DIN-InstitutSo läuft’s rund

Beim DIN-Institut sorgen Ingenieure dafür, dass ein Teil zum anderen passt. von Thomas Röbke

Das Haus der Normung

Das Haus der Normung   |  © PR: DIN-Institut

Gerade neulich hat Juliane Jung sich wieder geärgert: »Ich repariere mein Fahrrad, und die Ventile passen nicht – weil sie nicht genormt sind.« Ausgerechnet. Damit uns allen solcher Ärger erspart bleibt, arbeitet die 28-Jährige im Normausschuss »Sport- und Freizeitgeräte« beim DIN, dem Deutschen Institut für Normung in Berlin. Seit Kurzem entwickelt sie mit ihren Kollegen eine Norm »für Fahrradabstellanlagen und Fahrradparksysteme – auch Fahrradständer genannt«.

Am Anfang stehen grundsätzliche Überlegungen: »Das Fahrrad darf beim Einstellen nicht zerkratzen, zu den anderen Rädern muss genug Platz sein, die Lenker müssen aneinander vorbei passen.« Es folgen viele Ausschusssitzungen, und am Ende stehen eine oder mehrere Normen, die zu den bereits bestehenden mehr als 30.000 hinzukommen.

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Dabei ist die Normung kein Selbstzweck, sondern ein nützliches Instrument, das der deutschen Industrie jährlich 16 bis 20 Milliarden Euro einspart, weil sie nicht für unterschiedliche Märkte unterschiedliche Produkte herstellen muss. Und mit dem sie nicht selten den Maßstab setzt – so basieren zwei Drittel des internationalen Normenwerks im Maschinenbau auf deutschen Industrienormen.

Normung ist kein Selbstzweck

Beim DIN arbeiten Akademiker aus allen Sparten der Wirtschaft: Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauwesen, Medizintechnik; Naturwissenschaftler aller Art. Juliane Jung entschied sich für das sechssemestrige Bachelorstudium Sport und Technik in Magdeburg. »Ich wollte nie ganz in der Sportwissenschaft arbeiten, nicht im Fitnessstudio und auch nicht als Lehrerin. Lieber in einem Unternehmen.« Das Studienfach »Normen und Design« führte sie an das Thema heran, ein Stellenaushang des DIN an ihrer Fakultät weckte das Interesse an ihrem heutigen Arbeitgeber: »Obwohl ich zuerst die gleichen Vorurteile hatte wie die meisten, die das DIN nicht näher kennen: Ich hielt es für eine verstaubte Behörde.« Tatsächlich ist das DIN ein gemeinnütziger, privater Verein. Im Februar 2007 fing Jung beim DIN an. Bereut hat sie es nie: »Ich habe immer wieder mit neuen Themen zu tun, und kein Projekt gleicht dem anderen.«

Auch Bernd Reinmüller ist DINler aus Überzeugung. »Neue Projekte, neue Produkte, neue Prüfverfahren – langweilig wird es nie«, sagt er. Der 49-jährige Diplomingenieur der Chemie leitet seit 23 Jahren die Normenausschüsse für Beschichtungsstoffe und Beschichtungen sowie für Pigmente und Füllstoffe. Die Warnung seines Professors habe sich bestätigt: »Wer sich einmal mit Lack befasst, der bleibt daran kleben.« Eine gewisse Detailverliebtheit (»aber auch nicht zu extrem«) sollte man für die Normungsarbeit schon mitbringen, meint Reinmüller. Erklärungsbedürftig sei sein Job unter Nichtfachleuten noch immer: »Ich sage dann: DIN ist dazu da, dass Sachen zusammenpassen.«

Leserkommentare
    • Procyon
    • 19. Oktober 2012 11:40 Uhr

    Es gibt aber auch viele Normen und Vorschriften in Normen, die wirklich nicht hätten sein müssen. Gerade so viel vorschreiben, dass die Interoperabilität gegeben ist, ist in Ordnung, aber mehr bitte nicht!

    Beispiel: (Metrische) Schrauben. Wenn allein die Flankengeometrie genormt wäre und die Form der Fuß-/Kopfausrundung nicht, dann würden moderne Schrauben durchaus einiges mehr an Belastung aushalten können als es im Moment der Fall ist. Aber nein, in der Norm steht halt zu viel drin ...

    Außerdem werden viele experimentelle Daten nicht veröffentlicht, die viel aussagekräftiger sind als die daraus entstandene Norm ... wieso muss ein Sitz für einen Radialwellendichtring gerade auf x HRC gehärtet werden? Damit er 50 Betriebsjahre ohne Leck übersteht? Und wenn ich nur Dichtigkeit für 5 Jahre brauche, auf wie stark härte ich dann?

    • konib
    • 19. Oktober 2012 12:42 Uhr

    Da DIN schon für Deutsches Institut für Normung steht, ist bei DIN-Institut ein Institut zu viel.

    Eine Leserempfehlung
  1. haben die Chinesen unsere Normen vor Jahren
    kopiert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • DerDude
    • 19. Oktober 2012 17:59 Uhr

    Die Fähigkeit, global gültige Normen zu durchzusetzen, spiegelt wirtschaftliche Macht wieder, und erzeugt wirtschaftliche Macht im gleichen Atemzug. Denken Sie nur mal an den ungleichen Kampf zwischen DVD und Bluray.

    Auf manchen Feldern setzen asiatische Länder de fakto die Normen, und deutsche Unternehmen sind praktisch gezwungen ihre Produkte diesen Vorgaben anpassen. Inzwischen gehört zu diesen standard-setzenden Ländern übrigens auch China, zumindest was das Gebiet der Elektromobilität angeht.

    Deshalb - lieber so als anders rum....

    • 2b
    • 19. Oktober 2012 13:13 Uhr

    dynamische Technologieentwicklung???

    (Normierung wie es sein soll, oder Beschreibung, wo die System/Belastungsgrenzen eines Anwendungsbereiches liegen???)

  2. sind schon genormt, sonst würde doch kein Wettkampf einen Sieger hervorbringen und kein Rekord könnte aufgestellt werden. Allenfalls Beinprothesen im Behindertensport bergen da ein Potenzial; aber auch irgendwie nicht, denn auch rein biologische Sprinter müssen sich mit unterschiedlich langen Beinen den Wettkampf stellen. Somit würde ich Frau Jung weiterhin zu Fahrrad raten, immerhin wird da gerade im Breitensport Freizeit- und Verkehrstauglichkeit gefordert. Der Fahrradständer ist da ein schönes Beispiel. Ich selbst fahre gerne mit meinem gut beleuchteten und bebremsten Mountainbike in der Stadt, aber passe mit den Reifen nur selten in einen Ständer, so dass ich immer dann zum Wildparken und -anketten gezwungen werde, wenn sich der öffentliche Ständer nicht auf einen minimalistischen Lehnebogen beschränkt. Mein Rad hat aufgrund der täglichen Ausflüge in das Gestrüpp schon zahlreiche Kratzer und ich komme mir jedes Mal wie Schädling vor, wenn der Löwenzahn den Kopf hängen lässt, nachdem ich mich wieder auf dem Radweg befinde. Bitte, bitte liebes DIN verschaffen Sie da Abhilfe.

    • GDH
    • 19. Oktober 2012 14:42 Uhr

    Zwei Zitate zeigen schon das Problem mit dem Geschäftsmodell des DIN (bzw. dem, was Behörden daraus machen):

    "Genormt wird nicht um des Normens willen, denn nur Normen von allgemeinem Interesse spielen das Geld des Normungsprozesses wieder herein."

    und dann weiter unten

    "Andere Normen werden dadurch angestoßen, dass der Staat gesetzliche Anforderungen erlässt[...]"

    Tatsächlich werden bisweilen Normen über Rechtverordnungen verbindlich erklärt ohne dass diese Normen frei zugänglich sind. Auf diese Weise entstehen bindende Regeln, an die sich jeder halten muss, die man aber garnicht kennen (zumindest nicht vorliegen haben) darf ohne eine Lizenz zu erwerben. Das ist in einem Rechtsstaat eigentlich ein unhaltbarer Zustand (Gesetze müssen öffentlich und frei zugänglich sein).

    Hier sollten Behörden verpflichtet sein, in Gesetzen nur auf Normen Bezug zu nehmen, die gemeinfrei verfügbar sind (ggf. kann das Ministerium ja vorher anbieten, die Rechte zu kaufen - dann können sich die Normungsinstitute aussuchen, ob sie ihre Normen an die Allgemeinheit verkaufen).

    2 Leserempfehlungen
    • DerDude
    • 19. Oktober 2012 17:59 Uhr

    Die Fähigkeit, global gültige Normen zu durchzusetzen, spiegelt wirtschaftliche Macht wieder, und erzeugt wirtschaftliche Macht im gleichen Atemzug. Denken Sie nur mal an den ungleichen Kampf zwischen DVD und Bluray.

    Auf manchen Feldern setzen asiatische Länder de fakto die Normen, und deutsche Unternehmen sind praktisch gezwungen ihre Produkte diesen Vorgaben anpassen. Inzwischen gehört zu diesen standard-setzenden Ländern übrigens auch China, zumindest was das Gebiet der Elektromobilität angeht.

    Deshalb - lieber so als anders rum....

    Antwort auf "Immerhin ...."
  3. Die Sache mit den Fahrradventilen ist sicher ein gutes Beispiel für den, schon genannten, Übereifer.

    Jeder Fahhradhändler hat die 3 möglichen Ventile als Beispiel zur Hand.

    Die sind sicher alle irgendwie genormt. Nur gibt es eben soviele Normen, daß sie auch das Gegenteil bezwecken können.

    Nämlich wie am Anfang geschrieben, daß nichts zusammenpaßt.

    Ich habe z.B. Bei Zylinderstifen ( z.B. DIN EN 22 338 ) schon so viele Normen gesehen, daß ich da keine mehr dazuschreibe.

    Daß die Normung eine gemeinnützige Sache ist, ist nur die halbe Wahrheit.

    Den Umsatz macht der Beuth Verlag.

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