Julia SchrammVom Star zum Opfer im Netz

Die Kommunikation im Internet ist voller Fallen. Selbst die Piratenpolitikerin Julia Schramm verfing sich darin. von 

Das Internet ist ein gefährlicher Ort. Selbst Menschen, die das Netz als ihren natürlichen Lebensraum betrachten, können darin scheitern, wie das Beispiel der Piratenpolitikerin Julia Schramm zeigt. Ihr Schiffbruch offenbart einen Selbstwiderspruch, den weder die Sphäre des Web noch die der Politik verzeihen kann: Sie hat ihr eigenes Medium nicht verstanden.

»Mein Name ist Julia, und ich lebe im Internet. Ich bin da ziemlich glücklich, habe Freunde, die ich nur digital kenne und abschalten kann, wann ich will.« Mit dieser Idylle beginnt ein autobiografisches Buch, das sie dieser Tage veröffentlicht hat – aber unglückseligerweise in traditionell verlegter Form, zum Kaufen im Buchhandel, und nicht etwa als Datei zum kostenlosen Download im Netz, wie es die Autorin eigentlich hätte machen müssen. Denn Julia Schramm ist eine bekennende Verächterin des Urheberrechts, eine der radikalsten und prominentesten, sie fände geistiges Eigentum »ekelhaft«, äußerte sie einmal. Was will sie dann im Verlagsgeschäft? Um den Widerspruch auf die Spitze zu treiben, haben ihre Freunde im Netz jetzt eine Datei des Buches zur freien Raubkopie bereitgestellt. Und was tun Julia Schramm und ihr Verlag? Sie lassen die Datei so schnell wie möglich verschwinden und bedrohen jeden mit Abmahnung, der von ihr Gebrauch machen sollte, falls sich eine Kopie noch irgendwo finden sollte – was im Labyrinth des Netzes mehr als wahrscheinlich ist.

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Schneller dürfte politische Glaubwürdigkeit noch nie verspielt worden sein. Jetzt wird sich zeigen, wie das mit dem Glück und den Freunden im Internet ist – das heißt, wer wen abschaltet, wenn er den nötigen Verdruss verspürt. Klick mich heißt der neckische Titel von Julia Schramms Buch, und der Aufforderung werden gewiss viele nachkommen: zum Wegklicken. Der Gerechtigkeit halber muss man allerdings sagen, dass Personen der Öffentlichkeit sich schon vor Erfindung des Netzes in gefährliche Selbstwidersprüche verstrickt haben. Cicero, einer der berühmtesten Politiker und Autoren der Antike, wechselte zwischen den Protagonisten des römischen Bürgerkrieges, zwischen Marc Anton und Octavian, so lange hin und her und hielt für jedes der Lager so eindrucksvolle, tief überzeugte Reden, dass schließlich jede Autorität dahin war. Themistokles, der glänzende Verteidiger athenischer Freiheit gegen die persische Monarchie, lief am Ende seines Lebens zum Großkönig über – was ihn in der griechischen Öffentlichkeit vom demokratischen Freiheitshelden zum Hasardeur, wenn nicht Lakaien machte.

Seitenwechsel sind in der Politik nicht immer tödlich – aber immer dann, wenn die Sache der einen Seite mit einem Maß an ideologischer Überhöhung vertreten wurde, dass der Übertritt ins andere Lager nicht mehr als taktisch, noch nicht einmal als opportunistisch, sondern als blanker Verrat, als Ausweis bodenloser Charakterlosigkeit erlebt wird. Angela Merkel, deren Hin und Her in der Finanzkrise gewiss nicht prinzipienfest war, hat es doch klug vermieden, jemals irgendeine ihrer vorübergehenden Positionen ideologisch zu begründen. Das war schlimm in den Augen ihrer Kritiker, die Prinzipientreue gerne hätten – aber nicht schlimm für sie, die etwas anderes als Pragmatismus niemals versprach.

Und vor allem: Das Drama der Merkelschen Krisenbewältigung wird nicht im Netz uraufgeführt. Es spiegelt sich nur dort – wie sich alles im Netz spiegelt. Das ist ein bedeutender Unterschied. Angela Merkel kann sich an die üblichen politischen Teilöffentlichkeiten wenden, an das Parlament, das Kabinett, die Partei; an das Plenum internationaler Gipfeltreffen oder kaum sichtbare Diplomatenkreise; schließlich auch an eine allgemeine, aber immer medial vermittelte Öffentlichkeit, sieht man von ihrem Podcast einmal ab. Mit anderen Worten: Es sind deutlich verschiedene, voneinander abgegrenzte Sprechakte, je nach Publikum und Adressat, und selbst Botschaften direkt ans Volk haben ihre eigentümliche, definierte Form wie in den Weihnachtsansprachen oder werden von Journalisten übermittelt, also gewohnheitsmäßigen Übersetzern.

Nirgendwo schießen diese Sprechakte unvermittelt zusammen oder treffen auf ungeübte Ohren. Sie verlieren auch ihre zeitliche Ordnung nicht. Es gibt nur einen Ort, wo dies geschehen könnte – wo nicht mehr kalkulierbar ist, zu wem man spricht, und wo Entstehung und Zeit einer Wortmeldung unsichtbar werden: Das ist das Internet. Man überlege sich nur einmal, was im Netz mit dem politischen Denker Heinrich Heine geschehen wäre, dessen Position sich im Laufe seines Lebens vom Demokraten zum Kommunisten und schließlich Monarchisten wandelte. Jede Phase seines Denkens hätte die andere unrettbar denunziert, obwohl Jahrzehnte zwischen ihnen lagen und Heines charakteristische Dialektik im Übrigen auch nahelegte, jeweils eine Gegenposition zur herrschenden Meinung zu artikulieren.

Heinrich Heine, der bedeutendste Gesellschaftskritiker vor Marx und Nietzsche, wäre im Netz nichts als eine verlachte Hassfigur – wenig mehr als eine Julia Schramm, die gestern das Urheberrecht verachtet und heute die Profite daraus sichern möchte. Nun wird man zugeben müssen, dass Schramm ihre Positionen auch nach Maßstäben der Dialektik deutlich zu rasch und unvermittelt gewechselt hat. Aber in einer anderen Kommunikationsumgebung hätte man doch von gewandelter Einsicht sprechen können oder sogar eine Unterscheidung gemacht zwischen der politischen Person und der Geld verdienenden Privatperson – vielleicht jedenfalls.

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