Irgendwie muss ich nach der Landung in London etwas mit der Zeitverschiebung durcheinandergebracht haben, denn als ich pünktlich an der Tür von Karl Heinz Bohrers Haus klingele, öffnet seine Frau überrascht: »Mein Mann erwartet Sie erst in einer Stunde.« Das sei mir jetzt aber unangenehm, gewiss halte Herr Bohrer seinen Mittagsschlaf? Nein, er sei am Lesen. Karl Heinz Bohrer, der auch kurz vor seinem 80. Geburtstag in seiner Statur immer noch diese einmalige Mischung aus Lässigkeit und Heroismus ausstrahlt, kommt nun die Treppe herunter, ein Buch in der Hand. Ja, er habe gelesen, und ich möge bitte mal raten, was. Fontane. Irrungen und Wirrungen. Das möge man sich bitte mal geben! Er lese zurzeit die großen Realisten, auch Flauberts Erziehung des Herzens. Ausgerechnet er, der doch sein ganzes Leben immer der Mann der Tragödie gewesen sei, des Surrealismus und der romantischen Imagination. Er müsse beschämt zugeben: Das sei schon verdammt gut. Mit rheinischem Akzent, der etwas Karnevaleskes hat: »Ich habe dem Realismus unrecht getan.«

Dazu muss man zweierlei wissen. Erstens: Bohrer ist jemand, der ästhetische Fragen existenziell ernst nimmt. Es wäre völlig absurd, über Bohrer zu sagen, die griechische Tragödie sei einer seiner Forschungsschwerpunkte. Genauso gut könnte man sagen, Napoleon habe sich sein Brot mit Kriegführen verdient. Nein, hier gilt die Abwandlung des bekannten Fichte-Worts: Für welche Literatur einer brennt, das verrät, was für ein Kerl er ist. Und Bohrer, zweitens, war immer ein Kerl, der alles Biedere und Verdruckste verachtete und alles Gefährliche begeistert aufnahm. Dort, wo die phantasmatische Gewalt des literarischen Worts für irgendeine dahinterliegende sittliche Idee in Dienst genommen werden sollte, da trat Bohrer als Anwalt poetischer Autonomie auf den Plan. Sophokles’ Antigone ein wahlweise pazifistisches oder feministisches Stück? Nicht mit ihm, dem Feind jeder idealistischen Hermeneutik. In diesem Sinne war Bohrer immer ein Ernst-Jünger-Leser, ein André-Breton-Verehrer, ein Baudelaire-Anhänger, während ihm das realistische Erzählen allzu harmlos vorkam.

Aber es ist etwas passiert im Leben von Karl Heinz Bohrer. Seine Laufbahn begann er, nach einem Vorspiel bei der Welt, als Literaturchef der FAZ, bevor Marcel Reich-Ranicki 1973 seinen Posten übernahm. Bohrer ging darauf als Kulturkorrespondent für die FAZ nach London und wurde zum roten Tuch des bundesrepublikanischen Linksmilieus, als er in einem berühmten Artikel Thatchers Falkland-Krieg verteidigte und im deutschen Pazifismus nur die sentimentalen Reflexe von Mainzelmännchen erkennen wollte, die sich vor der Wirklichkeit der Macht in Moralismus flüchten. 1983 wurde er Professor für Literaturwissenschaft in Bielefeld, und als Herausgeber der Suhrkamp-Reihe Aesthetica ließ er den amerikanischen Dekonstruktivismus um Paul de Man diskutieren. Und schließlich seine Herausgeberschaft des Merkurs, wo ihm in den fast 30 Jahren seines Wirkens trotz der überschaubaren Auflage dieses vornehmen Organs immer wieder enorme publizistische Aufreger gelangen, bei denen dann halb Deutschland auf dem Sofa saß und übel nahm. Kurz, Bohrer war sein ganzes bewegtes Leben lang ein Mann des Wortes. Aber eben ein Mann des journalistischen, des literaturwissenschaftlichen und des essayistischen Wortes. Doch plötzlich, in seinem achten Lebensjahrzehnt, fängt er an, Prosa zu schreiben.

Die Schlampigkeit des Penners und die Grandezza des Weltmanns

Bohrer ist ein stolzer und formbewusster Mann. Ältere, die ihn von früher kennen, erinnern sich an ihn gerne als jemanden, der die Schlampigkeit eines Penners mit der Grandezza des Weltmanns zu verbinden wusste. Die Frauen, heißt es, lagen diesem unbourgeoisen Bürger reihenweise zu Füßen. Sein Formbewusstsein hat eher etwas mit intellektueller Delikatesse und Unerschrockenheit zu tun, mit ritterlichem Stolz. Jedenfalls scheint er sich zu sorgen, dass es irgendwie läppisch aussehen könnte, dass er nun auf seine alten Tage sich als Schriftsteller geriere. Er sagt das nicht, aber wenn er vom »Prosa-Schreiben« spricht, bekommt sein Tonfall eine Klarheit, als wolle er jede aufkommende Verwunderung schon im Keim ersticken. Doch eine stärkere Kraft als der Stolz ist die Freude. Karl Heinz Bohrer ist nämlich sehr freudefähig. Er liebt die schneidende Auseinandersetzung, aber er genießt auch das Glück, er ist kein Melancholiker. Jetzt steht er ganz im Zeichen der Freude. Er ist selbst überrascht, wie viel Freude ihm dieses für ihn neue Schreiben von Prosa bereitet hat.

Dass er jetzt die Realisten lese, habe etwas mit der Niederschrift seines Buches Granatsplitter zu tun, das Ende Juli erschienen ist. Seither denke er darüber nach, wie man darstellt. Er habe Lust, Szenen zu schildern. Nichts Autobiografisches schwebe ihm vor, eher so eine Art Epochenbild der wilden siebziger Jahre. Die Unterhaltung mit einer Studentin. Oder die Art, wie man an einer deutschen Gremienuniversität miteinander kommuniziert habe. Vielleicht müsse man sogar eine Figur einführen, die sich an Jürgen Habermas orientiere, die einzige überragende Gestalt der Epoche in Deutschland, Luhmann werde ja im Ausland so gut wie nicht gelesen. Er habe, fügt Bohrer dann wie ein Radsportler hinzu, der bekannt gibt, für sein nächstes Rennen am Montblanc trainiert zu haben, jetzt auch Don DeLillo gelesen.

Dionysos wartet, und Bohrer denkt ans Prosa-Schreiben

Er müsse mir etwas gestehen. Der Gedanke ans Prosa-Schreiben lenke ihn gerade ab von seinen Vorbereitungen für Stanford. Seit 2003 ist Bohrer dort Gastprofessor. Eigentlich müsse er seine Vorlesungen über Dionysos vorantreiben. Er habe nämlich herausgefunden, dass das griechische Wort für »Erscheinen« bei Homer ausschließlich dem Dionysos vorbehalten sei. Götterfiguren wie Apoll oder Aphrodite, bei allem Glanz, der ihnen eigne, träten auf, zeigten sich, aber erschienen niemals. Und weil Bohrer wirklich der Letzte ist, der der Frage, mit welchem Verb Dionysos bei Homer eingeführt wird, nicht die höchste Priorität einräumen würde, deshalb ist es wirklich erstaunlich, dass er jetzt sagt: »Der Gedanke, Prosa zu schreiben, lenkt mich von meinem Dionysos ab.« Und als verbiete er sich weitere Spekulationen: »Mehr kann ich dazu nicht sagen.«