Gesine Schwan (Archiv) © Johannes Simon/Getty Images

ZEITmagazin: Frau Schwan , was haben Sie aus Ihren zwei vergeblichen Kandidaturen für das Amt der Bundespräsidentin gelernt?

Gesine Schwan: Das politische Leben ist wölfisch, man darf nicht zu vertrauensselig sein. Meine Gegner haben mich als einsame, ehrgeizige Ziege, als professoral und abgehoben beschrieben. Das sind unschöne Bezeichnungen. Viele konnten mir überhaupt nicht abnehmen, dass ich wirklich um der Demokratie willen kandidiert habe. Ich galt als Einzelkämpferin, auch weil die SPD-Spitze nicht geschlossen hinter mir stand. Um den Menschen prinzipiell zu vertrauen, muss man stark genug sein, auch solche Enttäuschungen zu verkraften. Wenn ich mich im Übrigen sehr über eine Person ärgere, sage ich mir: Ist auch ein Gotteskind, damit musst du umgehen. Dann werde ich gelassener. Ich habe aber während der Kandidatur auch überaus viel Zuwendung erlebt, viele Menschen auf der Straße bedanken sich noch heute, obwohl sie gar keinen Anlass haben, mir irgendwas ums Maul zu schmieren. Und in der SPD gab es natürlich auch große Unterstützung.

ZEITmagazin: Wie haben Sie die Niederlagen weggesteckt?

Schwan: Das Gefühl zu verlieren kannte ich aus schwierigeren Situationen, vor allem von der Krebskrankheit meines ersten Mannes, und insofern wusste ich: Das wirft dich nicht aus der Bahn. Der Tod eines nahestehenden Menschen nach drei Jahren Krankheit ist ja viel gravierender. Überdies weckt er fast immer Schuldgefühle, die man nicht steuern kann.

ZEITmagazin: Warum Schuldgefühle?

Schwan: Ich war einige Monate vor dem Tod meines Mannes in eine emotionale Distanz zu ihm geraten und habe das als einen Akt der Untreue erlebt. Nachdem ich wie eine Löwin um sein Überleben gekämpft hatte, war ich erschrocken über meine innere Unzuverlässigkeit, dabei ist Verlässlichkeit für mich ein ganz hoher Wert. Das hat mich in große Verzweiflung gestürzt. Ich konnte rein gar nichts Positives mehr sehen, alles war schwarz. Eigentlich wollte ich nur weg sein, nicht mehr leben, war ausgebrannt. Ich habe gebetet, aber gedacht, dieser Gott liebt nicht. Nach außen habe ich funktioniert, kein Mensch wäre darauf gekommen, dass ich depressiv bin, ich war Dekanin, erfolgreich, alles toll. Zu Hause habe ich geheult. Mein Sohn war damals 14 Jahre, meine Tochter zwölf. Sie spürten das natürlich, auch wenn ich nie vor ihnen weinte. Ich muss ganz klar sagen: Der Glaube alleine hätte mir nicht geholfen. Das ist mir schon wichtig, weil die Gesellschaft nach wie vor psychische Erkrankungen als Schwäche interpretiert. Man braucht professionelle Hilfe von außen. Die Verbindung von Glaube und Psychoanalyse hat mich gerettet.