Die Firma Ferrero macht Werbung für sogenannte Überraschungseier aus Schokolade, die speziell für Mädchen gemacht sind. Diese Eier sind schweinchenrosa verpackt. Die Werbung ist eine einzige Orgie in Rosa. Erwartungsgemäß gab es Proteste, weil mit der Farbe Rosa ja auf billigste Weise historisch überholte Geschlechterklischees bedient werden. Mädcheneier rosa, Bübcheneier hellblau – provozierender geht es kaum. Ich vermute stark, dass die Werbeagentur feministische Proteste einkalkuliert hat. Ein Aufreger-Ei, das politische Debatten in intellektuellen Milieus anstößt, ist aus kaufmännischer Sicht weit besser als ein Konsens-Ei, über das von CSU bis Linkspartei alle sich einig sind.

Eine Kulturwissenschaftlerin hat mir erklärt, dass noch im 19. Jahrhundert die Farbe Rosa für die Kleidung von Knaben verwendet wurde und die Farbe Blau für Mädchen. Das ist alles nur Kultur, sagte die Kulturwissenschaftlerin. Wenn sich die Gesellschaft morgen darüber kulturell verständigt, dass Grün die Mädchenfarbe ist und Gelb die Bübchenfarbe, und wenn sich alle daran halten, dann ziehen die Mädchen sich übermorgen lindgrüne Trachtenjanker an. Und überübermorgen gibt es dann Proteste dagegen. Proteste sind auch Kultur.

Jeder, der mal Jungen und Mädchen hat aufwachsen sehen, weiß, dass sie irgendwann anfangen, sich auf extrem klischeehafte Weise wie Jungen und Mädchen aufzuführen. Als mein Sohn klein war, hat meine Oma ihm oft Puppen geschenkt. Er wollte aber mit Autos spielen. Ich glaube nicht an die Verschwörungstheorie. Die Verschwörungstheorie lautet, dass all diese Verhaltensweisen auf unbewusste Manipulation durch die Erwachsenen zurückzuführen sind. Mädchen und Jungen möchten einfach ihre Identität finden. Wenn man der Natur ihren Lauf lässt, kommen am Ende verschiedene Geschlechter heraus, die sich, trotz vieler Gemeinsamkeiten, in ein paar Punkten unterschiedlich verhalten.

Ich frage mich, was daran schlecht sein soll und wieso man es ändern will. Ein Einheitsgender, die Mauen oder die Fränner oder wie immer das dann heißt, so was wäre doch total langweilig. Frauen und Männer in klischeehaften Situationen – ich bin dafür. Bei den Schnecken gibt es das Gegenteil ja bereits, Schnecken haben alle ein Einheitsgeschlecht. Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich dagegen kämpfen, dass die Schnecke in unserer Gesellschaft das neue Rollenmodell wird. Rumschleimen, Salat essen, überall zu spät kommen und ein einziges Geschlecht haben, ich toleriere das, ich kann damit umgehen, aber es soll bitte nicht Pflicht werden.

Ich möchte etwas Privates enthüllen. Meine Oma hat auch mir oft Puppen geschenkt. Ich weiß nicht, wieso. Sie war nicht auf dem Gender-Trip, sie hat nicht Judith Butler gelesen, sie war lediglich ein bisschen unkonventionell. Einen nicht unwesentlichen Teil meiner Kindheit habe ich folglich damit verbracht, Puppen an- und auszuziehen. Das hat Spaß gemacht, auch wenn ich dadurch falsche Vorstellungen von der weiblichen Anatomie bekommen habe. Puppen sind in dieser Hinsicht ein bisschen unrealistisch, was Jungen, die mit Puppen spielen, leider nicht immer gleich wissen. Und? Am Ende der Puppenspielerei bin ich vermutlich der gleiche Typ geworden, der ich sowieso bin, ein Typ, der es völlig egal findet, ob Mädchen rosa Eier essen oder giftgrüne Eier oder gar keine Eier, ein Typ, der nicht daran glaubt, dass man mithilfe von Erziehung Menschen in andere Menschen verwandeln kann, mehr noch, ein Typ, der genau dies gut findet.

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