Maler Michael TriegelGott, wie lässig!

Ein Atheist aus Leipzig ist einer der wichtigsten Kirchenmaler im Land. Jetzt zeigt Michael Triegel Neues von sich. von Hans-Joachim Neubauer

Sehr entspannt, sehr verbindlich: Wer Michael Triegel in seiner Galerie in Leipzig besucht, trifft auf einen unkomplizierten Mann. Zumindest kommt der Malerstar locker durch den Raum. Die Augen sind blau, der Händedruck ist fest, das Lächeln ist offen. Triegel ist nicht nur ein erfolgreicher Exponent der jüngeren Leipziger Malerei. Sondern er hat den Papst gemalt, vor zwei Jahren . Seitdem ist er berühmt, und das nicht nur im Vatikan. Mit seinen 43 Jahren ist er kein Talent mehr; doch wie ein alter Meister sieht Michael Triegel nicht aus. Dabei male er so, sagen die Leute. Immer wieder auch ganz offiziell für die Kirche.

»Wie die Jungfrau zum Kinde« sei Triegel an diesen Auftraggeber gekommen, sagt er. Der Maler sitzt im ersten Stock einer Jugendstilvilla, nicht weit vom Leipziger Zoo entfernt. In dem Haus wohnte früher der Malerfürst Werner Tübke . Tübke wollte für eine evangelische Kirche bei Hannover die Predella eines spätgotischen Altars nachmalen. Da Tübke sich nicht mehr gesund fühlte, verwies er die Gemeinde an Triegel: »Der kann noch malen.«

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So ging das los, damals, 2004. »Ich bin nach wie vor das ungetaufte Heidenkind«, sagt Triegel. Das wird, das will er wohl auch bleiben, schon um der Arbeit willen: »Ich male meine Zweifel und meine Sehnsüchte. Die Auftraggeber, die mich für diese Altarbilder haben wollten, wollten diese Zweifel und Sehnsüchte gemalt haben.« Bilder sollten Fragen stellen, sagt er, nicht Antworten geben.

In einer Stunde beginnt die Vernissage mit Triegels neuesten Arbeiten. 17 Gemälde und fünf Zeichnungen hängen unten im Erdgeschoss. Galerist Karl Schwind ist eben aus Potsdam zurückgekommen. Da wurde eine große Bronze aufgestellt, eine Arbeit Wolfgang Mattheuers. Die kam gut an bei den Potsdamern. Die klassische Leipziger Schule ist eine sichere Nummer. Und auch die jüngeren Leipziger sind berühmt; Triegel muss keine malerische Herausforderung fürchten. In Leipzig ist nun sein Gekreuzigter zu sehen, ein nackter Mann mit verstörendem Gesichtsausdruck. Wenn Triegel sich von der gemalten Religion erholen will, malt er Stillleben: eine tote Krähe, geschossenes Wildbret, gehäutete Schafsköpfe.

Triegel reizt das Schwierige am Malen, ihn reizen aber auch die Ikonografien von Christentum und heidnischer Antike. Gerne liest er Philosophen, er sucht Wege zum christlichen und heidnischen Wissen. Und es reizt ihn, mit 20 Lasurschichten zu arbeiten, die Leinwand oder das Papier vorzubereiten, das Licht aufzutragen, die Farben auf der Leinwand entstehen zu lassen. »Mit den Altarbildern ist die Kunst da angekommen, wo sie für mich herkommt: Kultur ist durch den Kultus entstanden. Und nicht um ihrer selbst willen«, sagt er. Seine Altarbilder hängen auch vor Leuten, die mit Kunst nichts zu tun haben, Woche für Woche, das freut ihn. »Die feiern davor ihren Gottesdienst, die Taufe, das Requiem. Da muss sich das Bild bewähren.« Auch deshalb betont Triegel gern das Handwerkliche an seiner Arbeit: »Ich habe Hunderte Nasen gezeichnet, und wenn ich eine bestimmte Nase brauche, kann ich sie eben auch malen.« Für Triegel bedeutet gute Kunst nicht absolute Freiheit.

Aber wie frei ist Triegel? Das Würzburger Dommuseum besitzt eine stattliche Sammlung mit Triegel-Arbeiten. Dort hängt sein gespenstisch aufgeladenes Abendmahl von 1994, und auch seine Auferstehung aus dem Jahr 2002 hing dort. Das Gemälde zeigt den Auferstandenen (mit Triegels Gesichtszügen) als nackten Mann, in einem behutsam irreal verfremdeten Bildraum. Triegel war erstaunt, als er erfuhr, dass sein Blick auf das Menschsein Jesu der Kirche Probleme bereitete. Es gab tatsächlich Proteste gegen das Bild; dann ließ es Bischof Friedhelm Hofmann abhängen. Wie also steht es um die Freiheit des Malers Triegel?

Die meisten Bilder male er aus einem inneren Antrieb heraus, »weil ich sie malen muss«. Also ohne Auftrag. So entstand auch die Auferstehung. Man hat Triegel angeboten, »das Detail, um das es ging«, zu übermalen: Hoden und Penis des Auferstandenen. »Das habe ich natürlich nicht gemacht.« Und zwar weil er es theologisch falsch gefunden hätte: »Wenn ich tatsächlich glaube, dass er wahrer Mensch und wahrer Gott ist, wäre es doch absurd, wenn ich ihn nicht als Mann darstellte!« Aus diesem Grund ist auch der Gekreuzigte nackt, den Triegel nun in Leipzig zeigt – und für etwa 124.000 Euro verkaufen würde.

Triegel sehnt sich nach dem Glauben, aber: »Ich habe das noch nicht gefunden.« Doch wenn er die Bilder alter Meister betrachtet, wenn er theologische Texte liest, spürt er einen »Erinnerungsstrom«, Erinnerungen an die Kindheit in Erfurt , an die unbefriedigenden Antworten der Schule auf seine Fragen – aber auch an 60.000 Menschen, die sich auf dem Domplatz zum Martinsfest versammelten. Glockenläuten, angestrahlte Kirchtürme: »Ich hatte in meiner Einsamkeit das Gefühl, du bist nicht ganz allein.«

Information

Die Triegel-Ausstellung in der Galerie Schwind, Springerstraße 5 in Leipzig, läuft noch bis zum 10. November 2012

Katholiken und Protestanten haben ihn eingeladen, sich taufen zu lassen. Bislang hat er abgelehnt, er will seine Sehnsucht nicht verlieren. Aber wenn er sich entscheiden müsste, wäre das nicht schwer: »Ich würde selbstverständlich in die katholische Kirche gehen.« Weniger aus ästhetischen Gründen, wie er sagt: »Ich suche eher das Geheimnis und weniger das Wort und die Klarheit.« Und dann erzählt er, wie er in Vicenza eine Messe besuchte: Der Priester predigte über das Geheimnis des Glaubens, es sei wie eine Rose, erinnert sich Triegel, deren Inneres sich nie ganz öffne, aber deren Essenz der Duft sei. Im Inneren der Blüte lägen die Geschlechtsorgane der Rose. Triegel lacht: »Vielleicht ist das ja das Geheimnis meiner nackten Christusfiguren!«

Der kann noch malen. Werner Tübkes Satz über Triegel sagt, was viele Kritiker, Experten und Kunstfreunde denken, sagen und schreiben; Triegel gilt als »altmeisterlich«. Da, bei den alten Meistern, sieht Triegel seine Vorbilder, er will sich an den Großen messen, »an denen, die größer sind als ich, um zu wissen, wo ich stehe«. Wie einen Meister hat Benedikt seinen Porträtisten Triegel begrüßt: »Sie sind also mein Raffael.« Zweieinhalb Stunden hatte der Maler Zeit, den Papst bei einer Audienz im Vatikan zu beobachten. Er fertigte Skizzen an und drei, vier Zeichnungen, er machte Fotos, als Erinnerungshilfe. »Dann hieß es: Seine Heiligkeit will mich noch sprechen, und mit klopfendem Herzen stieg ich die zwölf Stufen hoch. Ich war zu meiner eigenen Überraschung doch ziemlich aufgeregt, und da sagte er es dann, im Scherz.« Den Raffael-Satz.

Gleich beginnt die Vernissage. Triegel zieht sich ein Jackett über. Was soll noch kommen, wenn man den Papst, Augustinus und Jesus gemalt hat? Triegel lacht: »Gerade habe ich meine Familie gemalt, meine Frau, unsere Tochter. Eines römischen Straßenjungen würde ich mich genauso annehmen wie des obersten Katholiken.«

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