DIE ZEIT:   Frau Ateş , fühlen Sie sich von dem Film Unschuld der Muslime beleidigt?

Seyran Ateş: Nein. Ich grenze meinen Glauben an Gott ab von Menschen, die diesen Gott kritisieren. Ich fühle mich von so einem Film nicht persönlich angegriffen, sondern kann ihn diskutieren.

ZEIT: Aber müssten Sie als gläubige Muslimin nicht trotzdem beleidigt sein?

Ateş: Wenn ich jemandem erlaube, mich zu beleidigen, nehme ich ihn ernst und gebe ihm Macht. Dass Beleidigungen ausgesprochen werden, heißt noch lange nicht, dass ich mich getroffen fühle.

ZEIT: Verstehen Sie, dass andere empört sind?

Ateş: Ich weiß, dass es so ist, aber nachvollziehen kann ich es nicht. Natürlich lehne ich islamfeindliche Provokationen ab, wie wir sie von Vereinen wie Pro NRW kennen. Aber dieser Film wird nicht nur benutzt, um zu beleidigen, sondern auch, um demonstrativ beleidigt zu sein. Er kann nicht der wahre Grund der plötzlichen Gewalt sein, denn er steht ja schon seit sechs Monaten im Netz. Es kommt mir vor, als ob das Internet durchgescannt wurde nach einem Anlass für politische Aktionen im Namen des Islams.

ZEIT: Mit welchem Ziel?

Ateş: Das ist die Frage. Woher kommt der extreme Hass auf den Westen, und wohin führt er? Die Fundamentalisten wollen Demokratie verhindern und die gesamte Gesellschaft nach religiösen Regeln gestalten. Gottes Wort ist ihnen Gesetz. Es soll auch für das Verhältnis der Bürger untereinander gelten. Islamische Fundamentalisten wollen keine zivile Gesellschaft unabhängig vom Glauben. Deshalb hassen sie uns.

ZEIT: Die Demonstranten werfen dem Westen Blasphemie vor. Was heißt das?

Ateş: Blasphemie ist Gotteslästerung und Verächtlichmachung des Glaubens und des Propheten. Wer so tiefreligiös ist, dass sein ganzer Alltag vom Glauben durchsetzt ist, der muss die Beleidigung Gottes persönlich nehmen und sich dagegen wehren. Jeder Kritiker des Islams ist für ihn ein Feind, egal ob die Kritik respektvoll oder respektlos geäußert wird. Der tiefgläubige Muslim ist verpflichtet, den Feind zu bestrafen.

ZEIT: Aber muss er ihn töten?

Ateş: Nein. Natürlich nicht. Nur in Pakistan , Saudi-Arabien , im Iran , in Afghanistan und neuerdings auch im Sudan steht auf Blasphemie die Todesstrafe, und sie wird aus dem Koran und den Hadithen abgeleitet. Aber das ist Auslegungssache.

ZEIT: Was steht denn im Koran?

Ateş: Der Vers 4,89 besagt: »Wenn sie sich abkehren, dann greift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet.« Das bezieht sich zunächst auf die sogenannten Heuchler, aber auch auf Abtrünnige, also Apostaten. Schließlich wird der Vers kombiniert mit der neunten Sure, Vers 65/66: »Wolltet ihr denn über Gott und seine Zeichen und seinen Gesandten spotten? Entschuldigt euch nicht! Ihr seid ungläubig geworden, nachdem ihr geglaubt hattet.« Es gibt also keine Vergebung für diejenigen, die Gott verspotten. Auch die Sure 33,61: »Verflucht sind sie. Wo immer man sie trifft, wird man sie ergreifen und unerbittlich töten«, könnte herangezogen werden, um Gewalt gegen diejenigen zu rechtfertigen, die den Islam beleidigen. Also Blasphemie wird gleichgesetzt mit Unglaube, und Unglaube gilt als größte Sünde, die ein Mensch auf sich laden kann. Darauf steht der Tod. Wie gesagt, man kann das alles auch anders deuten.

ZEIT: In der deutschen Rechtsprechung gibt es nur Rudimente eines Blasphemieverbotes, und zwar im Strafgesetzbuch.

Ateş: Bei uns ist Gotteslästerung kein Straftatbestand. Der Strafparagraf 166 regelt, dass Verächtlichmachung oder Verhöhnung einer Religion dann strafbar ist, wenn die öffentliche Ordnung gefährdet wird. Das hat nichts zu tun mit Blasphemie, wie sie in islamischen Ländern unter Strafe steht. Dort darf man Gott und seinen Propheten nicht beleidigen.