Diese Worte kennt jeder Arzt: "Ich werde ärztliche Verordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden..." So steht es in jenem berühmten Eid aus der Antike, der nach dem griechischen Arzt Hippokrates benannt ist. Heute, 2.500 Jahre später, schwören Mediziner zwar nicht mehr bei den Göttern Apollon und Asklepios. Doch die wichtigsten Gedanken dieser Ethik gelten noch immer: das Primat des Patientenwohls. Die Schweigepflicht. Das Euthanasieverbot. Oder das primum non nocere: das Gebot, einen Eingriff eher zu unterlassen, als künftige Beeinträchtigungen, gar den Tod zu riskieren.

Aber Papier ist geduldig, und in den Widersprüchen des Alltags verlieren sich die Ideale allzu oft. Wie groß der Leidensdruck vieler Ärzte mittlerweile ist, belegt die Flut von Leserbriefen, die uns nach Erscheinen unserer Titelgeschichte Das Ende der Schweigepflicht erreichte. Darin hatten Ärzte aus dem Alltag ihrer Krankenhäuser berichtet und geklagt, wie sie immer häufiger in den Interessenskonflikt zwischen dem Wohl der Patienten und den Gewinnerwartungen ihres Hauses gerieten. Berichtet wurde von unnötigen Therapien, die aus finanziellen Gründen angeordnet wurden, oder davon, dass Kliniken Patienten nicht gehen ließen, für die es lukrative Pauschalen zu kassieren gab.

Die Ärzte und Ärztinnen, die uns diese Fälle erzählten, hatten anonym bleiben wollen. Nur so schien es ihnen möglich, weiter zu arbeiten, ohne vom Arbeitgeber oder von geschädigten Patienten verklagt zu werden. Doch das überwältigende Echo, das die Berichte auslösten, macht klar: Die bitteren Erfahrungen sind keine Einzelfälle. Auch die Mehrheit unserer Leserbriefschreiber, darunter viele Ärzte, beklagte, dass in deutschen Krankenhäusern ein brutaler Verteilungskampf tobt, bei dem das Überleben des Hauses immer wieder Vorrang hat vor einer adäquaten Behandlung der Patienten.

Bleibt der Patient zu lange – weil er alt ist oder gebrechlich –, zahlt die Klinik drauf

Ein entscheidender Grund liegt im veränderten Finanzierungssystem von Krankenhäusern und Arztpraxen. Seit 2003 bekommen die deutschen Kliniken keine Tagessätze mehr. Sie werden nach Fallpauschalen bezahlt, die sich aus der Einlieferungsdiagnose errechnen. Für eine künstliche Hüfte gibt es eine anderen Pauschale als für einen Herzinfarkt. Wenn die Patienten länger bleiben müssen, als es die einkalkulierte Verweildauer vorsieht – weil sie alt und gebrechlich sind oder weil es Wartezeiten bei den Untersuchungen gibt –, dann geht die längere Liegezeit zulasten des Krankenhauses.

Das ist ein Anreiz, schneller zu arbeiten. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer wurde zwischen 2000 und 2010 um zwei Tage auf 7,8 Tage verkürzt. Das trug dazu bei, dass die Krankenhausausgaben in Deutschland seit Jahren stabil bleiben, obwohl die Bevölkerung älter wird und der medizinische Fortschritt neue Möglichkeiten bietet.

Zugleich sorgte die Pauschalabrechnung dafür, dass die Effizienz von Krankenhäusern vergleichbar wurde und sich der Wettbewerb der Kliniken erhitzte. Wer es nicht schafft, wirtschaftlich zu arbeiten, der kann nun überführt werden – und wird früher oder später fusioniert, privatisiert oder geschlossen.