DIE ZEIT: Herr Herzog, die Schweiz wird langsam so, wie Sie sie immer haben wollten: urban. Sind Sie zufrieden?

Jacques Herzog: Die Schweizer Landschaft füllt sich zunehmend auf – wird dabei aber nicht automatisch urban. Es gibt keine Konzepte und keine Strategie, diese Auffüllung in Quartiere mit urbaner Qualität und Dichte umzuformen.

ZEIT: Aber in dieser aufgefüllten Schweiz widerspiegelt sich doch die freiheitliche Ordnung, die das Land auszeichnet.

Herzog: Ja, die Schweiz ist so, wie wir Schweizer sie wollen. Befragungen zeigen, dass die Menschen ihre Städte so lieben, wie sie sind. Gemeint sind dabei aber vor allem die dichten, in Quartiere unterscheidbaren Teile der Stadt, nicht die Agglomerationen. Die Auffüllung hat offenbar noch nicht ein Ausmaß angenommen, das die Menschen in ihrer Wahrnehmung der Schweiz stört. Ich denke aber nicht, dass die Konzeptlosigkeit und Banalität der Agglomerationen den Menschen egal ist oder ihrem idealen Stadtbild gar entspricht.

ZEIT: Kennen Sie Vorbilder für verdichtetes Bauen?

Herzog: Ja, es gibt viele Möglichkeiten, eine Stadt zu verdichten. Beispiel Japan. Tokio ist eine asiatische Stadt, wo die Massenkultur eine Tradition hat und deshalb andere Szenarien als bei uns möglich sind. Es ist dennoch anregend, was eine jüngere Architektengeneration dort praktiziert. Da versucht etwa das Studio Bow-Wow mit sogenannter pet architecture die bestehende Stadt mit neuen Wohnformen zu infiltrieren und zu verdichten. Ihre Miniaturhäuser füllen die Lücken in der Stadt. Sie gehen konsequent von der Frage aus: Wie leben die Bewohner in unseren Häusern? Sind die etablierten Wohnstandards wirklich sakrosankt? Müssen die Häuser für die Ewigkeit gebaut sein? Entscheidend ist aber, dass diese Architektur außerhalb der behördlich geplanten Stadt – und dennoch innerhalb der geltenden Rechtsnormen entstehen kann.

ZEIT: Sie meinen also, dass es keine Richtlinien von oben braucht, sondern sauberes Management.

Herzog: Es braucht mehr als ein sauberes Management, es braucht neue Konzepte, die von interdisziplinären Teams entwickelt werden müssen. Damit dies erfolgreich sein kann, braucht es auch Juristen, Ökonomen, Soziologen und nicht nur Architekten, die mitmachen.

ZEIT: Sie selber dachten mal anders. Nach 1968 wurden die Soziologen von der ETH gejagt, und Sie sagten später dazu: »Nun konnte man endlich wieder über die Form diskutieren.«

Herzog: Ja, die Rückkehr zu »Architektur ist Architektur« war damals fundamental. Es wurde ja nächtelang bloß diskutiert und nichts gemacht. Heute ist die Situation ganz anders: Es fehlt der Dialog darüber, was Architektur und Stadt für unsere Gesellschaft überhaupt bewirken sollen. Architektur – wie wir sie verstehen – ist nur dann interessant, wenn sie sowohl eine sinnliche als auch eine intellektuelle und diskursive Seite hat.

ZEIT: Eigentlich wäre die Schweiz für diese Graswurzel-Planung der ideale Ort. Von Architekten hörten wir in den letzten Jahren aber vor allem Publikumsbeschimpfungen. Haben Sie sich geirrt?

Herzog: Wir haben vielleicht gelernt, dass man so nicht weiterkommt. Der erhobene Mahnfinger ist nicht »cool«. Der Föderalismus ist die Stärke der Schweiz, daraus könnte eine urbane Kraft werden. Das wäre ein neuer Gedanke.

ZEIT: Das würde für Architekten bedeuten...

Herzog: ... neue Rollen zu übernehmen...

ZEIT: ...und auch die Kleinarbeit in den Gemeinden zu machen.

Herzog: Diese Idee gab es bereits in den siebziger Jahren, in der Nachfolge des Soziologen Lucius Burkhardt, der mit Max Frisch und Markus Kutter das bekannte Pamphlet Achtung: Die Schweiz schrieb. Die Zeit war damals aber eine ganz andere. Die Jungen – auch wir – dachten: Jetzt kommt eine neue Gesellschaft. Da war ein revolutionärer Funke vorhanden. Heute ist der Bottom-up-Gedanke nicht ein gesellschaftspolitisches, sondern eher ein pragmatisches Konzept. Vielleicht ist dieser Pragmatismus besser als die einstige »Vision«, vielleicht bringt es einen breiteren Konsens, vielleicht muss man gewisse Dinge anders angehen: rationaler, ohne visionäre Hintergedanken.

ZEIT: Trotzdem: Architekten müssten umdenken.

Herzog: Alle müssen immer wieder umdenken, aber vergessen wir nicht: Der Architekt ist von jeher ein Generalist, dessen Anliegen ganzheitlicher ist als etwa jenes des Werbers, des Journalisten, des Juristen oder des Generalunternehmers.