Philipp RöslerVolksheld wider Willen

Auf seiner Vietnamreise glauben alle zu wissen, wer Philipp Rösler ist. Und er selbst? von 

Obwohl Philipp Rösler niemandem auffiel, als er am Morgen nach seiner Ankunft um den Hoan-Kiem-See in Hanoi joggte, obwohl er schwarze Haare hat wie jeder hier und diesen typisch schmalen Körper, ist er nicht so vietnamesisch, wie er erst mal wirkt. Wenn er neben anderen vietnamesischen Männern steht, überragt er sie. Seine Haut ist heller und glatter als ihre, und wenn er spricht, kommen ziemlich deutsche Politikerworte aus seinem Mund: Vietnam, das ist für ihn ein Investitionsstandort, eine dynamische Bevölkerung, ein strategischer Partner. Und natürlich vergisst Rösler nicht, die Demokratie und die Menschenrechte anzumahnen. Das ist die Sicht des deutschen Wirtschaftsministers auf dieses Land.

Obwohl Philipp Rösler als neun Monate alter Waisenjunge aus Vietnam adoptiert wurde, obwohl er Udo Jürgens liebt und seine Heimat Niedersachsen, ist er nicht so deutsch, wie er gern wäre. Während er mit den Geschäftsleuten und Journalisten seiner Wirtschaftsdelegation von Montag bis Mittwoch durch das Land reist, schauen sie ihn stets mit diesem erwartungsvollen Blick an: Wann wird er endlich zugeben, dass seine Wurzeln hier liegen? Seine andere Seite, seine besondere Geschichte machen ihn, den FDP-Chef in der Krise, interessant. Das ist die Sicht der Deutschen auf ihren Minister mit Migrationshintergrund.

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Und es gibt eine dritte Sicht auf Philipp Rösler auf dieser Reise. Sie spiegelt sich in den ehrfurchtsvollen Gesichtern der vietnamesischen Minister, die ihn mit großen Blumensträußen empfangen. Sie drückt sich aus in dem Juchzen der Souvenirverkäuferin im Literaturtempel, die den deutschen Minister aus dem Fernsehen kennt. In dem Wir-sind-Vizekanzler-Denken, das er bei so vielen Vietnamesen hervorruft, weil sie ihn als einen von ihnen ansehen. Die Vietnamesen denken in Familien, in Abstammung, und Rösler, das ehemalige Waisenkind, verkörpert für sie einen Traum: dass jeder Vietnamese alles erreichen kann, wenn er nur die Möglichkeiten für seine Selbstentfaltung bekommt. Sie sprechen ihn mit »Herr Vizekanzler, Minister für Wirtschaft und Technologie und Vorsitzender der FDP«, an, sie kennen seine Biografie genau.

»Vietnam hat stolz jeden Erfolg von Philipp Rösler verfolgt«, sagt der Rektor der Wirtschaftsuniversität von Hanoi, als er ihm die Ehrendoktorwürde für seine Verdienste um die deutsch-vietnamesischen Beziehungen verleiht. Dabei hat sich Rösler bis zu dieser Reise gar nicht für Vietnam engagiert, und auch in seiner Dankesrede spricht er ausdrücklich von »meinem Heimatland Deutschland«. Er referiert außerdem über Ludwig Erhard, Otto Graf Lambsdorff und die Prinzipien der freien Marktwirtschaft, so als sei er auf einem FDP-Parteitag und nicht in einem sozialistischen Land. Rösler versucht, sich zu wehren, er will kein vietnamesischer Volksheld sein. Als er nach der Zeremonie mit Talar und Hut ins Freie tritt, atmet er tief durch.

Rösler hat die Frage nach seiner Herkunft oft gehört, und vielleicht hat er irgendwann angefangen, seine Antworten zu glauben. Nein, er wolle seine leiblichen Eltern nicht kennenlernen, er habe schon welche. Nein, er habe kein Bedürfnis, sein altes Waisenhaus zu besuchen, bei seinem letzten Besuch vor sechs Jahren nicht und jetzt auch nicht. Nein, ihm fehle nichts, schon gar nicht irgendwelche Wurzeln in Vietnam. Es muss anstrengend sein, die Herkunft, die er selbst nicht kennt, immer wieder erklären zu müssen. Vielleicht macht er deshalb manchmal diese Witze über Schlitzaugen oder Asiaten, die von zu viel Alkohol rot werden. Vielleicht will er sich dagegen wehren, dass jeder in ihm etwas sieht, was er selbst nicht fühlt.

Es ist schwer für Rösler, auf dieser Reise den Bildern der anderen zu entgehen, die sie auf ihn projizieren. Der Vorstellung der Vietnamesen, er kehre zurück in seine Heimat. Der Vorstellung der Deutschen, er suche nach seinen Wurzeln. Seiner eigenen Vorstellung, er könne seine Abstammung einsetzen wie einen Joker, den er mal zückt und mal versteckt. »Um das Motto des deutschen Mittelstandes zu zitieren«, sagt er bei einem Empfang der deutschen Botschafterin in Hanoi: »Es ist egal, wo du herkommst. Entscheidend ist, wo du hinwillst.« Was das mit dem deutschen Mittelstand zu tun hat, bleibt unklar. Aber die Botschaft ist eindeutig.

Was ihn berührt, kann man sehen, als er ein Dorf mit behinderten Kindern besucht. Es sind Enkel von Menschen, die im Vietnamkrieg dort lebten, wo das Giftgas Dioxin versprüht wurde, Agent Orange. Manche von ihnen können nicht sprechen, andere haben deformierte Körper. Rösler hat sie gesehen und an sein eigenes Schicksal gedacht, an das Glück, mitten im Krieg herausgekommen zu sein aus diesem Land. Betroffen läuft er durch die ärmlichen Häuser, in denen die Kinder schlafen, Krankengymnastik machen und sticken. Er denkt an seine Adoption und sagt: »Man stellt sich schon die Frage, was gewesen wäre, wenn sich meine Eltern nicht dazu entschieden hätten.«

»Man«, sagt er und meint sich selbst. Er redet in dieser unpersönlichen dritten Person, er versucht, das von sich fernzuhalten, was ihm nahegeht. Vielleicht geht es nicht anders, vielleicht will er nicht anders. Deutsche und Vietnamesen meinen zu wissen, wer er sei. Aber kann er das nicht selbst entscheiden?

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

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