Fast täglich zieht Eva Maria Limmer, mit Spaten und Handschuhen bewaffnet, in den Kampf. Die Front ihres Feldzugs verläuft hinter ihrem Haus in Friedenshorst, einem Weiler mit acht Häusern, 70 Kilometer nordwestlich von Berlin. Durch die Fenster ihres Wohnzimmers sieht die Pferdehalterin die gelben Flecken, die der Feind wie Fahnen hochhält: Die Blütenstände von Senecio jacobaea, dem Jakobskreuzkraut, sprenkeln die nah gelegenen Wiesen und Weiden.

»Ausreißen, ausgraben, mähen, mulchen – ich habe alles versucht«, sagt Limmer, während sie in Lederstiefeln und Reiterweste auf die Weide stapft und versucht, Rosetten gefiederter Blätter, die auf dem kargen brandenburgischen Sandboden zwischen dem spärlichen Bewuchs hervorragen, mitsamt den Wurzeln auszureißen. Seit zwei Jahren versucht sie das Kreuzkraut zurückzudrängen, das ihre Weiden erobert hat und durch das sie das Leben ihrer Pferde bedroht sieht. »Es kommt immer wieder«, sagt Limmer. »Das ist echt gruselig.«

Jakobskreuzkraut ist eine gelb blühende Pflanze mit gefiederten Blättern und schirmartigen Blütenständen. Sie heißt auch Jakobsgreiskraut, ist schön anzusehen – und hochgiftig. Das Kraut enthält Pyrrolizidin-Alkaloide, eine Klasse pflanzlicher Inhaltsstoffe, die in der Leber zu giftigen Stoffwechselprodukten abgebaut werden. In großer Menge können die Abbaustoffe die Leber stark schädigen und wenige Tage nach Aufnahme zu irreversiblen, oft tödlichen Leberschäden führen. Bei Tierärzten ist das Krankheitsbild als Seneziose oder Schweinsberger Krankheit bekannt. Neben direkten Leberschäden können die Giftstoffe langfristig auch Leberkrebs verursachen, Missbildungen hervorrufen und Embryonen schädigen.

Giftige Pflanzen gibt es viele, auch hierzulande. Das Problem: Jakobskreuzkraut und verwandte Kreuzkräuter scheinen sich seit einigen Jahren massiv in unseren Breitengraden auszubreiten und Brachen, Weiden und Heuwiesen zu erobern. Verlässliche Zahlen zur tatsächlichen Verbreitung gibt es zwar nicht. Das Julius-Kühn-Institut , das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, bestätigt aber, dass sich Berichte über das zunehmende Vorkommen, die Ausbreitung und Verdachtsmomente auf Vergiftungen beim Weidevieh häufen. Auch die Landwirtschaftsministerien der Länder sprechen von einer massiven Zunahme des Kreuzkrauts seit einigen Jahren.

Mögliche Gründe hierfür gibt es viele: Der Klimawandel mit trockenen heißen Sommern begünstigt das anspruchslose Kraut und schwächt konkurrierende Gräser auf den Wiesen. Agrarpolitisch lange Zeit geförderte landwirtschaftliche Brachflächen bieten ihm mehr Lebensraum. Bis 2009 wurde Jakobskreuzkraut auch in Regelsaatgutmischungen ausgesät, um Straßenböschungen und Bahndämme zu befestigen. Von hier aus kann es durch seine hartnäckigen Fortpflanzungsstrategie Weiden und Heuwiesen besiedeln.

Während erfahrene Weidetiere das bittere Kraut gewöhnlich meiden, solange sie genug zu fressen finden, sind Jungtiere gefährdet. Spätestens wenn die Giftpflanze zu Heu verarbeitet wird, können auch erwachsene Pferde und Kühe sie nicht mehr von bekömmlichen Pflanzen unterscheiden. Die Bitterstoffe werden abgebaut, die Alkaloide bleiben aktiv und werden mit dem Futter aufgenommen.

Die Lage ist konfus: Einzelne Tierärzte verzeichnen eine Häufung von Erkrankungen, die toxikologischen Institute mehrerer veterinärmedizinischer Fakultäten können dies nicht bestätigen. Ernst Petzinger, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Gießen, kann sich jedoch vorstellen, dass es bei Vergiftungen mit dem Kraut eine hohe Dunkelziffer gibt. »Das Jakobskreuzkraut ist eine Pflanze, die überwiegend nach chronischer, wochen- bis monatelanger Einnahme mit dem Heu einen tödlich verlaufenden Leberschaden verursacht«, sagt der Veterinärmediziner. Eine Vergiftung falle zunächst nicht auf. »Da die Pferde abmagern, werden sie aussortiert und zum Schlachter gegeben, noch bevor sie ein Tierarzt zu behandeln versucht hat.« Petzinger plädiert deshalb für eine Meldepflicht für Schlachthöfe und Krematorien bei Verdacht auf Leberzirrhose und ähnliche Krankheiten.