An jedem zweiten Tag macht sich die Nomadin Erdenechimeg auf den Weg in die Moderne. Sie erwacht in der Jurte, dem Ger, in der die Familie eng aneinandergekuschelt geschlafen hat, noch schnarcht ihr Mann, ihr Sohn pfeift und draußen seufzen die Kamele.

Sorgfältig legt sie die Schmetterlingsohrringe an, cremt sich die Haut, schlüpft in ihr grünes Shirt, und sieht plötzlich kein bisschen mehr aus wie eine Nomadin. Sie steigt in den Jeep, rumpelt über den Wüstensand, nach Tavan Tolgoi, zum größten Kokskohlevorkommen der Welt. Ihr Mann bleibt zurück, bei den Tieren. Wenn er, der Nomade Zogtgerel, für die Vergangenheit der Mongolei steht, dann repräsentiert Erdenechimeg ihre Zukunft: den Bergbau .

Wer die Zogtgerels besuchen will, muss kurz, bevor er das Ende der Welt erreicht, mitten im Nichts scharf links abbiegen, muss kilometerweit über Wüstensand brettern, bis er zwei Jurten erblickt, klein wie Segelschiffe in einem Meer aus Steppe, Sand und endlosem Himmel . Am Horizont eine Bergkette, leicht wie ein Pinselstrich. Der Besucher schlängelt sich vorbei an Schafen, Ziegen und Kamelen und macht sich den riesigen Hund besser zum Freund. In der Jurte wartet Zogtgerel, ein Typ, der so gern trinkt wie er lacht. Seine Nägel sind neonrosa angemalt, das waren die Kinder, egal, sagt er, "die Tiere wird’s schon nicht stören". Neben ihm walkt Erdenechimeg Nudelteig und bedenkt ihren Mann mit liebevollem Spott. Zwei ihrer fünf Kinder und drei kleine Verwandte purzeln unentwegt übereinander und über alle anderen Anwesenden.

Der Abend wird innerhalb von Minuten zum Ereignis. Es wird gelacht und erzählt, man schenkt Kamelmilch aus und Wodka. Der kleine solarzellenbetriebene Fernseher plärrt die mongolischen Popsongs in die Wüste hinaus. 20 Kilometer hinter Tsogtsesi, in der Provinz Südgobi, ist der Nachthimmel ein See aus Sternen.

Schon immer waren die Zogtgerels Nomaden, so wie ihre Vorfahren und Vorvorfahren. Zogtgerel und Erdenechimeg waren Anfang 20, als sie sich auf einer Weide kennenlernten, schon bald, mit Mitte 40, werden sie ihre silberne Hochzeit feiern. Es ist, lacht Zogtgerel wodkabeseelt, "einfach Liebe". In all den Jahren hat sich einiges verändert, sie haben sich Handys besorgt, im Fernsehen laufen schon lange keine sozialistischen Schauparaden mehr. Und doch ist das Leben irgendwie gleich geblieben. Mittags bringen sie die Tiere zum Tränken, im Winter führen sie sie auf die Winterweide. Sie melken Kamele und Schafe, buttern und schlachten, scheren und drehen Seile aus langem Kamelhaar.

Bis vor ein paar Jahren der Kohlehügel in Tavan Tolgoi auftauchte und größer und größer wurde. Eine Straße wurde gebaut, auf der brettern jetzt die Kohlelaster Richtung chinesische Grenze. Bald hörte Erdenechimeg in der Stadt, dass das Staatsunternehmen Erdenet Mitarbeiter suchte. Weil es viel Geld kostet, fünf Kinder großzuziehen, reihte sich Erdenechimeg in die Schlange der Arbeitssuchenden ein. Sie wurde genommen, seit zwei Jahren arbeitet sie dort als Wäscherin. Das Familienmodell findet sich jetzt immer öfter in der Gegend: Die Frau ist berufstätig, der Mann bleibt bei den Tieren.

Banken und Hotels haben eröffnet, ein Dandy stolziert durch den Staub

Ulan-Bator. Wer aus dem Büro von C. Otgochuluu blickt, der genießt einen einzigartigen Blick über die Stadt. Und was für eine Stadt! Zusammengewürfelt aus Sowjetbauten, New-Economy-Architektur, Holzhäuschen und Gers, als habe sie einer aus dem All auf die Steppe fallen lassen. Hochhäuser kriechen empor, dazwischen ruht ein Riesenrad, in der Ferne blickt Dschingis Khan über die Stadt – sie haben sein Konterfei mit weißen Steinen auf die Hügel gesetzt. Otgochuluu nickt: "Irrer Ausblick, was?" Er ist Direktor des Economic Policy and Competitiveness Center, dem ersten privaten Thinktank des Landes.

"Im vergangenen Jahr hatten wir ein Wirtschaftswachstum von 17,3 Prozent", sagt er. In zwei Jahren "wird die Wirtschaft voraussichtlich um 30 bis 53 Prozent wachsen" – dann, wenn die beiden gewaltigen Minen in der Südgobi voll entwickelt seien: Tavan Tolgoi, wo die Teilzeitnomadin Erdenechimeg arbeitet, sowie Uyo Tolgoi etwas weiter im Süden, wo das größte unberührte Gold- und Kupfervorkommen der Welt im Boden schlummert. Wahrscheinlich wird die Mongolei in der nächsten Dekade schneller wachsen als jedes andere Land der Erde. Wegen der Rohstoffe . Die Weltmarktpreise steigen, und die Nachfrage aus China ist schier unerschöpflich.