Die Frage: Nuray und Gerhard haben sich in der Softwarefirma kennengelernt, in der sie beide arbeiteten. Nurays türkische Eltern und Gerhards Mutter verstehen sich gut. Nurays Mutter trägt kein Kopftuch. Gerhards Mutter hat ihren Sohn alleine aufgezogen. Sie ist mit 18 aus der Kirche ausgetreten und hat es Gerhard überlassen, ob er sich einer Konfession anschließen will. Der siebenjährige Sohn Orhan war mit Nuray zu Besuch bei den Großeltern in Izmir . Bei der Rückkehr ist er ernster als sonst. Gerhard ist sehr zornig, als er erfährt, dass Orhan jetzt beschnitten ist. »Das ist barbarisch. Ihr hättet mich fragen müssen!« – »Ich dachte, Religion ist dir egal«, sagt Nuray. »Er soll nicht der einzige Junge in meiner Familie sein, der nicht beschnitten ist!«

Wolfgang Schmidbauer antwortet : Je nach Perspektive ist Beschneidung Körperverletzung oder ein ehrwürdiges Ritual. Nuray hat nicht verstanden oder nicht verstehen wollen, dass es Gerhard wichtig ist, einem Kind kein Ritual aufzuzwingen, vor allem keines, das nicht ganz ungefährlich ist. Aber warum hat Gerhard nicht von sich aus diese Frage angesprochen? Interessiert er sich nicht für die interkulturelle Dynamik seiner Ehe? Nachdem die Sache nicht rückgängig zu machen ist, sollte Gerhard Nurays Aktion respektieren und Orhan nicht mit seiner Abscheu vor solchen Ritualen plagen. Vielleicht kann er ein Wörtchen mitreden, wenn Orhan erwachsen ist und die Beschneidung von Gerhards Enkeln zur Debatte steht.