LiebeskolumneDarf sie allein bestimmen, was der Sohn glaubt?

Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Darf sie allein bestimmen, was der Sohn glaubt? von Wolfgang Schmidbauer

Die Frage: Nuray und Gerhard haben sich in der Softwarefirma kennengelernt, in der sie beide arbeiteten. Nurays türkische Eltern und Gerhards Mutter verstehen sich gut. Nurays Mutter trägt kein Kopftuch. Gerhards Mutter hat ihren Sohn alleine aufgezogen. Sie ist mit 18 aus der Kirche ausgetreten und hat es Gerhard überlassen, ob er sich einer Konfession anschließen will. Der siebenjährige Sohn Orhan war mit Nuray zu Besuch bei den Großeltern in Izmir . Bei der Rückkehr ist er ernster als sonst. Gerhard ist sehr zornig, als er erfährt, dass Orhan jetzt beschnitten ist. »Das ist barbarisch. Ihr hättet mich fragen müssen!« – »Ich dachte, Religion ist dir egal«, sagt Nuray. »Er soll nicht der einzige Junge in meiner Familie sein, der nicht beschnitten ist!«

Wolfgang Schmidbauer antwortet : Je nach Perspektive ist Beschneidung Körperverletzung oder ein ehrwürdiges Ritual. Nuray hat nicht verstanden oder nicht verstehen wollen, dass es Gerhard wichtig ist, einem Kind kein Ritual aufzuzwingen, vor allem keines, das nicht ganz ungefährlich ist. Aber warum hat Gerhard nicht von sich aus diese Frage angesprochen? Interessiert er sich nicht für die interkulturelle Dynamik seiner Ehe? Nachdem die Sache nicht rückgängig zu machen ist, sollte Gerhard Nurays Aktion respektieren und Orhan nicht mit seiner Abscheu vor solchen Ritualen plagen. Vielleicht kann er ein Wörtchen mitreden, wenn Orhan erwachsen ist und die Beschneidung von Gerhards Enkeln zur Debatte steht.

Anzeige
Wolfgang Schmidbauer

ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Sein aktuelles Buch Partnerschaft und Babykrise ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Klar hätten sie sich über die Themen Religion, Glauben, Tradition und Rituale austauschen müssen. Das sollte jede einigermaßen tiefergehende Beziehung beinhalten, aber was die Frau gemacht hat ist unfassbar. Da fehlen dann einfach schon mal die Worte....

    Eine solch schwerwiegende Entscheidung ohne den Partner zu treffen, entzieht eigentlich jeder Partnerschaft die Basis und ist fast gravierender als die Tat an sich.

  2. Mal wieder so ein Schmidbauer, der einen fassungslos macht.

    Warum muss Gerhard etwas ansprechen, mit dem er gar nicht rechnet und auch nicht rechnen braucht?

    Vielleicht sollte sich der Herr Therapeut mal mit seiner eigenen Berufsordnung beschäftigen! Ein Eingriff dieser Art hätte das Einverständnis BEIDER Eltern benötigt! Das gilt für jede ärztliche Behandlung (und nebenbei eben auch für Psychotherapie!). Juristisch ist die Angelegenheit also völlig eindeutig und auf Gerhards Seite.

    Und moralisch bzw. aus Paargesichtspunkten verhält es sich nicht viel anders. Nuray ist es, die handeln wollte, daher obliegt ihr auch die Pflicht, das zum Thema zu machen! Dass sie es nicht getan hat, sondern heimlich, ist ja eher Zeichen dafür, dass sie mit der Ablehnung gerechnet hat - sonst hätte ja nichts dagegen gesprochen, offen zu sein. Damit ist das eindeutig ein Vertrauensbruch.

    Kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Der Sohn kommt "ernster" zurück. Er muss das Geschehene auch erst einmal verkraften. Da ist ein Kind, das hier in westlicher Kultur und Gesellschaft in einer Binationalen Familie ohne diesen Ritus aufwächst. In die Kultur des Kindes passt dieser Ritus also nicht! Was, worauf die Formulierung "ernster" hindeutet, wenn der Junge die Beschneidung gar nicht wollte und mit ihr nicht klar kommt. Dann hat die Mutter nicht nur gegen den Willen des Kindes gehandelt, sondern riskiert die Vater-Sohn-Beziehung, weil der Vater nicht verhindert hat, dass es zur Beschneidung kommt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Suryo
    • 25. September 2012 14:12 Uhr

    "...Warum muss Gerhard etwas ansprechen, mit dem er gar nicht rechnet und auch nicht rechnen braucht?"

    Tja, das bestätigt den Artikel von neulich über religiösen analphabetismus. Wieso hätte Gerhard denn Ihrer Meinung nach nicht damit zu rechnen brauchen? Überraschung, muslimische Jungen werden beschnitten!

  3. Der Aufbau der Kolumne in einen Fragen- und einen Antwortteil suggeriert, dass es sich um echte Fragen echter Leser handelt. Das Thema läßt aber vermuten, dass der Fall von Herrn Schmidbauer konstruiert worden ist. Können Sie dazu bitte eine Aussage treffen? Vielen Dank!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... daß hier die Nachrichtenlage ein bißchen "nachgeholfen" hat.

  4. ... daß hier die Nachrichtenlage ein bißchen "nachgeholfen" hat.

    • Suryo
    • 25. September 2012 14:12 Uhr

    "...Warum muss Gerhard etwas ansprechen, mit dem er gar nicht rechnet und auch nicht rechnen braucht?"

    Tja, das bestätigt den Artikel von neulich über religiösen analphabetismus. Wieso hätte Gerhard denn Ihrer Meinung nach nicht damit zu rechnen brauchen? Überraschung, muslimische Jungen werden beschnitten!

    Antwort auf "Fassungslos"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Yulivee
    • 04. Oktober 2012 15:09 Uhr

    Natürlich hätten sie mal über Beschneidung sprechen können, das hätte auch er machen können.
    Da sie aber die jenige ist, die möchte, dass der Junge beschnitten wird, muss sie es auch ansprechen.
    Wieso muss er damit rechnen, dass sie den Jungen, ohne vorherige Absprache, einfach beschneiden lässt?
    Sie hat es nicht angesprochen, weil sie wusste, dass er dagegen sein würde. Das hat nichts mit "religiösen analphabetismus" zu tun.
    Das ist egoistisch und konfliktscheu von ihr.

    Ich werde nie verstehen, wieso man die Kinder nicht selber entscheiden lassen kann, wenn sie alt genug sind.

    • Yulivee
    • 04. Oktober 2012 15:09 Uhr

    Natürlich hätten sie mal über Beschneidung sprechen können, das hätte auch er machen können.
    Da sie aber die jenige ist, die möchte, dass der Junge beschnitten wird, muss sie es auch ansprechen.
    Wieso muss er damit rechnen, dass sie den Jungen, ohne vorherige Absprache, einfach beschneiden lässt?
    Sie hat es nicht angesprochen, weil sie wusste, dass er dagegen sein würde. Das hat nichts mit "religiösen analphabetismus" zu tun.
    Das ist egoistisch und konfliktscheu von ihr.

    Ich werde nie verstehen, wieso man die Kinder nicht selber entscheiden lassen kann, wenn sie alt genug sind.

    Antwort auf "Wieso das denn nicht?"
  5. Gerhard namentlich das Konformitätsbedürfnis seiner Gattin antizipieren müssen: »Er soll nicht der einzige Junge in meiner Familie sein, der nicht beschnitten ist!«

    Mal angenommen, er hat Nuray auch deswegen geheiratet, weil sie nicht so die große Betschwester ist; was war dann sein Fehler ? Dass seine Ausstattung mit rassistischen Klischees den Mangel aufwies, einfach mal nicht davon auszugehen, dass Konformismus mit Blick auf den Familienkreis für Nuray eine Rolle spielen könnte ?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Liebeskolumne
  • Schlagworte Wolfgang Schmidbauer | Enkel | Kopftuch | Körperverletzung | Religion | Debatte
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service