Wenn Paul Schwarz über sich spricht, dann benutzt er gerne einen Begriff, den er als Auszeichnung empfindet. Vor einem Jahr zeigte er im Stuttgarter Rathaus einen Film über Migranten. Danach befand eine Zuschauerin: »Sie sind ja ein richtiger Anti-Sarrazin.« Das Gegenteil von Thilo Sarrazin und seinen Thesen über Migrantenkinder – das trifft es, dachte Schwarz.

Paul Schwarz ist Pädagoge, doch er wechselte von der Schule zum Fernsehen. Seit mehr als 20 Jahren produziert er Filme über Bildung, insgesamt über 120, so viele wie kaum jemand sonst in Deutschland. 2007 bekam er dafür das Bundesverdienstkreuz am Bande. Dreimal waren seine Filme für den Grimme-Preis nominiert, darunter der ARD-Dreiteiler »Fremd und doch vertraut«. Aber bekannt wie Sarrazin ist er nicht. Schwarz glaubt, das liege an den Medien. »Ein türkischer U-Bahn-Schläger macht Schlagzeilen. Ein türkischer Arzt nicht«, sagt er. Gerade um solche Menschen geht es aber in seinen jüngsten Filmen. Bildung ist sein Thema, Erfolge zeigt er am liebsten. Oberstes Prinzip: Mut machen. Zeigen: Es geht doch.

Paul Schwarz ist 68. Das weiße Haar fällt ihm lang über die Ohren. Er könnte aufhören zu arbeiten, aber er will nicht. Wenn Sarrazin schreibt, dass ungebildete Eltern mit großer Wahrscheinlichkeit ungebildete Kinder haben, gibt Schwarz ihm im Prinzip recht. Auch er sieht das häufig. Der Sohn des Arztes wird wahrscheinlich studieren. Der Sohn der Putzfrau nicht. Nur glaubt Schwarz, dass das nicht an den Eltern liegt. Seiner Ansicht nach scheitern Kinder am dreigliedrigen Schulsystem und nicht selten auch an Vorurteilen. Er hat Ärztinnen und Rechtsanwälte getroffen, die zuerst auf die Hauptschule geschickt wurden, »nur weil ihre Eltern Türken waren«. So etwas ärgert ihn. Vielleicht auch wegen seiner eigenen Geschichte.

In Japan hat er unterrichtet, heute filmt er in der ganzen Welt

Sein Vater fiel im Krieg, seine Mutter hatte wenig Geld. »Kleine Verhältnisse« nennt Schwarz das. Erst auf der Abendschule machte er das Abitur, studierte und wurde Lehrer. Insgesamt zehn Jahre lang hat er unterrichtet. Ende der siebziger Jahre ging er mit seiner Frau nach Japan und lehrte Deutsch an der Universität. Ende der achtziger Jahre verbrachte er mit ihr noch einmal vier Jahre als Dozent in Argentinien. »Ich kenne die Welt so ’n bisschen«, sagt er heute. Zurück in Deutschland, betreute er Sendungen über guten Unterricht und wurde vom Lehrer zum Beobachter der Lernkultur.

Dabei stieß er auf einen Widerspruch: Im Land der Dichter und Denker hat Schule einen schlechten Stand. Einmal drehte Schwarz in einem internationalen Physikkurs in Göttingen. Horst Köhler, damals Bundespräsident, besuchte den Unterricht und setzte sich zu den Schülern. »In Physik war ich nie gut«, sagte der Bundespräsident. Koketterie vielleicht, aber Schwarz fällt so etwas auf: Prominente, die mit schlechten Noten prahlen. Wettermoderatoren, die es als gute Nachricht bringen, wenn die Schule ausfällt. Wer es zu etwas gebracht hat, behauptet, dass es nicht an der Schule lag. »Keiner will ein Streber sein«, sagt Schwarz. Alle fänden Bildung wichtig, aber in den Massenmedien tauche sie kaum auf. »Wann lief der letzte Film über Schule, in dem es nicht um einen Amoklauf ging?«, fragt er. »Wann ging es in einer Talkshow mal um Bildung?«

Er bemerkt das auch, weil es ihn selbst betrifft. In den letzten Jahren war er viel im Auftrag staatlicher oder privater Bildungseinrichtungen unterwegs. Das Interesse der Sender aber hat nachgelassen. Für neue Filmideen muss er Sponsoren suchen.

»Paul Schwarz ist jemand, der dranbleibt«, sagt der Pädagoge und Schulreformer Heinz Klippert. Die beiden sind auf einer Wellenlänge, seit 20 Jahren kennen sie sich, immer wieder arbeiten sie zusammen. Wenn Schwarz über die Bildungschancen von Migranten berichte, geschehe das »aus innerem Antrieb und persönlichem Anliegen«, glaubt Klippert. Er hat erlebt, wie Schwarz mit Politikern diskutiert. »Da legt er den Finger in die Wunde. Er ist unerbittlich, wenn sich ihre Ansprüche nicht mit der Realität decken.« Gleichzeitig sei Schwarz pragmatisch. Es gehe ihm um normale Schulen, nicht um einzelne Leuchtturmprojekte.