Medizinbetrieb"Klappe halten und wegsehen"

So kennen sie den Alltag im Medizinbetrieb. Sie haben erfahren, dass manchmal der Profit wichtiger als das Wohl des Patienten ist. Ein Gespräch über das, was sich in Krankenhäusern ändern muss von  und

DIE ZEIT: Einige von Ihnen haben uns Leserbriefe geschrieben, in denen Sie die Folgen eines durchökonomisierten Klinikalltags beklagen. Können Sie Beispiele erzählen?

Ursula Stüwe

65, war zunächst Krankenschwester und dann Chirurgin in einem kommunalen Krankenhaus in Wiesbaden. Von 2004 bis 2008 war sie Präsidentin der Landesärztekammer Hessen und Stellvertretende Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Hessen.

Ursula Stüwe: Ich kann Ihnen eines aus meiner Familie nennen: Da bekam eine junge Frau ein Kind, das kurz nach der Geburt in die Kinderklinik verlegt wurde, zur Überwachung wegen angeblicher Herzgeräusche. Dort sollte es für 48 Stunden bleiben, obwohl es keinen krankhaften Befund gab. Die Eltern waren natürlich total beunruhigt. Ich fragte die Ärztin, ob Ihre Entscheidung vielleicht etwas mit der Mindestverweildauer zu tun habe. Wenn diese nicht eingehalten wird, gibt es weniger Geld von der Kasse. Und in der Tat: die Kollegin konnte keinen medizinischen Grund nennen.

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Susanne Sänger: Man hört im Arbeitsalltag ständig den Satz: Das machen wir jetzt so, sonst bekommt die Abteilung kein Geld. Zum Beispiel, wenn ein Rückenpatient zur Schmerztherapie in der Chirurgie aufgenommen wird und dort bleibt, obwohl seine Befunde eher auf eine urologische Erkrankung hindeuten.

ZEIT: Sie behaupten also, dass in diesen Fällen betriebswirtschaftliche Ziele der Klinik den Vorrang vor dem medizinisch Angebrachten haben?

Urban Wiesing

54, ist Arzt und Philosoph. Er leitet das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen.

Urban Wiesing: Ich wäre da vorsichtig. Das sind Einzelfälle, bei denen Sie schlecht nachweisen können, dass es um ökonomische Einflüsse geht. Medizin ist nun einmal uneindeutig, sie fordert komplexe Entscheidungen, die können Sie nie mit mathematischer Exaktheit fällen.

Paul Brandenburg: Aber in diesem Graubereich wird tendenziell das gemacht, was vom Haus gewünscht wird.

Wiesing: Ich glaube trotzdem, dass wir nicht auf Einzelfälle schauen sollten, sondern auf die generelle Frage: Werden falsche Entscheidungen getroffen, weil es seit einigen Jahren Fallpauschalen gibt, die bestimmte Prozeduren besser honorieren als andere? Machen wir deswegen in Deutschland insgesamt zu viel? Führt das Anreizsystem zum Beispiel dazu, dass zu viel operiert wird?

Paul Brandenburg

34, ist Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin. Seine Ausbildung zum Chirurgen hat er abgebrochen und ist in die Notfallmedizin gewechselt. Heute arbeitet er selbstständig für verschiedene Krankenhäuser.

Brandenburg: Orthopäden sagen immer so schön, wenn man nur einen Hammer hat, sehen viele Probleme aus wie ein Nagel. Was man sicher sagen kann, ist, dass es bestimmte Moden gibt. Im Moment werden beispielsweise komplexe Herzfrequenzanalysen besonders gut honoriert. Und siehe da, die steigen. Oder: In kaum einem anderen Land wird so viel katheterisiert wie in Deutschland. Es gibt Kliniken, die man als Notarzt vermeidet, weil man genau weiß: Wenn sich dort der Patient einmal an die Brust fasst, kriegt er prompt einen Herzkatheter. Das ist ein Eingriff, der Leben retten kann. Aber es gibt eben auch Risiken. Da wird ein Schnitt in die Leistenarterie gemacht und dann ein Draht bis zum Herzen geführt. Und natürlich kann es da Komplikationen geben, man kann die Gefäße beschädigen, man kann allergische Reaktionen verursachen, man kann sogar einen Herzinfarkt auslösen.

ZEIT: Und deshalb kommt es vor, dass Sie als Notarzt entscheiden: Diese Klinik fahre ich nicht an, dort bekommt der Patient vielleicht einen unnötigen Eingriff?

Brandenburg: Ja. Man kann sich beispielsweise sicher sein, dass eine vierzigjährige Frau, die fit und schlank ist und gerade Psychostress hat, höchstwahrscheinlich keinen Herzinfarkt hat, wenn sie ein Engegefühl in der Brust verspürt. Da entscheide ich mich als Notarzt manchmal gegen Klinik A, weil ich weiß, da heißt es gleich: durchfahren zum Herzkatheter.

ZEIT: Vielleicht besser, als eine Krankheit unentdeckt zu lassen?

Brandenburg: Schon – andererseits gibt es Studien, nach denen bis zu einem Prozent aller Behandelten an diesem Eingriff sterben.

ZEIT: Wie bitte?

Brandenburg: Natürlich ist diese scheinbar hohe Zahl auch der Tatsache geschuldet, dass die Patienten in der Regel schwer krank sind – es gibt also keinen Grund, Angst vor einer solchen Untersuchung zu haben. Aber die Indikation muss eben sorgfältig gestellt werden.

ZEIT: Und das wird sie nicht?

Wiesing: Wir beobachten in den vergangenen Jahren tatsächlich eine Zunahme bestimmter Eingriffe, die wir nicht medizinisch erklären können, auch nicht mit der älter werdenden Bevölkerung. Wir sind Weltmeister im Katheterisieren, bei Endoprothesen – dabei leben wir überhaupt nicht länger als andere Nationen.

Leserkommentare
  1. ... und der Erwartungshaltung.

    Man stellt berechtigt die Systemfragen, wenn man anzweifelt, ob der Arzt, welcher nur dann verdient, wenn er eine Mindestanzahl Fälle und Verweildauer produziert, noch in der Lage ist, objektiv zu urteilen.

    Ja, so objektiv wie ein Anlageberater, der nur dann verdient, wenn ein neuer Vertrag abgeschlossen wird.

    Die Ärzte befinden sich also in guter Gesellschaft, denn das System ist nun mal so aufgestellt, dass wir entweder richtig oder rein monetär fixiert handeln können.

    Fragen Sie sich offen, wie die Entscheidung oft ausfällt ... zumal die wenigen, die dem richtigen Handeln den Vorzug geben, nicht selten als die Dummen dargestellt werden, zusätzlich zu den Karrierenachteilen, welche sie ohnehin erfahren.

    2 Leserempfehlungen
  2. Mir ist ein Fall bekannt, in dem sich ein Intensivmediziner bei der Klinikleitung dafür rechtfertigen musste, einer jungen Frau nicht mittels RadikalOP, sondern mit einem sündhaft teueren Gerinnungsmittel das Leben gerettet zu haben. Eine OP sei doch schließlich viel billiger gekommen, dann hätte sie eben keine Kinder mehr bekommen können, sie solle schließlich froh sein, dass sie noch lebe.

    In einer mir bekannten Psychiatrie bekommen die Patienten regelhaft einen Schweregrad mehr diagnostiziert, als sie eigentlich haben, damit die höhere Fallpauschale eingesackt werden kann. Dass die Patientin "draußen" mit einer psychiatrischen Diagnose ohnehin schon nicht ganz gesegnet sind, scheint da nicht weiter zu interessieren.

    2 Leserempfehlungen
  3. Der Artikel offenbart fundamentale Charakterschwächen und für viele Patienten ist das erschreckend. Nicht nur, dass sie mit ihrer Krankheit bereits genug belastet sind, nein, jetzt sollen sie im Prinzip eine Zweitdiagnose an sich selbst durchführen um die ökonomischen Ansprüche von Kliniken und einem Teil der Ärzte abzuwehren. Wir haben ein Gesundheitssystem, das Kranke produziert und verwaltet, weil der falsche Anreiz gesetzt wird. Aber ehrlich gesagt, von einem Mediziner, der auf Basis höchster Ethik arbeiten sollte, darf der Patient den höchst möglichen Nutzen für seine Genesuing erwarten und fordern. Viele Patienten und Ärtze vergessen leider oft, dass der Patien Auftraggeber ist und über die Weisungshoheit verfügt. Das Geschilderte, vor allem auch über unnötige und damit gefährliche Eingriffe, ist mEn ein krimineller Akt. Viele gute Ärtze scheitern an diesem System, aber genau diese sind es, die wir für eine humane Medizin brauchen. Der Patient muss heute also den Privatarzt und den Rechtsanwalt in die Klinik mitbringen, waas für ein Wahnsinn. Man muss aufhören die Krankheit zu verwalten und endlich wieder anfangen zu heilen. Diese Frage der Ethik bleibt aber vorerst dem Diktat des Profits unterwofen. Es wäre an der Zeit, dass sich die Ärzte anfangen dagegen zu whren. Seien sie mutig, für sich und den Patienten.

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    Meine Güte, so früh am Morgen: Es heisst natürlich überall "Ärzte"!

  4. 4. OOOOPS

    Meine Güte, so früh am Morgen: Es heisst natürlich überall "Ärzte"!

    • ad hoc
    • 27. September 2012 9:25 Uhr

    Zitat Wiesing:" Richtig, wir haben eine höhere Arbeitsverdichtung, sowohl beim Pflegepersonal als auch bei den Ärzten. Das hat aber auch Vorteile...Jeder Arzt, der rumsitzt und nichts tut, wird bezahlt – das ist Verschwendung."
    Wiesing ist Arzt und Philosoph, erstaunlich - laut seiner Kommentare hätte ich ja Ökonom vermutet.

    Ärzte und Pflegepersonal, Menschen die immer wieder in Notfallsituationen extrem gefordert sind und wichtige Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit treffen und handeln müssen, brauchen auch Ausgleichszeiten.
    Und Zeit zur Reflexion.
    Gerade diesen Zwang zur Auslastung bis zur letzten Minute halte ich für eine der Ursachen des Problems des status quo.

    3 Leserempfehlungen
  5. Wenig von dem, was im Artikel anklingt, ist falsch. Ich sehe nur zwei Probleme dieses Interviews. Erstens, es spricht zu viele Probleme gleichzeitig an. Zweitens erweckt es den Eindruck, das Gesundheitssystem in Deutschland bestehe ausschließlich aus diesen Problemen. Ich habe Erfahrung sowohl theoretischer wie auch praktischer Natur mit den Gesundheitssystemen anderer (Industrie)länder. Ich kann nur sagen, es gibt kein perfektes. Gewisse Probleme, die wir haben, sind in anderen Ländern vorbildlich gelöst, dort wiederum funktionieren andere Dinge nicht, die bei uns selbstverständlich sind. Bei begrenzten finanziellen Mitteln wird ein Gesundheitssystem für alle immer ein Kompromiss widerstrebender Ziele sein müssen. Innerhalb dieses Rahmens sollten wir alle (Ärzte, Pflegepersonal, Patienten) an einer stetigen Verbesserung arbeiten und Fehlentwicklungen offen ansprechen und auch dagegen angehen. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, dass wir in Deutschland trotz allem eines der besten Gesundheitssysteme haben, um das uns ein großer Teil der Welt beneidet. Ein pragmatischer Realismus ist in meinen Augen hierbei angesagt, weder Idealismus noch Alarmismus bringen uns hier weiter.

    3 Leserempfehlungen
    • etiam
    • 27. September 2012 9:40 Uhr

    Die Verwässerung objektiv medizinischer Entscheidungen durch andere Faktoren ist grundsätzlich unvermeidbar. Auch früher war die Entscheidung wie ein Arzt in einem konkreten Fall vorgeht von so fachfremden Erwägungen beeinflusst, wie von der Frage, ob er gleich noch was vorhat, ob er das neu erworbene Gerät/ die neu erlernte Technik endlich einmal einsetzen kann, ob er einen weiteren Patienten in eine Studie aufnehmen kann oder schließlich ob er mit einer Entscheidung mehr oder weniger Geld verdient.
    Kein Mensch=Subjekt entscheidet völlig objektiv!
    Allein das Bewusstsein um die eigene Subjektivität fördert den zwingend notwendigen ethischen Abwägungsprozess.
    Das Problem beginnt, wenn die Entscheidungen aufgetrennt werden und der Arzt die ethische Abwägung nicht mehr für sich vornehmen kann.
    Wenn ich als Chefarzt die Flexibilität von Honorarärzten gegen deren Unkenntnis in Bezug auf lokale Gegebenheiten abwäge, dann tue ich das nur dann in ausgewogener Weise, wenn ich Vor- und Nachteile selbst tragen muss.
    Wenn ich einen unerfahrenen NAchtdienst einteile, muss ich selbst aus dem Bett, wenn es hoch hergeht.
    Wenn der KH-Ökonom etwas entscheidet, bekommt er die Nachteile meist gar nicht mit.
    Finanzielle und fachliche Verantwortung sind nicht trennbar!

  6. ist ja der Hammer!

    All das ist den meisten Klinikpatienten nicht fremd, aber das aus dem Mund mehrerer Ärzte zu hören resp. zu lesen, hat das Potential eines griechischen Trauerspiel's : Katharsis - wenn von der Gesellschaft und den zuständigen Entscheidern darauf gehört würde.

    Eigentlich ist dafür der Zeitpunkt sozusagen 5 Minuten vor Zwölf - oder noch später. Wenn wir so weitermachen - Vertrauen in die Bedeutung und Akzeptanz ärztlicher Ethik - adé! Aber nicht, weil die Ärzte menschlich oder medizinisch/technisch nichts taugen würden, sondern weil sie erlaubt haben, dass sich eine solche Entwicklung zur Priorität von Macht- und Renditeaspekten verselbstständigt hat. Und natürlich fusst diese Erlaubnis auf einem vorausgehenden gesellschaftlichen Trend: nur noch für wesentlich zu halten, was Rendite bringt.

    Dieses System ist einseitig und deshalb krank und wie krank es ist, ist für jeden, der hinschauen will, schon erschreckend. Es braucht eine klare Diagnose und eine angemessene Therapie. Die Diagnose heisst Rendidose, mit intermediären aktiven Rendititisphasen. Und die Therapie sollte deutlich auch vor dem oben genannten (sehr begrüßenswerten) Manifest für eine menschliche Medizin ansetzen: eine verbindliche Eignungsprüfung für angehende Mediziner, die nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten berücksichtigt (Numerus clausus), sondern auch die emotionalen Fähigkeiten (Interesse an Ethik, Hilfsbereitschaft etc.) in die Auswahl einbezieht.

    Eine Leserempfehlung

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