauen kann oder was ich zu einer Lösung sage. Ich antworte gerne, denn wenn ich etwas erklären kann, heißt das, ich habe es verstanden.

ZEIT: Widersprechen Sie den Dozenten auch mal?

Fischer: Gelegentlich schon. Einmal hat der Professor eine Aufgabe zum Thema Bauablaufstörung ausgeteilt. Die Informationen waren unvollständig, auf dieser Basis hätte man als Ingenieur nicht anfangen können zu arbeiten. Das habe ich dann auch gesagt.

ZEIT: Und gehen Sie mit Ihren Kommilitonen auf Studentenpartys?

Fischer: Auf einer großen Party war ich noch nicht, aber wir waren mal zusammen in der Kneipe, um das Semester nach den letzten Klausuren gemeinsam ausklingen zu lassen. Am Anfang war das für meine Kommilitonen, glaube ich, ein bisschen komisch: so ein alter Typ, der da rumsitzt. Vom Alter her könnten sie meine Kinder sein, zuerst haben sie mich gesiezt. Jetzt ist das ein ganz natürlicher Umgang miteinander. Ich frage sie auch manchmal nach den Unterlagen, wenn ich mal nicht da sein konnte. Ich bin einer von denen geworden.

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