Kunst der GegenwartHier ist das Leben!

Wie steht’s eigentlich um die Kunst der Gegenwart? Ein kleiner Erfahrungsbericht. von 

Ein Verlust ist zu vermelden, doch hält sich die Trauer in Grenzen. So gut wie niemand vermisst das große Kunstgerumpel von einst, all die schrillen, stinkenden, stechenden Gesten des Schocks und der Provokation. Heute mag kaum noch ein Künstler den Bürgerschreck geben. Kein Blutgesudel mehr, keine Selbstverstümmelungen im Namen einer höheren Wahrheit. Binnen weniger Jahre hat sich das Wollen und Wirken vieler Gegenwartskünstler gewandelt: Wo Gewalt war, ist jetzt Wohlgefallen. Wo Verzweiflung wohnte, weht ein milder Geist der Güte.

Mitunter kann das sogar ein semireligiöser Geist sein, etwa auf der Mediations Biennale in Posen, die Mitte September begann. Ungewöhnlich weihevoll geht es dort zu, vieles träumt, vieles raunt, vieles ist auf theatralische Weise gedämpft. Unter dem Motto »The Unknown« fahndet diese Biennale nach einer Kraft, die nicht zu greifen, die nur zu ahnen ist. Und nicht zufällig lassen sich die Kuratoren von christlicher Seite unterstützen.

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Allerdings, von Jesus, Maria und anderweitigem Kirchenpersonal wollen die Künstler nichts wissen. Für sie ist das Ungewusste vor allem das Ungefähre, sie halten die Dinge in der Schwebe. Der Koreaner Kibong Rhee zum Beispiel, der ein nachtblaues Aquarium nach Posen verbracht hat, um dort im Strudel der Blasen einen höchst seltsamen Fisch treiben zu lassen, einen Bücherrochen, der beschwingt durchs Becken trudelt und mit seinen eng bedruckten Seiten winkt. Das schwere Wissen, hier scheint es schwerelos. Und egal, welche Wahrheit in diesem Buch stehen mag: Sie steht nicht fest. Sie ist nicht eingeklemmt zwischen zwei Deckeln, sondern entfaltet, wandelt, entblättert sich. Liquide Gelehrsamkeit.

Daher kann man diesen Bücherfisch, obwohl wir ihn auf dieser Seite zeigen, eigentlich nicht abbilden. Man muss ihn mit den eigenen Augen sehen, wie er vom Wasserstrudel erfasst wird, sich sträubt, sich gleiten lässt. Er lässt sich nicht einfangen, von einer Kamera erst recht nicht.

Und so ist es derzeit mit vielen Werken der Kunst. Auch wenn weiterhin fleißig gemalt und an Installationen gewerkelt wird, gibt es doch gerade etliche Künstler, die sich von der vertrauten Dingkultur abwenden. Sie wollen keine Objekte herstellen, nichts, was sich einfach an eine Wand hängen und auf der nächsten Auktion teuer verkaufen ließe. Nichts, was man rasch abknipsen und in die Welt hinaustwittern kann. Nein, ihre Kunst sucht das Hier und Jetzt, sie will im Augenblick aufgehen, körperlich spürbar, eine wahre, nondigitale Erfahrung. Es ist die Kunst der Präsenz.

Wohin man auch schaut, überall ist derzeit Performance. Überall wandeln sich Ausstellungen in Aufführungen, werden Museen zu Bühnen, auf denen gezetert, gelacht und sehr viel Blödsinn verhandelt wird. Manchmal geht es auch schwer meditativ zu, wie kürzlich in Berlin, als sich die riesige Halle des Hamburger Bahnhofs mit einer Kunst füllte, die nichts als Raum, Zeit und Licht sein wollte. Im tiefsten Dunkel erstrahlten klirrend helle Spots, als hätte der Leuchtstrahl eines Ufos das Museum erfasst. Und die Menschen duschten, badeten im Licht des Künstlers Anthony McCall, versuchten es zu ergreifen. Eine irreal-reale Erfahrung.

Leserkommentare
    • ikonist
    • 01. Oktober 2012 0:07 Uhr

    karusell, riesenrad, autoscooter sowie etliche apparate der kirmes werden nach geraumer zeit mit dem avantgardetitel geadelt

  1. Im ürbigen ist Kunst wie Fernsehen: wems nicht gefällt kann wegschaun oder fernbleiben.

  2. Die Renaissance unserer Tage entwickelt sich zu einem globalen Projekt, das Aufklärung und Moderne, aufgrund ihrer gemeinsamen Täterschaft, in der Schublade „Aberglauben“ als „nicht-zukunftsträchtige Modelle“ abzulegen vermag. Obwohl Renaissancekunst stets klassisch orientiert war, kann sie jedoch nie klassizistisch sein: Als Sezession verweigert sie sich akademischer Kontamination. Als freie schöpferische Gestaltung und künstlerische Revolution – seinerzeit im totalen Bruch zu Spätbarock und Rokoko, wie heute als elegante Zäsur zwischen Degeneration und Zukunftsträchtigkeit – wies sich eine derartige „Wiedergeburt“ auch damals, bereits Jahre vor den sozialen und politischen Veränderungen, als die Realität prägend aus.
    In küntlerischen Kontexten befinden wir uns, ganz persönlich wie geschichtlich, unmittelbar am Rande anthropozentrischer Insistenz und experimentieren, mit den Autoren der konkreten Exponate, in einem gemeinsamen Projekt von Gestaltung einer phantasievollen Gesellschaft in einem permanent zu erforschenden, globalen Environment: There is a multitude within!
    Herzlich
    http://jetzt.sueddeutsche...

  3. Nur ein Detail zum sicherlich treffenden Erfahrungsbericht: Ich bin doch etwas erstaunt, dass der Autor kein einziges Wort über den Ausstellungsraum von Kibong Rhees "schwimmenden Buch" in Poznan schreibt. Es handelt sich um eine jüdische Synagoge, die von den Nazis als Schwimmbad umfunktioniert wurde und bis vor kurzem noch in Betrieb war. Wenn vom "semireligiösen Geist" in diesem Kontext die Rede ist, muss man hinzufügen, dass Kibong Rhees Installation im ehemaligen "Duschraum" ausgestellt war. Das löste bei mir weniger "Wohlgefallen", sondern tiefe Betroffenheit aus.

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