Gerade neulich hat Juliane Jung sich wieder geärgert: »Ich repariere mein Fahrrad, und die Ventile passen nicht – weil sie nicht genormt sind.« Ausgerechnet. Damit uns allen solcher Ärger erspart bleibt, arbeitet die 28-Jährige im Normausschuss »Sport- und Freizeitgeräte« beim DIN, dem Deutschen Institut für Normung in Berlin. Seit Kurzem entwickelt sie mit ihren Kollegen eine Norm »für Fahrradabstellanlagen und Fahrradparksysteme – auch Fahrradständer genannt«.

Am Anfang stehen grundsätzliche Überlegungen: »Das Fahrrad darf beim Einstellen nicht zerkratzen, zu den anderen Rädern muss genug Platz sein, die Lenker müssen aneinander vorbei passen.« Es folgen viele Ausschusssitzungen, und am Ende stehen eine oder mehrere Normen, die zu den bereits bestehenden mehr als 30.000 hinzukommen.

Dabei ist die Normung kein Selbstzweck, sondern ein nützliches Instrument, das der deutschen Industrie jährlich 16 bis 20 Milliarden Euro einspart, weil sie nicht für unterschiedliche Märkte unterschiedliche Produkte herstellen muss. Und mit dem sie nicht selten den Maßstab setzt – so basieren zwei Drittel des internationalen Normenwerks im Maschinenbau auf deutschen Industrienormen.

Normung ist kein Selbstzweck

Beim DIN arbeiten Akademiker aus allen Sparten der Wirtschaft: Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauwesen, Medizintechnik; Naturwissenschaftler aller Art. Juliane Jung entschied sich für das sechssemestrige Bachelorstudium Sport und Technik in Magdeburg. »Ich wollte nie ganz in der Sportwissenschaft arbeiten, nicht im Fitnessstudio und auch nicht als Lehrerin. Lieber in einem Unternehmen.« Das Studienfach »Normen und Design« führte sie an das Thema heran, ein Stellenaushang des DIN an ihrer Fakultät weckte das Interesse an ihrem heutigen Arbeitgeber: »Obwohl ich zuerst die gleichen Vorurteile hatte wie die meisten, die das DIN nicht näher kennen: Ich hielt es für eine verstaubte Behörde.« Tatsächlich ist das DIN ein gemeinnütziger, privater Verein. Im Februar 2007 fing Jung beim DIN an. Bereut hat sie es nie: »Ich habe immer wieder mit neuen Themen zu tun, und kein Projekt gleicht dem anderen.«

Auch Bernd Reinmüller ist DINler aus Überzeugung. »Neue Projekte, neue Produkte, neue Prüfverfahren – langweilig wird es nie«, sagt er. Der 49-jährige Diplomingenieur der Chemie leitet seit 23 Jahren die Normenausschüsse für Beschichtungsstoffe und Beschichtungen sowie für Pigmente und Füllstoffe. Die Warnung seines Professors habe sich bestätigt: »Wer sich einmal mit Lack befasst, der bleibt daran kleben.« Eine gewisse Detailverliebtheit (»aber auch nicht zu extrem«) sollte man für die Normungsarbeit schon mitbringen, meint Reinmüller. Erklärungsbedürftig sei sein Job unter Nichtfachleuten noch immer: »Ich sage dann: DIN ist dazu da, dass Sachen zusammenpassen.«